The Afro-Future of Fashion

Das Berliner Kunstgewerbemuseum stellt afrikanische und afro-diasporische Mode in den Mittelpunkt.

18.09.19 > Mode & Beauty

Von Dominique Haensell

Dass Fashion mit Social-Justice-Anstrich sich dieser Tage gut verkauft, weiß Maria Grazie Chiuri, Chefdesignerin von Dior, schon lange. Bereits 2016 schickte das Modehaus seine Models in 620 Euro teuren „We Should All Be Feminists“-T-Shirts über den Laufsteg – inspiriert vom berühmten TED-Talk der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die währenddessen in der Front Row saß – und rief damit wahlweise Begeisterung, Häme oder feministisches Händeringen ob des Ausverkaufs einer politischen Bewegung hervor.

Für seine neue Afrika-inspirierte Kollektion „Common Ground“ ist Dior besser vorbereitet, betont die Zusammenarbeit mit lokalen afrikanischen Produzent*innen und gibt sich „woke“. In einem Promo- Video sieht man die Dior-Chefin im Schneidersitz auf dem Boden

eines palmenumsäumten marokkanischen Innenhofs sitzen. Ihr Gegenüber, das junge Schwarze Model Adesuwa Aighewi, stellt ihr eine vermeintlich unbequeme Frage: „Warum haben Sie Afrika als Inspiration für die neue Kollektion gewählt?“ „Nein, nein, nein“, entgegnet Chiuri leidenschaftlich. „Ich habe Afrika nicht als Inspiration genommen. Wir sprechen über handwerkliche Techniken, die um die Welt reisen.“ Schnitt zu Aufnahmen einer traditionellen afrikanischen Wax-Print-Produktion, dann Models in bunt bedruckten Gewändern und Glasperlen. „Hatten Sie keine Angst, so etwas in diesem politischen Klima zu machen?“, fragt Aighewi. Chiuri kommt ihr zuvor: „Alle sprechen über kulturelle Aneignung, wir müssen das in der Mode reflektieren. Diese Debatten bringen Dior voran!“ Am Ende sind sich beide einig, dass die neue Kollektion wunderschön und wichtig ist, die Frauen umarmen sich. Im Hintergrund hört man softe Trommelrhythmen.

Kulturelle Aneignung, kreative Auseinandersetzung oder gar eine wichtige „intellektuelle Überlegung zu Fashion“? Für viele Kommentator*innen sind die Grenzen fließend, es gab kaum Kritik an Dior. Das bedeutet nicht nur, dass sich der Diskurs in den letzten Jahren ausdifferenziert hat. Was diese neue Kollektion wohl vor allem ausmacht, ist die gezielt eingesetzte Aneignung politischer Diskurse. Dabei bedient Dior auch einen Trend, der seit Jahren ungebrochen scheint: die Sichtbarmachung und Aufwertung afrikanischer und afro-diasporischer Ästhetiken. Spätestens der Erfolg des Marvel-Films „Black Panther“ machte deutlich, was Phänomene wie Afropolitanismus oder Afropunk bereits antizipiert hatten: Afrikanische Prints und Styles sind hochangesagt, vor allem wenn sie vermeintlich „authentisch“ sind. Gleichzeitig zeigt schon das Beispiel des bekanntesten aller afrikanischen Printstoffe, des Wax Cloth, wie kompliziert die Sache ist. Dass es überhaupt so etwas wie einen „afrikanischen“ Stoff angesichts der Diversität dieses riesigen Kontinents geben kann, liegt tatsächlich daran, dass die Technik nicht einem der 54 Län- der entspringt. Stattdessen kam sie durch den Kolonialismus von Indonesien via die Niederlande und England nach Westafrika. Dort kreativ adaptiert, erlangte der Wax-Print eine bis heute ungebrochene kulturelle Bedeutung. Allerdings: Der Großteil der Stoffe wird dieser Tage in China hergestellt und nach Afrika importiert.

Bull Doff, 54 Punk Collection, 2019, © flypix, Missy Magazine 05/19, Mode
Bull Doff, 54 Punk Collection, 2019, © flypix

Sieht man sich die lokalen Produktionsbedingungen an, wird klar: Es macht vor allem einen Unterschied, wer von der Aufwertung afrikanischer Ästhetiken profitiert. Zum Glück gibt es immer größere Plattformen, auf denen Menschen als Akteur*innen auftreten, die bisher bestenfalls der Inspiration dienten. Was sich oftmals als peinlicher Tokenism entpuppt, wirkt um einiges überzeugender bei „Connecting Afro Futures. Fashion x Hair x Design“, einer von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Kollaboration deutscher, ugandischer und senegalesischer Kunst- und Modeinstitutionen. Kuratiert von Claudia Banz, Cornelia Lund und Beatrace Angut Oola, werden auch hier Mode und aktuelle politische Diskurse zusammengedacht. Aber statt lediglich als edgy Aushängeschild zu dienen, stehen erstmals ausschließlich afrikanische und afro-diasporische Mode- und Kunstschaffende im Mittelpunkt. Ausgangspunkt des Projekts war ein einwöchiger Workshop im Berliner Kunstgewerbemuseum vor anderthalb Jahren, zu dem De- signer*innen und Künstler*innen aus Uganda, Benin und Senegal geladen wurden. Daraufhin folgten Veranstaltungen in Dakar und Kampala. Nun wird „Connecting Afro Futures“ wieder zurück nach Berlin gespielt, wo die Ergebnisse der Kollaborationen bis Dezember zu sehen sein werden.

Als „Generation Now“ bezeichnet das Ausstellungsprojekt die jungen Modeschaffenden, die nicht nur inner- und außerhalb des afrikanischen Kontinents Wellen schlagen, sondern auch globale Modehierarchien und Sehgewohnheiten kritisch infrage stellen. Das Label Tondo Clothing aus Kampala entwickelte bspw. einen eigenen Style namens VOUAFF: Visions Of Urban African Future Fashion. Das Ergebnis ist eine ebenso lässig wie futuristisch wirkende Street Fashion, die traditionelle Stoffe und Schnitte neu kombiniert. Das Modelabel Bull Doff aus Dakar verbindet Tradition mit Punk-Ästhetik und kreiert dabei z.B. folgerichtig eine sleeke schwarze Ledervision des traditionell knallbunten Dashiki.

Dabei geht es in der Ausstellung nicht nur um Fashion, Design und Fragen von Produktivität und Nachhaltigkeit, auch Schönheitsideale und -normen sollen hinterfragt werden. Davon zeugt etwa die Mixed-Media-Installation „The Perfect Stereotype“ der Designerin Lamula Anderson. Die Mitgründerin des britisch-ugandischen Labels Lamula Nassuna schlägt dabei einen Bogen von historischen Frauenkleidern mit Tournüre zu ihren eigenen modischen Entwürfen mit Afro-Hair-Extensions. Auch die Arbeiten von Adama Ndiaye und Meschac Gaba rücken das Unterthema „Hair“ in den Fokus. Ndiaye ist nicht nur Gründerin des Labels Adama Paris und der Dakar Fashion Week, sondern brachte auch die Black Fashion Week nach Paris. Ihre Installation „Shameless Afro Hair“ beleuchtet das Thema Natural Hair im afrikanischen Kontext. Gaba, der einzige Künstler aus Benin, beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Kolonialismus und Globalisierung, auch in Bezug auf Flucht und Migration. Seine anlässlich der Ausstellung von Berliner Denkmälern inspirierten Perückenskulpturen sehen nicht nur spektakulär aus, sondern schlagen auch kritische Töne an. Optimistische, wenn auch nicht utopische Visionen von Afrikas Zukunft verspricht die Foto-Film-Collage „Baadaye“ (Swahili für Zukunft) der senegalesischen Künstlerin und Kuratorin Ken Aïcha Sy.

Doch was braucht es dafür? Antworten geben vielleicht auch die zahlreichen Performances, Workshops und Roundtable-Diskussionen von und mit afrikanischen und afro-diasporischen Akteur*innen, die die Ausstellung begleiten und sie in aktuelle dekoloniale Diskurse einbetten. Auch wenn die Dauerbeschwörung von Afrikas Zukunft angesichts sich weltweit in Stellung bringender Märkte schnell einen schalen Beige- schmack bekommt, scheint die durch „Connecting Afro Futures“ ins Spotlight gesetzte „Generation Now“ sich vor allem den Herausforderungen afrikanischer Modeproduktion im Hier und Jetzt zu widmen. Ob diese Generation es wirklich vermag, die Hegemonie des „westlichen Systems Mode“ aufzubrechen, wird sich zeigen. Denn ausgetüftelte Kampagnen wie die von Dior erinnern vor allem an die blitzschnelle Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus: seine Fähigkeit, sich alles einzuverleiben und warenförmig wieder auszuscheiden – und sei es gar Kritik.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/19.

 

 

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