Unter der Lupe

Die Filme im Herbst – rezensiert von Missy.

19.09.19 > Film & Serien

The Remains – Nach der Odyssee
Von Maxi Braun

 

Nathalie Borgers verfolgt mit ihrem Dokumentarfilm einen ungewöhnlichen Ansatz zum Thema Seenotrettung: Sie geht der Frage nach, was von Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, übrig bleibt. Das sind einerseits Artefakte wie Bootswracks und Schwimmwesten, aber auch die Körper der Ertrunkenen, die in den meist anonymen Gräbern in Küstennähe ihre letzte Ruhe finden. Andererseits bleiben aber auch die Angehörigen und Helfer*innen mitsamt ihrer Trauer, Wut und Ohnmacht zurück. Einer von ihnen ist Farzat, der 2014 mit seiner Frau nach Österreich kommt. Die restliche Familie will 2015 folgen, 28 Verwandte wagen die riskante Überfahrt von der Türkei nach Griechenland. Das Boot kentert und sinkt, 14 Menschen überleben, 13 sterben oder sind bis heute vermisst. Farzats Geschichte ist nur eine von vielen, die in „The Remains“ erzählt wird. Wie er blicken alle Interviewten direkt in die Kamera, ringen immer wieder um Fassung. Kein Schnitt schafft Distanz, die Opfer werden vollständig exponiert. Was voyeuristisch klingt, macht es aber auch unmöglich, wegzusehen, und verweigert bewusst die Antwort darauf, wie ein Mensch all das verkraften soll. Der Film kommt ohne Kommentar, ohne Expert*innenmeinung aus und versucht nicht, die Fluchtmotive der Menschen oder die Todesangst der Ertrinkenden nachvollziehbar zu machen. Die Nahaufnahmen der Gesichter derer, deren Schmerz unermesslich ist, sind eindrücklich genug. Was uns als Zuschauer*innen bleibt, ist nur das berechtigte Gefühl, nicht genug dagegen zu unternehmen.

The Remains – Nach der Odyssee AT 2019. Regie: Nathalie Borgers. 90 Min., Start: 26.09.

 

Gelobt sei Gott
Von Anna Opel

Männliche Fragilität ist im Kino recht selten zu sehen. In François Ozons „Gelobt sei Gott“ gelingt am Schauplatz Lyon ein Panorama männlichen Leidens. Unterschiedliche Temperamente, unterschiedliche Schicksale – geeint durch sexuellen Missbrauch – fächern sich zu einem differenzierten Bild auf. Die Erzählung kommt dabei zunächst etwas spröde daher. Familienvater Alexandre stellt fest, dass der Pater, der ihn vor dreißig Jahren missbraucht hat, immer noch mit Kindern arbeitet. Mit dem Ziel, den Pater vom Dienst suspendieren zu lassen, wendet er sich vertrauensvoll an den Kardinal. Bald stellt er fest, dass die Institution mauert. Die Kirche spielt ihre Macht subtil aus. Alexandre lässt nicht locker, er findet andere Betroffene. François etwa, der zögert, ob er sich dem Trauma erneut stellen, ob er wieder zum Opfer werden will. Schließlich steigt er mit Energie in den Kampf ein. Lädierte Protagonisten zeigen ihre Wunden und gewinnen Boden durch die Gemeinschaft. Sensibel arbeitet Ozon mit Rückblicken, souverän setzt er die Autorität der katholischen Kirche visuell in Szene. Ein ungewöhnlicher, optimistischer Film über wahre Begebenheiten, der parallel im Wettlauf mit dem Prozess entstanden ist. 

Gelobt sei Gott (Grâce à Dieu) FR / BE 2019. Regie: François Ozon. Mit: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud u. a., 137 Min., Start: 26.09.

 

Born In Evin
Von Amelie Persson

Maryam Zaree plagt, dass sie fast nichts über die Umstände ihrer Geburt und ihre ersten Lebensjahre weiß. „Born In Evin“ ist die filmische Dokumentation ihrer Suche. Zaree kam 1983 im Teheraner Gefängnis für politisch Inhaftierte – Evin, bekannt für grausame Folter und Hinrichtungen – auf die Welt. Ihre Eltern waren nach dem Sturz des Schahs Gegner*innen des islamischen Regimes unter Ayatollah Khomeini und gehörten zu den unzähligen Verhafteten. Die heutige Grünen-Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg ist Zarees Mutter, der 1985 mit ihrer damals zweijährigen Tochter die Flucht nach Deutschland gelang, wo sie studierte und in Psychologie promovierte. Über ihre Zeit in Gefangenschaft spricht sie nicht. Viele ehemalige Gefangene oder andere in Haft geborene Kinder sind unfähig, über das Erlebte zu sprechen. Doch das Trauma lässt Zaree keine Ruhe. Sie versucht, sich dem Thema auf anderen Wegen zu nähern: mit therapeutischen Ansätzen, im Gespräch mit Experten, Freundinnen ihrer Mutter und Verwandten, bis sie schließlich mithilfe des entstehenden Films in Kontakt mit Betroffenen kommt. Die Spurensuche ist mühsam und die verstörenden Fragmente und Geschichten, die Zaree findet, berühren tief. Sie akzeptiert, dass einige Fragen nie beantwortet werden können, doch ihr Streben nach einem Dialog über das Unaussprechliche trägt im Film bereits Früchte.

Born In Evin DE 2019. Regie: Maryam Zaree. 98 Min., Start: 17.10.

Bonnie & Bonnie
Von Indra Runge

Zwei junge Frauen. Eine Liebe. Ihre Liebe. Bonnie und Bonnie, wie sie sich nennen. Eine Anspielung auf das Gangsterpärchen Bonnie und Clyde, das in den 1930er-Jahren in den USA zu einiger Berühmtheit gelangte und dem Arthur Penn 1967 ein filmisches Denkmal setzte. Bonnie und Bonnie, das sind Kiki (Sarah Mahita) und Yara (Emma Drogunova) aus Wilhelmsburg. Kiki hat bereits eine kleine Karriere in Jugendheimen und Gefängnis hinter sich und jobbt jetzt in einem Wettlokal, die 17-jährige Albanerin Yara kümmert sich um Familie, Haushalt und ihren Kioskjob und ist ansonsten mit ihrer Clique unterwegs. Vermutlich keine ungewöhnlichen Lebensläufe im Hamburger Vorort. Dann treffen diese sich nach Freiheit, Unbekümmertheit, Nähe und Zugehörigkeit sehnenden Mädchen aufeinander, erkennen und verlieben sich. Doch ihre Liebe hat keine Chance: Sie muss im Verborgenen stattfinden, denn sie wird nicht toleriert. Bonnie und Bonnie beginnen zu kämpfen, sie rauben, verletzen und flüchten – wie ihre filmischen Vorbilder. Eigentlich genug Stoff, um eine ebenso dichte wie packende Geschichte zu erzählen. Doch Ali Hakim überfrachtet seinen Film mit zu vielen Ideen und filmischen Mitteln: kurze Bildstakkatos zu HipHop-Beats à la „Amélie“ am Anfang des Films, Soziale Medien, die die Liebe und Flucht der beiden quasi begleiten, eine komischerweise immer wieder aus dem Film fallende Jugendsprache, ein Soundtrack, der „Wir sind Bonnie und Bonnie“ beschwört, Showdown bei einer Open-Air-Party … ganz abgesehen von dem ein oder anderen Klischee, wie dem arbeitslosen, kontrollsüchtigen großen Bruder. „Bonnie & Bonnie“ verpasst bei alledem leider die Chance, eindringlich und unaufgeregt über das Erwachsenwerden dieser Mädchen zu erzählen. 

Bonnie & Bonnie DE 2019. Regie: Ali Hakim. Mit: Emma Drogu- nova, Kasem Hoxha, Sarah Mahita u. a., 90 Min., Start: 24.10.

 

Booksmart
Von Ina Holev

Sie machen lieber Hausaufgaben, als auf Partys zu gehen: Molly (Beanie Feldstein) und Amy (Kaitlyn Dever) sind die perfekten Streberinnen und angehende Girl Bosses. Den besten Freundinnen stehen Freiwilligendienste und ein Studium an Eliteuniversitäten bevor. Doch auch ihre feierwütigen Mitschüler*innen erwarten zum Schulabschluss vielversprechende Karrieren. War das ganze Lernen also umsonst? Molly und Amy scheinen bei all der Arbeit den Spaß im Leben verpasst haben – und müssen diesen nun nachholen. So soll die Nacht vor der Abschlussfeier eine ganz besondere werden. Schlagfertige Dialoge und witzige Fremdscham-Momente: Das Regiedebüt der als Schauspielerin bekannten Olivia Wilde („Dr. House“, „Tron Legacy“) ist voller mitreißender Energie. „Booksmart“ bietet dabei alles, was zu einem guten Highschool-Film dazugehört. Doch glücklicherweise klammert sich der Streifen dabei nicht zu sehr an bestehende Stereotype. Mit einer queeren Protagonist*in und sexpositiver Grundhaltung gibt „Booksmart“ Teenie-Komödien auch ein nötiges Update für die heutige Zeit. Zudem zelebriert der Film weibliche Freund*innenschaft mit allen Höhen und Tiefen. Die Chemie zwischen den Protagonist*innen wirkt sehr natürlich und vor allem Beanie Feldstein (bei „Ladybird“ noch als Beste-Freundinnen- Sidekick) glänzt in ihrer Rolle als privilegiert-überhebliche und doch sympathische Molly. Ein Coming-of-Age-Film, der einfach Spaß macht. 

Booksmart US 2019. Regie: Olivia Wilde. Mit: Beanie Feldstein, Kaitlyn Dever, Billie Lourd u. a., 105 Min., Start: 14.11.

 

Madame
Von Barbara Schulz

„Sag mal, Stéphane, hast du keine Freundin? In deinem Alter!“, wundert sich die Großmutter, eine Schweizer Dame, über ihren Enkel, mit dem sie innig verbunden ist. Der beginnt auf ihrem neunzigsten Geburtstag, sie zu filmen, und hat nun aus Filmschnipseln, Anrufbeantwortersprüchen der mittlerweile verstorbenen Oma und anderem biografischen Material einen Dokumentarfilm kreiert. Darin verwebt er ihr Schicksal mit seinem eigenen zu einem Dialog völlig unterschiedlicher Menschen. Die Oma, die als 15-Jährige einen Mann heiraten musste, weil sie mit ihm gesehen worden war. Die in ihrer Ehe vergewaltigt wurde und einen Sohn zur Welt brachte, Riethausers Vater, bevor sie sich scheiden ließ. Die sich in die Arbeit stürzte, eine der ersten erfolgreichen Geschäftsfrauen in der Schweiz wurde und dafür vieles aufgab: „Ich war nie glücklich verliebt. Weißt du, was mich gerettet hat? Gedichte und die Liebe zur Natur.“ Riethauser hingegen ist die Liebe wichtig. Er hat einen bürgerlichen Hintergrund und merkt früh, dass er sich durch seinen „Zizi“ (Penis) von den Mädels unterscheidet. Gern wäre er so wie sein Vater, mit hübscher Ehefrau, gutem Job und Fußballkumpels. Zu Anfang klappt das, als er Anwalt wird und Freundinnen hat. Doch Männer scheinen ihm attraktiver. Er fragt sich, ob er bi oder schwul ist, outet sich schließlich als schwul. Als seine Eltern darauf geschockt reagieren, beschließt er, seiner Oma nichts zu sagen, um sie zu schonen. Für sie hat er diesen Film gedreht, der ehrlich, tieftraurig, aber auch lustig ist. 

Madame CH 2019. Regie: Stéphane Riethauser. Mit Caroline Della Beffa, Stéphane Riethauser, Heike Riethauser u. a., 94 Min., Start: 29.08.

 

Systemsprenger
Von Sophie Charlotte Rieger

Benni schreit. Viel. Damit ist bislang noch jede Wohngruppe überfordert gewesen. Kaum hat sich die Neunjährige irgendwo eingelebt, führt ihr impulsiv-aggressives Verhalten zu einer erneuten Einweisung in die Psychiatrie, worauf der nächste Wohnortswechsel folgt. 37 Absagen hat die zuständige Sozialarbeiterin erhalten. Niemand will Benni haben. Und allein in diesem Satz liegt schon der ganze Schmerz, den das kleine Mädchen ein ums andere Mal mit aller Kraft herausschreit. Regisseurin Nora Fingscheidt gelingt das scheinbar Unmögliche: Sie gewährt einen Blick in Bennis Lebenswelt, der vielleicht nicht Verständnis, aber doch Mitgefühl ermöglicht. Die wacklige Handkamera und schnelle Schnitte unterstreichen in den Momenten der Eskalation, wie sehr Bennis Welt aus den Fugen gerät, dass es nichts und niemanden mehr gibt, an dem sie sich festhalten kann. Unscharfe Erinnerungsfragmente, Close-ups in schnellen Montagen und mit bedrohlicher Musikuntermalung vermitteln ein Gefühl für das frühkindliche Trauma der Hauptfigur. „Systemsprenger“ ist ein in der Jugendhilfe gängiger Begriff für Kinder wie Benni. Indem Nora Fingscheidt auch das System selbst mittels der erwachsenen Figuren betrachtet, nimmt sie ihre Figuren aus der Schusslinie und vermeidet die vereinfachte Unterscheidung von Täter*innen und Opfern. Wenn überhaupt sind hier alle Opfer desselben Systems – eines Systems, das sich nicht den Kindern und ihren Bedürfnissen anpasst, sondern diese in Schubladen zwingt. Ein System, das sich im Grunde selbst sprengt.  

Systemsprenger DE 2019. Regie: Nora Fingscheidt. Mit: Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister u. a., 118 Min., Start: 19.09.

 

Dunkel, fast Nacht
Von Ana Maria Michel

Missy 05/19 Filmrezis Dunkel-fast-Nacht

In der polnischen Stadt Walbrzych sind drei Kinder verschwunden. Die Journalistin Alicja Tabor (Magdalena Cielecka) will eine Reportage über die Geschehnisse schreiben und kehrt deshalb in ihre Heimat zurück. In dem alten verlassenen Haus am Waldrand kommen die Erinnerungen wieder. Tabor wird mit ihrer eigenen Familiengeschichte konfrontiert, mit der gewalttätigen Mutter, der früh verstorbenen Schwester. Überall, wo sie hinschaut, tun sich Abgründe auf. Tabor spricht mit den Menschen, die mit den verschwundenen Kindern zu tun hatten. Überall nur Gewalt und Grausamkeit. „Dunkel, fast Nacht“ basiert auf dem Bestseller von Joanna Bator. Der Film von Borys Lankosz ist eine Mischung aus Drama, Krimi und Mystery-Thriller. Manches Rätsel wird bis zuletzt offenbleiben. Was hat es genau mit den Katzenfrauen auf sich, die offenbar im Wald leben und den Kindern helfen wollen? Gibt es die Perlen der Herzogin Daisy wirklich, nach denen schon Tabors Vater gesucht hat? Etwas merkwürdig Märchenhaftes durchzieht den Film, der teils doch etwas zu bedeutungsschwanger geraten ist. Auch die eine oder andere Verstrickung weniger hätte gut getan. Doch immer wieder läuft es einem kalt den Rücken herunter, wenn es darum geht, was Menschen einander antun. Der Horror wird ohne viel Aufregung erzählt, aber das macht ihn nicht weniger furchtbar. Lankosz’ Bilder sind dramatisch, aber leise, sie verstören, ohne zu erschrecken. Es sind solche Bilder, die in Erinnerung bleiben. 

Dunkel, fast Nacht PL 2019. Regie: Borys Lankosz. Mit: Magdalena Cielecka, Marcin Dorocinski, Modest Rucinski u. a., 111 Min., Start: 10.10.

Diese Texte erschienen zuerst in Missy 05/19.

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