Das Leben, wie Lily Allen es sieht

Lily Allen hat mit uns über ihre Autobiografie „My Thoughts Exactly“ gesprochen.

Von Marie Serah Ebcinoglu

Seit ich lesen kann, sind in der Klatschpresse Verrisse über die britische Popsängerin Lily Allen zu lesen. Sie sei zu dünn, der Jojo-Effekt hätte mal wieder zugeschlagen, sie kleide sich zu auffällig, sei keine gute Mutter, ließe ihre Karriere schleifen und mache auf Hausfrau – die Liste ist lang. 2018 hat sie eine Autobiografie veröffentlicht, um den Geschichten über sich etwas entgegenzusetzen: „Ich wollte mich endlich nicht mehr schämen müssen für all das, was über mich erzählt wurde.“

Lily Allen © EMF/Cosmo Webber

Nun ist „My Thoughts Exactly“ auch auf Deutsch erschienen.  Lily Allen erzählt dort von ihrer Kindheit, die von häufigen Schulwechseln und Eltern, die im Rampenlicht standen und daher abwesend waren, geprägt war. Ihre Erfahrungen und Probleme, wie ihre romantische Co-Abhängigkeit, Drogen- und Alkoholsucht, eine Fehlgeburt, die gescheiterte Ehe, sexuelle Übergriffe und Sexismus in der Musikbranche, beschreibt sie brutal ehrlich. Das Buch ist an vielen Stellen ein quälend-unkomfortables Leseerlebnis. Wenn sie erzählt, wie sie aufgrund der Sucht ihre Kinder vernachlässigt, ihren eigenen Eltern denselben Vorwurf macht und sie als einen Grund für ihre psychische Krankheit bezeichnet oder wie ihre Person auf  unfaire Weise von der Öffentlichkeit ausgeschlachtet wird, ist das bedrückend und bindet die Leser*innen emotional.

Sie kommentiert fast jede mediale Debatte um ihre Person, geht beispielsweise auf die Rassismusvorwürfe im Zuge ihres „Hard Out Here“-Videos von 2013 ein. Sie hatte damals ausschließlich PoC-Backgroundtänzerinnen angeheuert und habe nun realisiert, dass ihre Interpretation, die einer privilegierten weißen Frau gewesen sei. Durch die Debatte habe ihre Wahrnehmung und ihr Denken sich verändert. Ob das Ganze jetzt ein Lena-Dunham-Move war oder ehrliche Einsicht, wird nicht vollkommen klar. Insgesamt gibt es einige Momente, in denen Allen ihr eigenes Privileg nicht präsent ist und sie teils widersprüchlich reflektiert.

Sprachlich ist das Werk wenig anspruchsvoll und auch die feministische Position, die sie dabei einnimmt, ist nicht neu. Bereits 2006, in ihrem ersten Hit „Smile“, prangerte sie männliche Eingriffe in weibliche Räume an. Doch sie legt den Finger in gesellschaftliche Wunden, thematisiert immer wieder Geschlechterdiskriminierung auf institutioneller sowie persönlicher Ebene. Es ist wichtig, dass es Personen gibt, die ihre Erfahrungen anbieten, Identifikation ermöglichen und so anderen Betroffenen den Weg immer ein Stückchen leichter machen, sich Gehör zu verschaffen.

Wie es sich anfühlt, die eigene Persönlichkeit zu spalten, eine öffentliche, von ihr „Cartoon-Lily“ genannte Person zu sein, die oft nichts mit der privaten Lily zu tun hat und wie sie andere Frauen mit ihrem Buch stärken möchte, hat sie uns in einem persönlichen Gespräch verraten.

Du scheinst die schlimmen Momente deines Lebens in deiner Biografie retrospektiv zu betrachten und aus einer anderen Position heraus zu schreiben. Wie geht es dir momentan?
Tatsächlich sehr gut. Ich konnte, seitdem ich das Buch geschrieben habe, viele negative Dinge loswerden. Ich arbeite an zwei Musicals und an meinem fünften Album. Eine Balance aus physischer Bewegung, Struktur im Alltag und Therapie ist sehr hilfreich für mich. So kann ich mir auch mal Zeit für mich und meine Kinder nehmen. Auch weniger Zeit auf sozialen Medien zu verbringen hat sehr geholfen.

Wieso hast du dich entschlossen, mit 32 Jahren deine Autobiografie zu schreiben?
Es hat viel Positives, eine bekannte Person zu sein und machen zu dürfen, was ich wirklich möchte. Ich kann kreativ sein, darf auf der Bühne stehen und bekomme direktes, positives Feedback von meinen Fans. Leider gibt es hier in Großbritannien eine Art Obsession der Klatschpresse mit mir, die wirklich negativ und sexistisch ist. Ich bin ständig patriarchaler Bewertung ausgesetzt. Die Presse arbeitet mit Schuldgefühlen und Scham. Du bist keine gute Ehefrau, keine gute Mutter – aber du kannst nicht alles auf einmal sein. Oft habe ich das Gefühl, dass es dabei um Frauen generell geht und ich nur als eine Art Boxsack diene. In meinem Leben ist viel passiert, über das ich nicht gerne rede. Aber ich hatte Angst, dass wenn ich nicht darüber spreche, diese Dinge gegen mich verwendet werden, so wie es mir anfangs passiert ist. Ich wollte ohne Scham meine Geschichte erzählen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ich auf alles stolz bin, aber man kann es nicht mehr gegen mich verwenden. Außerdem kann man nur mit Problemen umgehen, wenn man darüber redet. Ich habe das Gefühl, man mag es nicht, wenn Frauen die Freiheit haben, über ihre Probleme und Komplikationen zu reden. Man will uns Frauen sagen, wie wir uns zu verhalten haben und wann wir eine Enttäuschung sind. Da endet dann oft die Diskussion. Wir befinden uns jedoch gerade in einer aufregenden Zeit, in der Frauen mehr für sich selbst einstehen und darüber auch reden. Das ist wirklich wichtig.

Hast du das Schreiben als kathartischen Moment für dich erlebt?
Also der karthartischste Moment war, in Therapie zu gehen. Ich denke, mit den Dingen, die dort in mir hochkamen, können sich wahrscheinlich viele identifizieren. Das versuche ich ja auch, mit der Musik zu erreichen. Es geht darum, was andere Leute hilfreich finden könnten. Manchmal geben Frauen mir Feedback, dass sie sich durch bestimmte Themen weniger ausgeschlossen und weniger wie ein Sonderling fühlen. Und das wiederum hilft mir, mich selbst weniger als Freak zu fühlen.

War es schwer für dich, so viel Intimes preiszugeben? Viele Dinge, die du in deinem Buch erzählst, würden andere nicht mal mit ihren Freund*innen besprechen.
Ach, weißt du, das Thema Freundschaft ist schwierig für mich. Vieles, was ich Freund*innen anvertraut habe, musste ich im Nachhinein in Gossip-Magazinen wiederfinden. Das hat natürlich zu Vertrauensproblemen geführt. Und es gab Reporter*innen, die sich in meine Mails gehackt haben. Die Liam-Gallagher-Geschichte z. B.: Eine Zeitung wusste davon und ungefähr ein Jahr lang haben sie mich immer wieder angerufen und gesagt: „Morgen packen wir diese Story aus.“ Ich war die ganze Zeit so besorgt – es war schrecklich. Und dann habe ich irgendwann realisiert, dass die Geschichten eigentlich nicht so schlimm sind, es sind Dinge, die man mit Anfang zwanzig halt so tut. Ich hatte so viele Angstzustände, es fühlt sich gut an, jetzt davon befreit zu sein – und dafür bezahlt zu werden (lacht).

Gegenüber BBC erwähntest du, deine Plattenfirma würde dich aus sexistischen Gründen nicht mehr richtig unterstützen. Sie buchen keine Auftritte mehr für dich und schalten keine Werbung für dein nächstes Album, doch du wirkst immer sehr fröhlich, wenn du über deine Zeit nach eurer Kollaboration erzählst.
Mein fünftes Album wird vielleicht nicht mehr von ihnen produziert werden. Ich freue mich sehr auf die nächste Episode meines Schaffens, die nächste Ära für mich. Ich fühle mich sehr befreit und ich denke, das kann man auch schon in meiner Musik hören. Sie ist viel optimistischer.

Lily Allen „My Thoughts Exactly“ Aus dem Englischen von Andrea Kunstmann. EMF, 304 S., 20 Euro

Du hast den Produzenten, der dich sexuell belästigte, nie öffentlich benannt.
Ich wollte nie Vergeltung. Meine Intention war nicht, ihn vor Gericht zu bringen. Er war jung, dumm und hat sich daneben benommen. Natürlich hatte sein Verhalten trotzdem schwere Konsequenzen für mich. Bei der Sache geht es nicht um mich allein, ich habe eine Verantwortung auch anderen Frauen gegenüber, mit denen er arbeitet. Ich habe das Thema angesprochen, damit alle, die es wissen müssen, einschätzen können, wie er sich verhalten kann. Es ging mir um die Pflicht, anderen Frauen gegenüber, die vielleicht nicht in der Position sind wie ich, um Vergeltung auf irgendeine Art zu bekommen.
Obwohl ich das Richtige tun wollte, habe ich diesbezüglich Gegenwind bekommen. Es ist schon interessant zu sehen, wie Männer darauf reagieren, wenn Frauen über ihre Erfahrungen reden. Z. B. als ich erzählte, jemand sei bei mir zu Hause eingebrochen und hätte meine Handtasche gestohlen. Aus irgendeinem Grund reagieren Männer anders, wenn es eine Frau ist, der das widerfährt. Vielleicht liegt es daran, dass Männer wissen, dass sie im Grunde alle das Potenzial haben, so etwas zu tun. Oder vielleicht haben sie in ihrer Vergangenheit schon mal etwas Verwerfliches getan und jetzt projizieren sie diese Situation auf sich. Ich weiß nicht, was es ist, aber es macht mir Angst. Wir müssen alle mehr über diese Situationen reden. Nicht anschuldigend, aber vorwärtsgewandt. Wir müssen schauen, wo die Grenze ist und unseren Kindern ein Vorbild sein. Wenn Menschen dir deine Wahrheit absprechen, hast du das Gefühl, du existierst nicht. Und das ist ein schreckliches Gefühl.

 

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