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„Show me, show me your masculinity“

Alisa Tsybina und Gordian Gleiß von shi offline im Gespräch.

23.10.19 > Musik

Von Barbara Schulz

Die Sängerin trägt ein durchsichtiges Kleid, darüber einen Harness-BH und eine Lederjacke, die sie schnell ablegt. Sie tanzt eckig über die Bühne, schraubt nebenbei an Gerätschaften den Sound ihres Gesangsmikros zurecht, damit ihre Vocals mal quietschig hoch, mal verzerrt oder tief klingen, wirft sich hinein in die Beats, die der Mann links von ihr bastelt. Der beugt sich über seine Tasteninstrumente und tanzt ebenfalls. Sieht aus und klingt alles irgendwie nach Neunzigerjahre, fühlt sich an wie eine gute Party. Dazu passen auch die Nebelschwaden und die Dunkelheit in dem mit Leuten aus aller Welt übervollen Club. Einziges Manko: Die Musik knallt nicht so richtig, ist zu leise, viele Gäste unterhalten sich. Ich gehe zum Soundmann und bitte ihn, doch die Regler hochzuziehen.

©Philipp Kroll

Die Band, die an diesem Abend in der Fabrique im Hamburger Gängeviertel ihr Album „Golaya“ vorstellt, heißt shi offline, die Sängerin Alisa Tsybina und der Soundtüftler Gordian Gleiß. Sie spielen seit ca. vier Jahren zusammen, nannten sich zuvor „the other shi“ und bekamen 2017 den Hamburger „Krach + Getöse“-Preis von RockCity verliehen. „Das ist ein Preis für junge Bands. Da wird man dann ein Jahr lang maßgeschneidert supportet, macht Studioaufnahmen und Showcases, wird besser vermarktet. So sind wir z. B. an unseren Auftritt beim Reeperbahn Festival gekommen“, erzählen sie beim Interview in einem Café im Hamburger Karoviertel.

Kennengelernt hatten sich die in Hamburg ansässige HfBK-Studentin und der in Berlin lebende HipHop-Produzent und Theatermusiker (u. a. am Thalia Theater) über einen gemeinsamen Freund. „Der saß in Alisas Küche, sie hat Gitarre geklimpert“, erzählt Gordian, ein eloquenter, fröhlicher Typ. Alisa, die unverblümt-selbstbewusst rüberkommt und ihre Worte mit Bedacht wählt, ergänzt: „Er hat mich dann noch mal getroffen und meinte, willst du nicht mal vorbeikommen im Studio, ich zeig dir, was für Musik ich gerade mache. Dann haben wir gleich beim ersten Mal einen Track geschrieben und waren ab da immer verliebt ineinander.“ Ein Paar sind shi offline nicht, aber enge Freund*innen, die auch mal Hand in Hand durch die Straßen spazieren und sich ihre eigene Musikwelt schaffen, trotz völlig verschiedener musikalischer Backgrounds. Alisa Tsybina liebt die russische Künstlerin Kedr Livanskiy, Ic3peak und Peaches, Gordian Gleiß eher Kitschkrieg, Da Real und so „House-Garage-Kram“. Die häufigen Vergleiche mit den südafrikanischen Die Antwoord parieren beide schulterzuckend: „Ja klar“, meint Alisa, „da ist die stark fiepsige Stimme und ein bounciger Beat. Wenn man sich nicht auskennt, vergleicht man das halt. Aber viele verstellen ihre Stimme beim Singen, oder nicht?“

Bislang veröffentlichten shi offline nur online, Ende 2016 kam ihre Debut-EP „</3“ und 2017 das Album „Bodylotion“, das ihnen 2018 ein ausverkauftes Konzert in der Elbphilharmonie bescherte und bei dem Tsybina gesanglich noch an Björk erinnerte.

Auf ihrem ersten haptischen Album „Golaya“ (Russisch für „nackt“ in weiblicher Form), das als CD und LP am 18. Oktober 2019 auf dem Hamburger Label Audiolith erschienen ist, sind shi offline mehr sie selbst und zeigen mit ihrem „Destroypop“ ein Händchen für Ohrwürmer. Klar, Beats und Abläufe der tanzbaren Lieder sind oft Neunzigerjahre, doch manche Basswand, bei der man fürchtet, gleich bersten die Boxen, sind definitiv von heute. Zu den eher kalten Sounds singt Alisa Tsybina mit effektverhangener Stimme ihre melancholischen, Englisch und Russisch mischenden Texte.

Hörbare Vorbilder sind die frühe Grimes (in „Krill“), die Pet Shop Boys („Slide to upgrade“), auch mal eine Prise Anne Clark (in „God is a witch“). Verhandelte Themen sind Antiopden wie Liebe und Hass, Weiblichkeit und Männlichkeit, Verletzlichkeit und Härte, „Bipolarität in allen Dingen“, wie Tsybina sagt. Dreh- und Angeltrack von „Golaya“ ist „Masculinity“. „Show me, show me your masculinity“, lockt Sybina und zerdehnt die Silben so sehr, dass am Ende fast nichts bleibt. Die Musik dazu: sinistre Synthiewände, Stöhnsamples und Peitschenknallen. „Ich glaube, ,Masculinity‘ ist entstanden, weil mir von einem Mann so bisschen vorgeworfen wurde, frigide zu sein. Da dachte ich, wie kann man jemandem Sexualität aufdrängen oder Verhalten erzwingen, oder wer bin ich überhaupt als Frau, wie soll ich sein, wie willst du mich haben? Und dann bin ich so wütend geworden, daraus entstand dieser Track, der nicht nur die Beziehung reflektiert, sondern eigentlich auch ein größeres Thema aufgemacht hat für mich. Und da ist es fast schon ironisch: ,Zeig mir dein maskulines Ich, meine Knie bluten schon‘, oder ,Ich brauche deine Krücken, um zu laufen.‘ Ich finde es gut, wenn es eine Authentizität bewahrt. Ich spreche ehrlich über Sachen, die mich beschäftigen, aber versuche, sie trotzdem so zu halten, dass sich auch jemand anderes hineinversetzen kann.“

Warum singt Alisa eigentlich Englisch und Russisch gemischt? „Meine Familie stammt aus Russland, auch ich bin dort geboren. Meine Eltern meinten, du musst Russisch lernen, du wirst es irgendwann brauchen, ich meinte Nein. Aber ich habe es gelernt. Und nun hatte ich Lust, das Englische mit Russisch zu brechen, noch mehr so ein Bild zu schaffen, durch das Weiche im Russischen und das Gerollte.“

Jetzt, wo sie auf Audiolith gelandet sind, scheinen shi offline mit großen Schritten vorankommen. Gerade sind sie mit den Labelkollegen von Frittenbude auf Tour, und sie freuen sich schon auf den nächsten Festivalsommer. Vielleicht mit einem eigenen Soundmenschen? Ist schon wichtig, dass „jemand verstanden hat, worum es uns geht, wie es sich anhören soll, aber das kann man nicht immer erwarten“, meint Alisa. Gordian sieht das anders: „Für die Weiterentwicklung ist es wichtig, dass der Sound gleich bleibt.“

shi offline „Golaya“ Audiolith/Broken Silence

Der Soundmann an dem Abend in der Fabrique hat nach dem Hinweis übrigens brav lauter gemacht. Prompt wurde weniger geschnackt und mehr geschwooft. Geht doch!

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