„Ich bin mit Nachrichten aufgewachsen von Kurd*innen, die getötet wurden, weil sie Kurdisch sprachen“

Eine Antwort auf Cigdem Topraks Kommentar in der „Welt“.

29.10.19 > Sibel Schick
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Sibel Schick ist 1985 in der Türkei geboren und wohnt seit 2009 in Deutschland. Sie ist freie Autorin (taz), Social-Media-Managerin, arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation und ist Mitgründerin einer proaktiven, antisexistischen Online-Plattform. Sie provoziert gern und bezeichnet sich als ein "offenes, peinliches Buch". Auf Twitter schreibt sie unter @sibelschick.

Von Sibel Schick

Ich habe lange überlegt, ob ich Cigdem Topraks Kommentar in der „Welt“ vom 17. Oktober antworte. U. a. hat sie in ihrem Artikel geschrieben, dass es in der Türkei keinen Rassismus gegen Kurd*innen gebe. Diese Aussage versuchte sie mit Beispielen aus dem Militär zu beweisen und anhand des kurdischen Sängers Ahmet Kaya. Ich habe so viel dazu zu sagen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich glaube, ich fange am besten mit den Schuljahren an.

In jeder Schule in der Türkei hängen vier Bilderrahmen in jedem Klassenzimmer, oft über der Tafel, sodass die Schüler*innen sie durchgehend sehen müssen. In diesen Rahmen finden sich jeweils der Text der Nationalhymne, ein Bild von Atatürk, die türkische Fahne und ein Ausschnitt einer von Atatürks berühmten Reden, in dem er sich an die „türkische“ Jugend wendet und sie auf ihre patriotischen Pflichten hinweist.

1997 wurden Grund- und Mittelschule zusammengeführt, türkische Schulen bestehen seitdem aus acht Stufen. Jeden Morgen bevor der Schultag begann, sammelten sich früher alle Schüler*innen am Schulhof, stellten sich zum Appell und schwuren einen Eid, der mit „Ich bin Türke – ich bin aufrichtig“ begann und mit „Sei meine Existenz ein Geschenk ans Vaterland“ endete. Jeden Morgen, fünf Mal die Woche, acht Jahre lang also starteten alle Schüler*innen in der Türkei ihren Schultag mit dem Satz „Ich bin Türke“ – egal, ob sie Türk*innen waren oder nicht. Jeden Morgen schwuren sie einen Eid, ihre Existenz dem Vaterland zu widmen. Bis diese Praxis 2013 abgeschafft wurde.

Jedes Jahr 190 Mal. Acht Jahre lang. Insgesamt 1520 Mal wiederholen sie es.

1520 Mal mussten kurdische, armenische, griechische und andere Schüler*innen in der Türkei am Schulhof darauf schwören, „Türken“ und aufrichtig, zu sein. Auch jene Schüler*innen, die später in Topraks Text als stolze Teile des diversen türkischen Militärs auftauchen. Diese sind aber erst kurdisch, armenisch oder griechisch, wenn sie sich bei ihrer Ankunft bei der Armee überhaupt noch daran erinnern können, wer sie sind. Wenn ihre Identität noch nicht ausgelöscht wurde. Denn es bleibt nicht bei dem morgendlichen Eid in der Schule. In den 1990er-Jahren tauchte das Wort „Kurden“ im Lehrplan nicht einmal auf.

Die Fernsehnachrichten zeigten tagtäglich Soldatenbeerdigungen, auf denen weinende Eltern versuchten, schreiend die Särge ihrer toten Kinder zu umarmen. Mit melancholischer Musik im Hintergrund. Alle Instanzen, alle Institute der Türkei, stützen auf eine türkische Nationalidentität, die alles andere ersetzt und gar erstickt.

Natürlich gibt es auch türkische Soldaten, die freiwillig in die Armee gehen. Das dürfte aber einen kleineren Teil ausmachen. Die Wehrpflicht in der Türkei zu entkommen ist gar nicht so leicht, das können sich in der Regel nur jene leisten, die aus einflussreichen oder wohlhabenden Familien kommen. Z. B. musste Bilal Erdoğan, der Sohn des türkischen Präsidenten, eben nicht in die Armee. Vor und nach ihm mussten das auch nur in seltenen Fällen die Familienmitglieder einflussreicher Politiker*innen.

Wehrpflichtverweigerung aus Gewissensgründen ist nicht möglich. Von Wehrpflicht betroffen sind jene Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wird. Homosexualität kann unter Umständen von der Wehrpflicht befreien, allerdings nur gegen Begutachtung. Diese müssen dann vor Mediziner*innen intime Fragen beantworten und „beweisen“, dass sie nicht hetero sind. Viele berichten von Misshandlungen bei Untersuchungen und Eingriffen in intime Lebensbereiche. Zudem ist hoffentlich klar, dass es sich dabei nicht um ein Privileg handelt, sondern um einen Ausschluss, weil beim Militär eben nur heterosexuelle Männer willkommen sind.

Die Wehrpflicht zu entkommen kann zudem später im Berufsleben zu Schwierigkeiten führen. Viele Unternehmen möchten keine Männer einstellen, die ihren Wehrdienst noch nicht geleistet haben, weil diese dann irgendwann gehen müssten. Daher gehört bei Männern die Frage, ob die Pflicht schon erfüllt sei, zu den Grundthemen eines Vorstellungsgesprächs. Wenn sie von der Wehrpflicht befreit wurden, können sie damit rechnen, dass sie es den Arbeitgeber*innen begründen müssen. Die Befreiung von der Wehrpflicht kann also zu Zwangsoutings auf Vorstellungsgesprächen führen.

Wer versucht, der Armee zu entkommen, macht sich strafbar und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren verurteilt werden. Mobbing und rassistische Diskriminierung gehören zu den Grundproblemen der Soldaten. Die Suizidquote unter Soldaten ist 2,5 Mal höher als innerhalb der Zivilbevölkerung. Zwischen 2002–2018 nahmen sich insgesamt 1141 Soldaten das Leben. Das ist höher als die Zahl jener Soldaten, die im selben Zeitraum in bewaffneten Auseinandersetzungen starben (812). Laut eines Berichts sind neunzig Prozent der Soldaten, die Suizid begehen, Kurden.

Der pensionierte Oberst Mustafa Hacımustafaoğulları sagte 2013 in einem Interview mit der türkischen Presse, dass viele Soldatensuizide möglicherweise Morde seien, die als Selbstmord hingestellt werden. Er riet Angehörigen, auf Aufklärung zu bestehen.

Cigdem Toprak spricht von der türkischen Armee so, als wäre sie eine Kita in Prenzlauer Berg. Als gebe es keine Wehrpflicht, als würden reiche und einflussreiche Menschen ihre Söhne überhaupt zum Militär gehen lassen, als seien diese sogenannten Diversitätssoldaten alle freiwillig da, als könnten sie dort ihre ethnische oder sexuelle Identität outen und würden dafür nicht mindestens gemobbt, im schlimmsten Fall sogar ermordet werden.

Die Sprache, oder besser gesagt die Sprachlosigkeit der Kurd*innen in der Türkei, tötet auch. Ich bin mit Nachrichten aufgewachsen von Kurd*innen, die getötet wurden, weil sie Kurdisch sprachen. Wer es googlet, findet unzählige Meldungen dazu, allerdings griff die Autorin Ronya Othmann ein paar der neuesten Fälle in ihrem letzten „taz“-Kommentar auf.

Ich weiß noch genau, wie ich die Zähne zusammenbiss und mir jeden Morgen am Schulhof beim Eidschwören immer wieder sagen musste, dass ich Kurdin bin, um die täglichen Lüge, dass ich Türkin sei, nicht selber glauben zu müssen. Meine junge, alleinerziehende Mutter hat mir kein Kurdisch beigebracht, um mich zu schützen. Ich bin kein Einzelfall, viele kurdische Familien treffen dieselbe Entscheidung. Viele Kurd*innen in der Türkei können heute kein Kurdisch, weil es für sie gefährlich ist.

Toprak versucht ihre Aussagen nicht nur mit willkürlichen sondern auch mit zynischen Beispielen zu belegen, und so erwähnt sie auch Ahmet Kaya als gelungenes Beispiel für ihren inklusiven Nationalismus. Kaya ist gerade jener kurdische Sänger, der aufgrund des Rassismus, den Toprak zu widerlegen versucht, aus der Türkei fliehen und im Exil sterben musste. Er musste fliehen, weil die mediale Hetzkampagne gegen ihn lebensbedrohliche Dimensionen nahm. Grund: Ahmet Kaya sagte 1998 während einer Dankesrede einer Preisverleihung, für sein nächstes Album ein Lied auf Kurdisch aufnehmen zu wollen. Schon während seiner Rede wurde er auf der Stelle attackiert, seine Frau Gülten Kaya konnte gerade einen Lynchversuch entkommen. Das markierte den Start einer medialen Hetzkampagne, die von polizeilichen Untersuchungen begleitet wurde. Wie gefährlich solche Hetzkampagnen sein können, wissen wir spätestens seit dem Mord an Tahir Elçi 2015. Ähnlich wie bei Kaya startete eine mediale Hetzkampagne gegen Elçi, und kurz danach der kurdische Rechtsanwalt vor laufenden Kameras erschossen. Kaya hat zwar das Land verlassen, aber lange lebte er im Exil nicht – viele glauben, dass er an Kummer und Heimweh starb.

Wenn man Tatsachen verdrehen muss, um Menschenrechtsverletzungen, Auslöschungspolitik und rassistische Gewalt unsichtbar zu machen und in Topraks Fall gar als positive Tatsachen darzustellen, dann ist auch das ein Teil der Auslöschung und rassistischer Gewalt. So macht man sich zur Mittäterin.

Ich lese Topraks Text und kann es nicht fassen. Ich lese ihn gleich zwei Mal. Und dann lese ich ihn ein drittes Mal. Und kann es immer noch nicht fassen. Ich habe so viel dazu zu sagen. Diese Kolumne reicht nicht. Es gibt noch so viel zu erzählen. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll.


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