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„Ich versuche mit meiner Musik, ein Wagnis einzugehen“

Die Sängerin, Sitaristin und Produzentin Ami Dang kommt nach Berlin.

29.10.19 > Musik

Von Agnieszka Habraschka

Über Sitarzupfen und Ambient spannt die südasiatisch-amerikanische Sängerin, Sitaristin und Produzentin Amrita „Ami“ Kaur Dang einen experimentellen Soundteppich. Auf ihrem dritten und aktuellen Album „Parted Plains“ verzichtet sie auf Gesang und rückt die Sitar in den Mittelpunkt, die sich wie eine folkloristische Erzählerin auf ihre beatgetriebene Elektronikpalette legt. Kein Wunder, dass sich Dang von ihrem Publikum wünscht, ihre Musik sitzend und körperlich zu erfahren. Für das DICE Conference + Festival 2019 kommt sie am 01. November nach Berlin. Mit Missy sprach sie über ihren einzigartigen Sound, ihre Karriere und das Festivalthema „Overtime“.

 

Im Pop ist die Sitar ein seltenes Instrument. Woher kommt dein Interesse?
Es gibt so viel Folklore, klassische Musik und Instrumente, die in Vergessenheit geraten sind, weil wir alle mehr am künstlerischen Schaffen aus dem Globalen Norden interessiert sind. Wir können aber traditionelle Instrumente und seltene Sprachen nutzen und sie mit zukunftsweisenden Techniken kombinieren, um neue künstlerische Traditionen zu schaffen. Ich versuche mit meiner Musik, ein Wagnis einzugehen, indem ich die Sitar und meine Stimme vermische.

Deine Musik wirkt sehr eindringlich. Welche Rolle spielt das physische Erlebnis?
Ich mag es, wenn sich Menschen hinsetzen oder auf den Boden legen und den Klang körperlich erleben. Da ich im Sitzen auftrete, hilft es, wenn das Publikum ebenso sitzt, damit es mich sehen kann. Die Menschen genießen die Aufführung nicht nur mehr, weil sie mich mit der Sitar sehen können, sondern auch weil sie die Musik in ihrem Körper mehr spüren. Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass sich unser physisches Selbst im Raum widerspiegelt – ich kann mit allen auf der gleichen Ebene interagieren.

Welche Rolle spielen Kollaborationen in deinem Leben?
Wenn ich mit anderen zusammenarbeite, verstehe ich mich als Künstlerin besser, lerne neue Techniken und finde heraus, was mir gefällt. Zusammenarbeit kann sehr inspirierend und hilfreich sein, wenn die Arbeit alleine schleppend verläuft. Ich habe ein anderes Projekt namens Raw Silk mit der Cellistin Alexa Richardson und dann arbeite ich mit meinem Partner noch an einem Goth-Folk-Album, das aus Sitar, Bass und Harmonium besteht. Zurzeit konzentriere ich mich aber auf meine Soloarbeit und bin viel auf Tournee.

Wie würde dein perfekter Job und Zeitplan aussehen?
Ich mache bereits vieles, was ich liebe. Wobei ich gerne die Möglichkeit hätte, länger am selben Ort zu bleiben und innerhalb meiner Shows mehr zu improvisieren. Auf Tour bleibt insgesamt nicht viel Raum für Kreativität. In meinem perfekten Job gäbe es eine*n Manager*in, der*die dafür sorgt, dass ich Zeit im Studio verbringe,der*die und sich wöchentlich mit mir berät, Ziele definiert und sicherstellt, dass ich sie erreiche. Mir fällt es schwer, alle Ideen, die ich habe, zu verwirklichen. Ich prokrastiniere viel.

Wie hat sich „Overtime“ auf dich ausgewirkt?
Wenn ich unterwegs bin, arbeite ich immer noch freiberuflich an verschiedenen Projekten im Bereich Business Development und Fördermittelakquise. Ich fühle einen enormen Druck, ständig neue Arbeiten zu produzieren, eine herausragende Social-Media-Präsenz zu haben, auf alle meine E-Mails zu antworten und Selbstmarketing zu betreiben, ganz zu schweigen von meiner Buchhaltung und Steuererklärung. Wenn du versuchst, eine Karriere aus deinem Hobby zu machen, musst du es wie ein Geschäft behandeln. Das künstlerische Schaffen ist oft unbezahlt oder unterbezahlt, so dass ich immer andere Wege finden muss, Geld zu verdienen. Das bedeutet lange Arbeitszeiten.

Welche Einfluss hat „Overtime“ auf dein künstlerisches Schaffen?
Die langen Arbeitszeiten, die administrativen und marketingbezogenen Tätigkeiten verkürzen die Zeiträume für kreatives Arbeiten. Als ich noch Vollzeit gearbeitet habe, war es schwer, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und Musik zu machen. So habe ich aus der Not eine Tugend gemacht. Ich habe bereits in den Übungssessions ziemlich schnell elektronische Musik produziert und meine Übungen mit der Sitar aufgenommen. Für mich war es wichtig zu erkennen, dass ich auch in kurzer Zeit künstlerisch produzieren kann. Ich musste mir nur Regeln und Grenzen setzen.

Wie fühlt es sich für dich an, Jobs abzulehnen?
Anfangs fühlte ich mich schlecht und schuldig, wenn ich Nein sagte, aber ich brauche Zeit für meine psychische Gesundheit, da ich Depressionen habe. Niemand wird sich gut fühlen, wenn das Projekt für mich langweilig ist oder wenn ich nicht genug Zeit habe, gute Arbeit zu leisten. Als die Freer & Sackler Galleries des Smithsonian Museum eine Nacht zum Feiern südasiatischer Performances veranstalteten, baten sie mich, ohne Gage aufzutreten. Es hätte mich Geld gekostet, dorthin zu fahren. Ich fragte mich immer wieder, ob ich zusagen hätte sollen. Dabei handelt es sich um eine große Institution mit finanziellem Back-up, die hätten sicherlich hundert Dollar auftreiben können.

 Wie pflegst du persönliche Beziehungen, wenn du Überstunden machst?
Meine Beziehungen zu Menschen, die nicht verstehen, was es heißt, ein*e Künstler*in zu sein, driften oft auseinander – nicht absichtlich, sondern weil sie nicht wissen, wie man diese Beziehungen managt. Das lässt meine engen Freund*innen wirklich herausstechen. Ich schätze sie und versuche sicherzustellen, dass wir die wenige Zeit, die wir zusammen haben, wirklich nutzen.

Wie stellst du sicher, dass du Zeit für dich selbst hast?
Ich fing an, auf Tour ins Fitnessstudio zu gehen, zu wandern und Zeit in der Natur zu verbringen. Ich versuche, mit Freund*innen am Telefon zu sprechen. Ich schlafe viel, manchmal zu viel. Ich werde keine Kinder bekommen, weil ich nicht glaube, dass ich in der Lage wäre, Kinder erfolgreich großzuziehen und auch mir selbst treu zu sein und mir die Zeit zu geben, die ich brauche.

Was bedeutet für dich Community?
Gemeinschaft kann u. a. virtuell sein: Ich bin Teil einer E-Mail-Liste aus FLTI- und PoC-Künstlerinnen und in einer ähnlichen Facebook-Gruppe. Wir haben alle ähnliche Probleme. Ich wünschte, ich hätte auch eine Community aus experimentell-zeitgenössischen südasiatisch-amerikanischen Künstler*innen.

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