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Feuchte Zeiten

Ältere Feminist*innen sind lustfeindlich? So ein Quatsch. Die Autorin Stephanie Kuhnen erzählt.

30.10.19 > Aktivismus

Protokoll: Vina Yun

In den 1980er-Jahren habe ich mich als Schülerin im Anti-Aids-Aktivismus engagiert. Damals haben wir in Bonn einen Skandal ausgelöst, weil wir mit unserer Schülerzeitung Kondome an unter 18-Jährige verteilten. Ich hab deswegen fast mein Abi nicht machen dürfen. Zu dieser Zeit, 1987, fand auch die von Alice Schwarzer initiierte „PorNO“- Kampagne statt. Als Feministin hab ich natürlich die „Emma“ gelesen. Ich kann mich erinnern, dass ich sogar diesen „PorNO“-Aufkleber auf meinem Ranzen hatte.

Licia Fertz © Giulia Selvaggini

Im gleichen Jahr war ich dann bei einer Podiumsdiskussion im Hochhaus Tulpenfeld in Bonn bei den Grünen mit Claudia Gehrke, der Gründerin des konkursbuch-Verlags. Dort stellte sie erotische Bilder von Frauen aus und sprach über Pornografie, nämlich auch als Möglichkeit, Bilder zu schaffen für ein weibliches Begehren. Ich saß da und dachte mir: „Die hat die wesentlich besseren Argumente“, und hab dann den „PorNO“-Aufkleber nochwährend der Veranstaltung von meinem Ranzen abgefusselt.

Ich studierte u. a. Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte, für mich war erotische Kunst in der Kunstgeschichte ein Schwerpunkt. Nach meinem Studium eröffnete ich 2001 mit meiner damaligen Partnerin Sophie Hack die Buchhandlung Lustwandel in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Buchhandlung für erotische Kunst und Literatur zu machen für alle Leidenschaften und Identitäten, also gewissermaßen eine pansexuelle Buchhandlung, wie wir uns damals schon nannten, war mir ein ganz großes Anliegen, weil ich mir meine Bücher – das war noch vor dem Internetzeitalter – immer sehr mühsam zusammensuchen musste. Zu dem Zeitpunkt gab es noch sehr viele Lesben-Sexshops, Frauen- Sexshops, es wurden noch sehr viele Bücher gelesen. Mir fehlte auch die positive Repräsentanz von Devianz, noch bevor das alles „queer“ hieß. Der Grund für die Schließung des Buchladens 2008 hatte viel mit Strukturwandel zu tun und mit Gentrifikation. Und natürlich auch mit Amazon, ganz klar.

Lustwandel war mehr als eine Buchhandlung:

Wir haben Lesungen und Workshops veranstaltet, wir hatten in einem Raum Haken in der Decke extra für Shibari, also Japan-Bondage, Fetish Diva Midori aus San Francisco hat dort mehrere Performances gemacht. Deborah Sandaal, Pionierin der weiblichen Ejakulation, war bei uns, ebenso Tristan Taormino und viele von den Sex Educators aus den USA, mit denen ich bis heute befreundet bin. Das war für acht Jahre ein wunderbarer Experimentierraum, in dem die unterschiedlichsten Menschen zusammenkamen. Es waren auch sehr viele heterosexuelle Menschen da, die keinen Bock hatten auf das, was ihnen sonst so geboten wurde, dieses Witzig-Frivole und was ich „Tuttifrutti“-Syndrom nenne. Viele waren begeisterte Swinger – heute würden sie sich „poly“ nennen –, die sich aber auch sehr viel mit ihrer Identität als Swinger auseinandersetzten. War ’ne wilde Zeit, war ’ne gute Zeit. Dann war irgendwann Schluss, wie halt einfach mal beizeiten Schluss ist. Wir sagten uns: Bevor wir den Spaß an allem verlieren, hören wir lieber auf. Es …


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