Nichts, was in Halle passiert ist, ist unfassbar oder unvorstellbar

Unsere Kolumnistin Debora Antmann über die Reaktionen nach dem Anschlag von Halle.

05.11.19 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Ich schreibe heute über Halle. Es reicht, „Halle“ zu hören, und ihr wisst alle, wovon ich rede. Es scheint ein später Beitrag. Die Schlagzeilen sind inzwischen wieder gefüllt von anderen Dingen. AfD-Wahlergebnissen, Brexit, Trump. Alle namenhaften Stimmen haben ihre Beiträge zu Halle verfasst, Politiker*innen sind ihre Floskeln losgeworden und nun komme ich. Lasse euch nicht in Ruhe. Werde noch einmal bohren. Noch einmal einen dieser jüdischen Texte schreiben, die euch mahnen, die euch die Augen öffnen sollen.

Ich weiß nicht, ob es mehr Sinn macht, euch die Wut und den Schmerz entgegenzuschleudern, euch aus eurem Schlaf wachzurütteln, euch anzuschreien oder euch in sachlicher Distanz zu erklären, was wir euch schon zigmal erklärt haben. Beides scheint ihr nicht zu mögen. Beides scheint nichts zu bringen. Beides verhallt irgendwo zwischen damals, heute und nie wieder. Zwischen rechtpopulistischer Abgestumpftheit, neoliberaler Gleichgültigkeit, dominanter Ignoranz. Jüd*innen versuchen zu erklären, Bedrohungen von jüdischem Leben sichtbar zu machen, nicht erst seit Halle, seit Jahrzehnten und niemand hört zu.

© Tine Fetz

Die Reaktionen nach Halle waren durchtränkt von verschrobenen Realitäten, verzerrten Wahrnehmungen und verklärten Erzählungen. Dabei waren es besonders vier Narrative, die sich immer und immer wieder in den Wogen der Anteilnahme abspulten, bedient von jenen, die es gut meinten und im Grunde Teil eines größeren, DES Problems sind.

Nie wieder vs. die ganze Zeit

Für viele schien unfassbar, was in Halle passiert ist. Unvorstellbar. Das waren die Formulierungen. Eine Person, mit der ich befreundet bin, eine Person, die in einem Land mit Terror und Krieg aufgewachsen ist, schrieb mir, dass ich mich melden könne, weil sie unglücklicherweise Expert*in für solche Situationen sei. Ich verrate euch etwas: Jüd*innen, die in Deutschland aufgewachsen sind, sind Expert*innen für diese Situationen, denn nix, was in Halle passiert ist, ist unfassbar oder unvorstellbar. Es passiert die ganze Zeit. Fast wöchentlich werden in Deutschland Synagogen und jüdische Friedhöfe angegriffen, kommt es zu antisemitischen Übergriffen. Auch bewaffneten. Nur fünf Tage vor Halle überwältigte die Polizei einen mit einem Messer bewaffneten Mann, der versuchte, in die Neue Synagoge in Berlin einzudringen.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass Sprengsätze auf einen jüdischen Friedhof geworfen werden oder Molotowcocktails auf Synagogen. Freund*innen und Familienmitglieder, die bedroht und angegriffen werden. Alles in Deutschland. Alles vor eurer Nase. Wir wachsen damit auf, sind Expert*innen für die Bedrohungen, aber ihr hört nicht zu. Seid schockiert. Findet alles unfassbar und unvorstellbar, während wir keine andere Möglichkeit haben, als zu fassen und nicht vorstellen müssen, weil es unsere Realität ist.

Ihr ruft „Nie wieder“, während es die ganze Zeit passiert. Ihr schaut nur nicht hin, lauft dran vorbei, könnt es euch leisten, kurz geschockt zu sein und dann in euren eigenen Alltag zurückzukehren, wo man kaum glauben kann, dass Menschen zu so etwas in der Lage sind. Aber es ist da, real und schwebt wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen, bis es zuschlägt. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern letzte Woche, heute und wahrscheinlich nächste Woche wieder. Es sind nur nicht eure Köpfe, die rollen.

Wir alle vs. keiner von euch

Und während alle so geschockt sind, werden die ersten Stimmen laut: „Das war ein Angriff gegen uns alle!“ Falsch verstandene Solidarität, das Unkenntlichmachen von Realität. Es war kein Angriff gegen alle. Das zu behaupten, macht die Gefahr unsichtbar, in der sich einige von uns befinden, macht auch die Verantwortung jener unsichtbar, die nicht in Gefahr sind.

Es ist dieser Jesus-Komplex, diese Opferglorifizierung, von allem immer möglichst betroffen sein zu wollen, aber dieser Nazi wollte nicht alle deutschen Bürger*innen töten. Er wollte keine deutschen Bürger*innen töten (auch wenn er es getan hat). Er wollte Jüd*innen und PoCs töten. Und damit ist er nicht allein! Dahinter steht eine Struktur, ein Ungleichheitssystem. Und auch, wenn nicht alle Menschen Waffen bauen und losziehen, um eine Synagoge zu stürmen, tun die wenigsten von euch etwas gegen diese Ungleichheitssysteme, weil sie sie nicht spüren, weil sich diese Systeme nicht gegen sie richten, weil sie eben nicht gemeint sind.

Es war kein Angriff aus einem luftleeren Raum heraus. Der Raum ist gefüllt mit Rassismus und Antisemitismus. Und wie Schwermetalle treibt dieser Antisemitismus leider auch in den Adern jener, die glauben, sie gehören zu den guten, weil sie Müll trennen. Nur wer zu verklärt, unfassbar privilegiert, absolut selbstbezogen und zu gut eingebettet in Dominanzkultur ist, kann glauben, es sei solidarisch zu behaupten, wir wären alle gemeint gewesen. Wer realistisch, kritisch und ehrlich solidarisch sein will, steht jenen bei, die tatsächlich gemeint sind: Jüd*innen und PoCs – statt sich um sich selbst zu drehen. Denn von euch soll keine*r getötet werden. Ihr steht nicht auf den Abschusslisten.

#NotAllGermans vs. eine ganze verdammte Gesellschaft

Und wie nicht anders zu erwarten war, fingen wc-Deutsche nach Halle auch sehr schnell an, „Nicht alle Deutschen #NotAllGermans!!!“ zu rufen, wenn sie das Gefühl hatten, sie kämen bei der Strukturkritik von Jüd*innen und PoCs nicht gut genug weg. An erster Stelle steht nämlich dann doch immer die eigene Ehre und nicht die Selbstkritik.

Und wir mussten Strukturkritik üben und müssen es noch, auch wenn sie niemand hören will, denn die (Sozialen) Medien sind voll von Zeugnissen, die deutlich machen, dass es kein Bewusstsein für die eigene Rolle in dem Geschehenen gibt. Dass Antisemitismus nicht als Gesellschaftsproblem und Alltagsphänomen verstanden wird. Dass es etwas mit uns allen zu tun hat. „Wie gut, dass sich der Großteil unserer Gesellschaft von solchen steinzeitlichen Gedanken gelöst hat“ – solche und ähnliche Sätze waren zu lesen, nachdem die Ideen und Motive vom Attentäter von Halle und Zitate seiner Mutter öffentlich wurden.

Aber genauso wenig, wie der Attentäter ein Einzeltäter war, ist die Mehrheit der Gesellschaft befreit von antisemitischem Gedankengut. Antisemitisch ist nicht nur die brennende Synagoge. Es sind Bilder, Motive, Fragen, Annahmen, Gedanken, Assoziationen, Verbindungen, Zusammenhänge, Worte, Begriffe, Selbstverständlichkeiten in deinem Kopf, derer du dir nicht bewusst bist, doch sie sind da, glaube mir.

Wer glaubt, ein Großteil der Gesellschaft hätte antisemitisches Denken überwunden, wer glaubt, Antisemitismus als Gesellschaftsproblem sei ein Relikt vergangener Zeiten, wer ernsthaft glaubt, deutsches Kulturgut wäre nicht so gut tradiert, dass es in tausend Dingen ungesehen weiter wächst, wer behauptet, er hätte in seinem Leben nicht schon etliche Male antisemitische Dinge gesagt und reproduziert, der trägt vielleicht keine Waffe, aber trägt dazu bei, dass diese Gesellschaft gefährlich für uns bleibt.

Aber statt das zu sehen und zu hören, statt UNS zu sehen und zu hören, statt anzuerkennen, dass Antisemitismus in seiner Extremstform Nährboden bekommt durch eine Gesellschaft und Individuen, die nicht bereit sind anzuerkennen, dass wir ein flächendeckendes Problem haben, warfen alle die Hände in die Luft und riefen, „Ich nicht!“, „Nicht alle Deutschen!“, „Ihr könnt nicht alle über einen Kamm scheren!“, „‚Die Deutschen‘ zu sagen ist im Grunde das Gleiche, was mit euch gemacht wird“, „Wir versuchen, euch zu unterstützen, und ihr verallgemeinert uns“, „#NotAllGermans“!

Und deswegen: Doch, diese ganze verdammte Gesellschaft! All fucking Germans sind mitverantwortlich für das, was passiert ist! 

Mitbürger*innen vs. Bürger*innen

Wenn dann alle ganz unfassbar entsetzt über das unglaubliche Geschehen waren, das uns alle gemeint hat, aber für das nicht alle Deutschen verantwortlich sind, dann ist das der perfekte Zeitpunkt, um am Ende das zu tun, was wc-Deutsche am besten können, sprachlich noch mal fix zu exkludieren und doch noch mal kurz zu verstehen geben, wer hier EIGENTLICH das deutsche Volk ist. „Wer unsere jüdischen Mitbürger angreift, greift uns alle an“ oder so ähnlich.

Ich weiß nicht, ob es euch schon aufgefallen ist, aber uns schon und zwar vor Langem: MITbürger*innen heißt es immer nur, wenn es um die Add-ons zur „Normalbevölkerung“ geht. Fein säuberlich sprachlich getrennt und separiert.

Es sind die deutschen Bürger*innen, aber die jüdischen/muslimischen MITbürger*innen. Sprachlich getrennt vom restlichen Volkskörper. Selbst im Schock, selbst im Versuch, die Gemeinschaft zu mimen, will es nicht gelingen, weil da sind die Deutschen und da sind wir – die Zusätzlichen. Die Anderen. Mit Glück, in diesen Stunden: die Tolerierten.

Und dann immer diese Possessivpronomen. Wir sind EURE jüdischen MITbürger*innen. In den Besitzansprüchen gegenüber Jüd*innen waren Deutsche schon immer sehr klar. Es ist absurd, Gemeinschaft performen zu wollen und dabei auf Formeln zurückzugreifen, die zu Recht schon so lange wegen Othering in der Kritik stehen, meine lieben deutschen Mitbürger*innen.

Ihr bekommt nicht mit, was ihr tut, und das ist ein Problem. Denn nicht nur der versuchte Massenmord von Halle ist erschreckender Ausdruck dessen, was falsch in unserer Gesellschaft läuft, sondern leider auch 95 Prozent der Reaktionen auf das Attentat.

Vor allem, weil ihr glaubt, sie seien einfühlsam und solidarisch, und ihr nur pikiert reagiert, wenn wir euch sagen, sie sind es nicht und das Problem ist ihnen inhärent. Ihr glaubt, „gut gemeint“ reicht. Erwartet, dass eure Intension mehr wiegt als der Fakt, dass ihr mit euren geliebten Phrasen das Problem verschärft, multipliziert, potenziert, und seht dabei nicht, dass wir schon vor Halle wund waren, Halle eine weitere, tiefe, klaffende Wunde in unser Fleisch gerissen hat, und ihr mit euren „Unfassbar“ und „Wir alle“ und „NotAllGermans“ und „Mitbürger“ auch noch Säure hineingießt und mit eurer Abwehr mit Salz garniert.

Halle wird zu einem Wikipedia-Eintrag verrauchen und ihr werdet nix gelernt haben, es wird sich nichts verändern. Die Realität wird nicht weniger bedrohlich für uns Jüd*innen, eher im Gegenteil. Ihr werdet davon weiterhin nichts mitbekommen (wollen) und damit die Gefahr befeuern und dann bei der nächsten unübersehbaren Eskalation (dazwischen wird es viele gegeben haben) wieder überrascht mit erhobenen Händen eure Floskeln in den Raum blasen, um gegenseitig eure Gemüter zu beruhigen, bis auch davon nur ein Wikipedia-Artikel bleibt.


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