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Nervt das?

Unsere Kolumnistin Jacinta Nandi über laute Kinder und Kinderfeindlichkeit in der Öffentlichkeit.

08.11.19 > Kommentare

Von Jacinta Nandi

Eine weiße Freundin von mir, Französin, ist nach einer Anti-Nazi-Demo in die U5 gestiegen. Diese Geschichte ist zehn Jahre alt, damals war die U5 manchmal ein bisschen gruselig. Sie war „alternativ“ gekleidet, kam offensichtlich von der Demo und saß dort mit ihrem Baby im Arm.

© cocoparisienne auf Pixabay

Eine Gruppe weißer deutscher Jungs mochten nicht, wie sie aussah, sie merkten vielleicht, dass sie von der Demo kam. Und haben sie dafür angespuckt – von Kopf bis Fuß – und sie saß mit dem Baby auf dem Schoß und heulte. Der Zug war voll und sie rief den anderen Passagier*innen im Waggon zu: „Tut was, sagt was, warum sagt ihr nichts, ihr seht doch, was sie machen!“ Die Menschen im Zug taten so, als ob sie unsichtbar wäre.

Und das ist das Land, die Gesellschaft, die Welt, in der man uns ständig sagt, wie „laut“ und „nervig“ unsere Kinder sind. Tatsache ist, dass Kinder oft laut und nervig sein können, und Eltern, vor allem Mütter, die das tagtäglich erleben, vergessen manchmal, wie leise ein Leben ohne Kinder sein kann. Vor einigen Jahren, 7.05 Uhr in der U2, mein Sohn spielt Blockflöte. Ein Mann fragt mich echt höflich: Könnten Sie ihm die Blockflöte wegnehmen? Ich so, überrascht: Nervt das? Er so: Ja, bisschen, ist voll früh und voll nervig. Ich so: Echt, ich merke das gar nicht mehr, sorry. Nahm die Blockflöte weg, dann fing er an, auf den U-Bahn-Sitz zu trommeln.

Aber eine andere Tatsache ist auch, dass die Menschen wollen, dass Kinder in der Öffentlichkeit, im öffentlichen Verkehr, nervig gefunden werden. Es ist ein Hobby geworden. Wenn eine Kitagruppe in die U-Bahn einsteigt , ist es ein Zeichen der Stärke, so laut und genervt wie möglich zu stöhnen. Ich finde es interessant, wie sogar Teenager, die auch offiziell als nervig im Zug gelten, oft am lautesten stöhnen. Es ist ein performatives Genervtsein.

Einmal hat mein Sohn mir aus seinem Lustigen Taschenbuch vorgelesen – er war sieben Jahre alt, und wenn er nicht vorgelesen hätte, hätte er sonst geredet, in einer ähnlichen Lautstärke –, kein siebenjähriges Kind sitzt schweigend in der U-Bahn. Und die Lautstärke seiner Lesung war nicht lauter als die von zwei Hipstern, die erst jetzt vom Club nach Hause gehen, oder von zwei Yuppy-Start-up-Geschäftsführern, die sich begeistert auf das Businessmeeting vorbereiten. Und vor allem nicht lauter als die junge Frau, die neben mir saß und bei jedem Satz laut stöhnte, als ob sie so genervt wäre, dass sie gleich sterben wollte. Es gibt Pornstars, die beim „Orgasmus“ nicht so laut stöhnen wie sie beim Lustigen Taschenbuch.

Jetzt also darf man, wenn man Flüge reserviert, einen Sitz buchen, der weit weg ist von Säuglingen. Klingt harmlos, vielleicht nach einer eleganten Lösung – man verbietet nicht, dass Familien reisen, man geht nur sicher, dass niemand in deren Nähe sitzen muss. Aber es trägt offensichtlich zur Stigmatisierung von Geräuschen von Kindern bei und zur Isolierung der Eltern – und wenn ich Eltern sage, meine ich eigentlich Frauen.

Denn wenn es irgendwann mal so weit kommt, dass Kinder nicht mehr fliegen dürfen, werden es nicht deren Väter sein, die nicht reisen werden.

Es sind auch nicht die Familien mit Vätern dabei, die Kritik für die Lautstärke der Kinder bekommen. Das Verhalten meiner Kinder ist nicht EINMAL kritisiert worden, wenn ich mit einem weißen Mann unterwegs war, den man für den Babyvater hielt, egal, wer diese Person in Wirklichkeit war – mein Bruder, der tatsächliche Papa oder ein Lesebühnen-Kumpel mit schlampiger „alternativer“ Kleidung und ungewaschenen Haaren.

Man darf Kinder nervig und laut finden, denke ich. Aber man soll dabei zugeben, warum man es tut, und warum man das so genießt. Die Idee, dass Kinder unerträglich nervig sind, funktioniert wie eine Ausgangssperre für arme Menschen, vor allem für Alleinerziehende.

Die wohlhabende Familie mit Auto darf Tropical Islands, Thermenbad, Germendorf um 19, 20 oder sogar 21 Uhr verlassen. Auch an einem Sonntag. Ins Auto gesperrt hört man das nervige Geschrei der Kinder nicht – aber das ist nicht der einzige Grund für den Mangel an Missbilligung. Die Kinder und Frau sind ins Auto gepackt wie teure Edelsteine und wie das Auto selbst, gehören sie einem Mann, der so erfolgreich ist im Gewinnspiel Kapitalismus, dass er sich ein Auto und eine Familie leisten kann. Er besitzt diese Familie und trennt ihre Geräusche von der Gesellschaft, beschützt die Familie – aber auch die Ohren der Gerne-Genervten.

Wenn zwei Alleinerziehende einen Besuch im Tropical Islands machen und mit dem Zug nach Hause fahren, müssen sie aufpassen, dass sie um 17 Uhr die Halle verlassen, sogar das wird knapp. Alleinerziehende mit ihren müden Kindern dürfen ab 19 Uhr nicht gesehen werden. Sie ernten Kritik und Beleidigungen, Wut und tatsächlich auch Hass. Ich spreche hier übrigens von weißen Menschen. Den Hass, den nicht-weiße Menschen bekommen, wenn sie im Zug sitzen, ist noch schlimmer.

Dass es beim „Nervigen“ an Kindergeräuschen nicht wirklich um Lautstärke geht, sondern darum, dass es schockiert, eine unbeschützte Frau mit unbeschütztem Kind freiwillig im Kapitalismus herumlaufen zu sehen, wird auch belegt durch die paranoiden Diskussionen, die es um die Größe der Kinderwagen und Sportwagen in Prenzlauer Berg gibt.

Diese Maschinen, die Frauen, die ein Kind haben, zum Bewegen bringen – ohne deren Erfindung wären wir drei, vier Jahren zu Hause eingesperrt und vielleicht ab und zu im Kaufland –, sind eigentlich die umweltfreundlichsten Wagen, die es gibt. Aber eine Frau mit teurem Kinderwagen oder zwei Frauen mit Kindern im Zug, das sind Frauen, die es wagen, die Wohnung zu verlassen ohne ihre Männer dabei – ohne einen Ausgeherlaubniszettel –, ohne einen Stempel, ein Absegnen durch den Kapitalismus.

Ich glaube, wir alle sollten weniger fliegen. Auch Eltern mit Kindern. Nur notwendige Flüge. Und wenn ein Flug mit Kinderschrei dir zu nervig erscheint, dann denke ich, dass dieser Flug nicht nötig sein kann. Lass es einfach und deine Ohren werden verschont – und die Umwelt auch!

Wir schreiben ohne Rücksicht auf Verluste und das machen wir mit Absicht! Das bedeutet aber, dass wir kein fettes Anzeigengeschäft machen, denn leider gibt es nicht viele Firmen, die heute schon fortschrittlich genug sind, um auf ein queer-feministisches Heft zu setzen. Kein Wunder, dass kein anderer Verlag ein Heft wie Missy herausgibt. Jetzt unabhängige, feministische Berichterstattung unterstützen und ein Missy-Abo abschließen.

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