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Finally, Lee!

Die Ausstellung der US-amerikanischen Malerin Lee Krasner in der Frankfurter Schirn war längst überfällig.

11.11.19 > Kunst

Von Flora Klein

Finally! Und: warum nicht eher? Die Ausstellung der US-amerikanischen Malerin Lee Krasner (1908–1984) in London und mittlerweile in Frankfurt am Main ruft neben Freude auch Kopfschütteln ob des späten Zeitpunkts hervor. Gehört Krasner doch zu den Wegbereiter*innen des abstrakten Expressionismus und ist eine der eindrücklichsten – da vielseitigste – Vertreterin dieser lyrischen Form der ungegenständlichen Malerei. Einer Stilrichtung, die das New York der Nachkriegsjahre maßgeblich prägte und zum Zentrum des westlichen Kunstdiskurses machte.

Lee Krasner, Shattered Color, 1947, Guild Hall Museum, East Hampton, Long Island. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018. The Pollock-Krasner Foundation. Photo credit: Gary Mamay.

Krasners vibrierenden und rhythmischen Gemälde verschreiben sich keinem einschlägigen Look, sondern beinhalten fortwährend changierende Werkphasen. Eine Auswahl dieser ist es denn auch, die in der Ausstellung zu sehen sind, jeweils didaktisch verknüpft mit Eckdaten aus ihrer Biografie. Die zweistöckige Ausstellung, die beworben wird mit einer Schwarz-Weiß-Fotografie der jungen Künstlerin – Sonnenbrille und Anzug tragend – betitelt mit „Lee Krasner. Living Colour“, war längst überfällig.

Der Lokalaugenschein im Barbican Centre förderte Folgendes zutage: Im unteren Raum, der über eine großzügige Ausstellungsfläche verfügt, hängen im vorderen Teil monumental großformatige Malereien aus den 1960er-Jahren. Ein Teil davon ist eine in Ocker- und Weißtönen gehaltene Serie, deren Leinwände mit flockig-faserigen, gekonnt soften Pinselstrichen gefüllt sind. Auf diesen Flächen vereinen sich die paradoxen Zustände von Härte und Weichheit. Bemerkenswert im hinteren Teil des großen Ausstellungsraums ist „Mr. Blue“: Auf rohem Leinen sind energetische Striche mit flüssigem Blau eingezogen, die durch den losen, drippigen Auftrag der Farbe auf das braune Leinen ein zweifarbiges Gemälde bilden. Im Zentrum von „Mr. Blue“ ist ein rundes, strichmännchenartiges Gesicht zu erkennen – was ziemlich frech, extrem gekonnt und insofern bemerkenswert ist, da es beim Malen ungegenständlicher Werke klassischerweise genau das Erscheinen eines „Gesichts“ ist, was es zu vermeiden gilt.

Im zweiten Stock bieten chronologisch organisierte Ausstellungskojen Einblick in Krasners Frühwerk. Da hängt z. B. eine Serie kubistischer Kohlezeichnungen, die unter dem Maler Hans Hofmann entstanden sind. Hofmanns vielsagendes „Kompliment“ an Krasner, ihre Arbeit sei so gut, „you would not know it was done by a woman“, skizziert das Arbeitsklima, in dem sich die junge Künstlerin im rezessionsgeschüttelten NY bewegte. Die weiteren Räume zeigen Werke ihrer ersten New Yorker Einzelausstellung, bestehend aus collagierten, zerrissenen Hofmannklasse-Zeichnungen; darauf folgen ikonische, großformatige Collage-Malereien in den Signature-Farben der Künstlerin, Orange und Fuchsia, wobei im Arrangement der schneidenden Farben und Formen ihr Interesse am Kubismus gut erkennbar ist. In der nächsten, dunkel gestrichenen Koje drängen sich vier hochformatige Malereien, die mit einem ausführlichen Wandtext eingeführt werden. Linker Hand hängt ein Gemälde mit dem bezeichnenden Titel „Prophecy“ (1956), gemalt zwei Wochen vor dem tragischen Tod ihres Ehepartners und Malers Jackson Pollock.

Pollock, einer der meistrezipierten Vertreter des abstrakten Expressionismus, dessen Popularität Lee Krasners eigenes künstlerisches Schaffen zeitlebens überschattete – und weit darüber hinaus –, war bekannt für seine Alkoholexzesse. Er kam bei einem Autounfall ums Leben und riss dabei die Freundin seiner damaligen Geliebten, die ebenfalls im Auto saß, aber selbst überlebte, mit in den Tod. Die besagten vier Malereien, alle im traumatischen Jahr 1956 entstanden, sind auf dunklem Grund mit energetischen Gesten aus Rosa, Hellgelb, Ocker und Weiß gemalt. Der Stil und Duktus dieser Arbeiten ist neuartig in Krasners Œuvre, schier figurativ, da verkeilte Füße, Arme, Beine und Augen erkennbar sind.

Im letzten kleinen Raum im oberen Stock wird eine Werkgruppe mit einem Wandtext eingeführt, der unter anderem vom Umzug der Künstlerin von NY ins umliegende Springs und vom Tod ihres Vaters handelt und damit auf Krasners weiß-graue Palette verweist. Es ist denn auch spätestens hier, dass sich die Frage nach der Rolle der Biografie der Künstlerin stellt und der Art und Weise, wie diese von der Institution mediatisiert und als Strukturelement herangezogen wird. Dass es für Institutionen derzeit üblich ist, Künstler*innen stark über das Biografische zu vermitteln, ist mir bewusst – dass zudem Lee Krasners ungegenständliche Malerei diesbezüglich keine leichte Aufgabe darstellt, ist ebenso nachvollziehbar. In dieser Ausstellung scheint es allerdings auffällig, dass nicht so sehr eine künstlerische Entwicklung aus der Arbeit heraus – oder via des Einflusses von Weggefährt*innen – vermittelt wird, sondern oft emotionale Zustände als Beweggründe für Veränderungen Krasners künstlerischer Praxis hervorgehoben werden. Letzteres ist eine Lesart, zu der ich in Museen eher selten bis nie aufgefordert werde beim Betrachten von Kunst vergleichbarer männlicher und überwiegend heterosexueller Protagonisten.

Dass sich Kunstmuseen mittels Identitätsproduktion um die Kanonisierung der Künstler*innen bemühen, ist augenscheinlich. Allerdings fällt den Institutionen dadurch eine große Verantwortung zu. Nicht nur bezüglich der Frage, welchen Künstler*innen durch institutionelle Ausstellungen kulturelle Signifikanz zugeschrieben wird, sondern auch, was für eine Biografie wie erzählt wird. Es stellt sich die Frage, was für Schwerpunkte für welche Künstler*innen gewählt und gesetzt werden – oder anders gefragt: Wird die Biografie von Künstlerinnen anders erzählt und mediatisiert als jene von Künstlern oder von trans artists? Was das Verhältnis von Persönlichem und der künstlerischen Arbeit betrifft, ist Krasners eigener Standpunkt sehr klar: In einem Interview, das in der Ausstellung zu sehen ist, sagt sie, dass das Leben und die Kunst immer miteinander verwoben sind – die Behauptung des Gegenteils wäre absurd.

Die Ausstellung „Lee Krasner. Living Colour“ lief vom 30.05.2019 bis 01.09.2019 in der Barbican Art Gallery in London und ist jetzt in die Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, gewandert, wo sie vom 11.10.2019 bis 12.01.2020 zu sehen ist.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Master in Critical Studies der Akademie der Bildenden Künste Wien.

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