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Metaphern in Großbuchstaben

M¥SS KETA aus Mailand versetzt die Rap-Trap-Poplandschaft in Aufruhr.

13.11.19 > Musik

Von Anna Barbieri

Endlich italienische Popmusik, die nicht kitschig romantisch klingt. Kein C-Teil à la Eros Ramazotti, sondern ein Bruch mit der männlichen Dominanz im Italo-Latino-Rap/Trap-Musikmix, der die Radiostationen ab Udine einnimmt. M¥SS KETA, aus Mailand, nach eigener Beschreibung eine Rapper*in mit Punk-Attitüde, Performer*in, maskiert und gleichzeitig sehr präsent, sorgt für Furore.

Begleitet wird sie von den Ragazze di Porta Venezia – Cha-Cha, Miuccia Panda, Dolly Donatella, Colette, La Iban  e La Prada. Gemeinsam erobern sie den Stadtraum und die Afterhours um die Via Melzo; die Charts und das Scheinwerferlicht auf Instagram. Dazu M¥SS KETAs Sounds, die in ihren schonungslosen Texten kein Klischee der Schickeria und des überbordenden Lebensstils in Porto Cervo, der Costa Esmeralda oder der Lombardei unkommentiert lassen. Ob Mode, Party, Drogen – Konsum im Überfluss –, Flirten, Sex und Begehren; sie präsentiert ein Bild Mailands, ein Bild Italiens, das dem Stereotyp der ausufernden Dolce Vita gerecht wird und der vorherrschenden Macho-Männlichkeit den Kampf ansagt. Im Exzess M¥SS KETAs liegt die Entfremdung, die den westlich-patriarchalen Lifestyle dechiffriert. Die Italianità in Großbuchstaben – EIN LEBEN IN CAPSLOCK: M¥SS KETAs Affirmation ist so intensiv und übertrieben, dass über Absurdität Raum für eine Gegenstrategie geschaffen wird.

Okay, okay. Ich habe sie lange als Geheimtipp gefeiert, „Xananas“ auf Partys rauf und runter gespielt. Ich habe meine Freund*innen mit den hypnotisierenden Beats des Tracks bezirzt, bis sie endlich aufgesprungen sind zum Tanzen. Mittlerweile hat M¥SS KETA viel Musik veröffentlicht und mit ihrem neuen Album „Paprika“ eine erfolgreiche Sommertour absolviert. Ihr Besuch im Berghain Mitte Oktober hat weiter dazu beigetragen, dass es mit ihrem Undercover-Status vorbei ist. Gut so! Denn es kann nicht genug Musik mit feministischer und queerer Agenda geben, die zum Befreiungsschlag aufruft. Danke Pino D’Angio, dass du auf Partys mit „Ma Quale Idea“ den Wunsch nach Italo-Pop gestillt hast. Danke Giorgio Moroder, dass du italienische Synthie-Sounds und das Cocorico in Rimini groß gemacht hast. Den ironisch-biografischen Angaben zufolge wurde M¥SS KETAs in dieser Großraumdiskothek gezeugt, bevor das Projekt offiziell 2013 in einer heißen Mailänder Nacht gegründet wurde. Ihre Beats siedelt sie in den 1980ern an. Die Outfits sind grell und futuristisch, die Texte offensiv, die Message politisch und zeitgenössisch. Zu einem monotonen Rhythmus zählt M¥SS KETA in „Una Donna Che Conta“ ihre Affären und Liebhaber*innen auf. Da sind Donald, Silvio, Wojtila – Männer, die hier reale Metaphern für Gatekeeper der patriarchalen Ordnung Italiens sind. Männer, die diese Ordnung über das Fernsehen festigen. Für Frauen ist wenig Platz. Ein bisschen Raum erlangt man im kurzen Kleid am Tisch tanzend bei Antonio in „Striscia La Notizia“. Dann gilt es, den Jackpot zu knacken: aka die Heirat mit einem gefragten Fußballer. Das Wortspiel „Una donna che conta“ – eine Frau, die zählt – ist doppeldeutig: eine Frau, die zählt. Zählt M¥SS KETA  oder zählen weiter die Männer, mit denen es sich zu verbandeln gilt, um als Frau anzukommen? Im Musikvideo verdeckt eine Digitalanzeige ihre Augen. Wecker, Stoppuhr oder Countdown zur Explosion; sie ist mit einem Vaporizer synchronisiert. Alles heißer Rauch. Sie sitzt am Druckknopf und drückt nicht ab – kann sie überhaupt abdrücken?

M¥SS KETA erzählt mit in Metaphern verwandelten Gesten aus einem unterdrückten Alltag. Sie selbst ist in der queeren Clubkultur groß geworden. Clubbing ist die Möglichkeit aller, sich von den Ketten und Gefängnissen der Gesellschaft zu befreien, sagt M¥SS KETA. Sie macht, was sie möchte, und die unterschiedlichen Masken und großen Sonnenbrillen helfen ihr dabei. Ihre Verschleierung setzt sie einer Welt, in der es nur um Selfies und das Abbilden des Selbst geht, entgegen. Der Entzug ihres Gesichts ist ein politischer Akt. Ob das alleine reicht, sei dahingestellt. Kann sich M¥SS KETAs Maske einer neoliberalen Vermarktung entziehen? In einer auf Persönlichkeiten fliegenden Popkultur ist die Maske keine Neuheit, aber trotzdem ein als provokant empfundener Störfaktor, der Aufmerksamkeit generiert und ihr Freiheit gibt. Die eigentliche Identität ist in M¥SS KETAs Kaleidoskop nebensächlich. Schließlich soll es keinen Unterschied machen, wer die politischen Handlungen setzt.  So verwundert es nicht, wenn sie sagt, dass der Schleier vor ihrem Gesicht M¥SS KETA ist, und dadurch alle M¥SS KETA sein können.

Es wirkt ein bisschen so, als ob man es selber machen könnte. Ich starre wie gebannt auf mein Instagram: Videos vom DJ-Pult aus auf Menschenmengen, dazwischen Pressefotos auf Heuballen, am Strand oder einfach nur gute Selfies (mit Maske). Loops und Samples in der Musik, Videos, die aus Found-Footage zusammengeschnitten sind.  Dann gibt es aber doch wieder sehr sleeke Momente, die zu verstehen geben: M¥SS KETA ist ein Geniestreich, kreiert von einem Kollektiv aus Musiker*innen, Filmemacher*innen, Künstler*innen und Designer*innen – im Zusammenschluss genannt Motel Forlanini – und momentan bei Universal unter Vertrag. Die Diva M¥SS KETA ist ein Produkt, geschaffen für den Konsum und unsere Konsumlust. Es bedient sich dieser und führt nicht nur die Fans, sondern auch sich selbst gnadenlos vor: „VIVI OGNI GIORNO COME FOSSE CAPODANNO A COURMAYEUR“, schlagzeilt M¥SS KETA dazu auf ihrer Homepage. Die Ironie des Ratschlags, jeden Tag wie Silvester in Courmayeur (das italienische Pendant zu St. Moritz oder Chamonix) zu leben, liegt auf der Hand. M¥SS KETA ist aber mit ihrer Musik und ihren Performances in der Realität ihrer eigenen Texte angekommen: Modewoche, Backstage, Partys, High-Life. Das paradiso myssketiano ist künstlich und klaustrophobisch und ein Spiegel sowohl für die Performer*innen und Künstler*innen des Motel Forlanini wie auch für die Fans und die Gesellschaft. M¥SS KETA wurde zu der Diva, die sie heraufbeschwor, und muss in dieser Position noch schärfer Facetten und Fragmente männlicher Bilder von Weiblichkeit zu einem angreifenden und fordernden Subjekt umformen, um im Celebrity-Lifestyle nicht als heuchlerisch zu gelten. Das Video zu „Pazzeska“ ist womöglich ein Indiz für die nächsten Instanzen. Mit blonder Perücke und Ganzkörper-Bodypaint auf einer riesigen Mortadella sitzend, wird sie trotz Referenz zum Film „Bambola“ sowie Sophia Loren in „Mortadella“ zu einer mystischen, undefinierbaren Gestalt. Gar zu der Giftschlange Kleopatras, die sie besingt und die von innen heraus agiert? M¥SS KETA, si prego! Ketamin für M¥SS KETA – hoffentlich nicht! Passivität gegenüber der gegenwärtigen Situation ist in Italien omnipräsent, und M¥SS KETAs „VITA IN CAPSLOCK“ ist eine Aufforderung, die Kleinschreibung hinter sich zu lassen.

Natürlich habe ich mir das Fanshirt bestellt. Es ist lange her, dass ich mich für Merch begeistern konnte, aber auf der Rückseite eines verschwommenen Prints einer in Rot gekleideten, die Klischees der Oberflächlichkeiten des Pop scheinbar erfüllenden M¥SS KETA findet sich der Schriftzug: „Fa paura perchè è vero“ – ja, M¥SS KETA macht Angst, weil sie so schonungslos wahr ist und uns alle bei unserer Schwäche für Exzess in verschiedenster Form ertappt. Am meisten aber, weil sie sich des chauvinistischen Systems Italiens bedient und die Angst vor der Wahrheit sie ermächtigt. M¥SS KETA als das unerwartete Produkt dieses Systems steht erst am Anfang des Aufruhrs.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Master in Critical Studies der Akademie der Bildenden Künste Wien.

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