Zu queer fürs Gefängnis

#freediana und andere trans Gefangene.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

Vor sechs Monaten in Müchen: Eine Frau tritt aus einem Haus. Vielleicht fährt sie auch in ihrem Auto. Sie wird von der Polizei kontrolliert und daraufhin verhaftet. Sie kommt in Untersuchungshaft und landet im Männergefängnis. Wird dort in die Einzelhaft gesteckt. Erst nach sechs Monaten berichtet die Presse über diesen merkwürdigen Skandal.
Die trans Frau Diana O. wurde im Frühjahr dieses Jahres in München verhaftet, nachdem sie nervös ein Bordell verlassen haben soll. Ist sie Sexarbeiterin? Kundin? Oder ohne Zusammenhang in der Nähe eines Bordells angetroffen worden? Welche Rolle spielt ihre angebliche Nervosität?

Vielleicht wurde sie aber auch bei einer Verkehrskontrolle überprüft, wobei weißes Pulver in ihrem Auto gefunden wurde. Bestätigt ist, dass die Polizei daraufhin ihre Wohnung durchsuchte, ohne die nötige Befugnis zu haben, und dort 31.000 Euro Bargeld fand. Daraufhin kam sie in Untersuchungshaft. Damit nicht genug, sie musste diese Haft im Männerknast absolvieren, obwohl ihr Personenstand weiblich ist. Als der Fall bekannt wurde, starteten trans Frauen auf Twitter den Hashtag #freediana, um darauf aufmerksam zu machen und das Gefängnissystem als Ganzes infrage zu stellen. 
©Tine Fetz

Es ist nicht verboten, trans zu sein. Es ist nicht verboten, nervös auszusehen. Es ist nicht verboten, sich in der Nähe eines Bordells aufzuhalten. Es ist nicht verboten, Bargeld zu besitzen. Es ist schon lange nicht verboten, im Auto herumzufahren. Die einzige Straftat, die Diana hier zur Last gelegt wird, ist offenbar der Besitz von einigen Gramm weißen Pulvers, das noch nicht zweifelsfrei als illegal identifiziert werden konnte. Eine so geringe Menge, dass man sie in einem Berliner Technoclub versehentlich auf der Toilette beim Händewaschen einatmen könnte. Doch München ist nicht Berlin. In der bayrischen Hauptstadt gilt seit 2017 das Polizeiaufgabengesetz, das der Polizei die am weitesten reichenden Befugnisse in ganz Deutschland zugesteht. Es verleiht den Beamt*innen die Möglichkeit, eine Person bei drohender Gefahr zu verhaften. Ob sich die beiden Polizisten, die Diana festgenommen hatten, überhaupt auf diese drohende Gefahr bezogen und worin diese bestanden haben soll, ist unklar. Sie waren sich beim Verhör über die Gründe von Dianas Festnahme nicht mehr einig.

Diana ist nicht die erste und nicht die einzige trans Frau, die in ein Männergefängnis musste. Ein elementarer Aspekt der Befreiungsbewegung homosexueller und trans Personen war die alltägliche Schikane durch die Polizei, die arme, rassifizierte trans Menschen, Sexarbeiter*innen und Queers allein aufgrund ihrer Existenz verhaftete. Dagegen wehrten sie sich, unter anderem an jenem Tag, den wir heute als Stonewall-Riot kennen.

Der Knast ist die institutionalisierte Extremform der gesellschaftlichen Normierungen und Bestrafungen. Diana O. hat sich öffentlich bisher nicht zu ihrer Zeit im Männergefängnis geäußert. Doch von anderen trans Gefangenen, die ebenfalls in diesem Jahr in deutschen Gefängnissen sitzen mussten, wissen wir mehr. Luna und B-Mike, die im Rahmen von Protesten um den Hambacher Forst zu einer Ordnungshaft von jeweils vier Tagen verurteilt wurden, kamen beide in die jeweils „falschen“ Gefängnisse. Die trans Frau Luna schrieb in dieser Zeit ausführliche Berichte, die ihre Diskriminierungserfahrungen und das dahinter stehende System vor Augen führen. So schildert sie die Durchsuchung bei ihrer Ankunft: „Die haben sich ein geniales Konzept ausgedacht: Eine Frau durchsucht meine obere Körperhälfte und ein Mann meine untere. Justizlogik: Eine Frau muss sich von Typen den Hintern begrapschen lassen, wenn sie unüblich geformte Genitalien hat.“ Vielleicht absurd für manche, doch für mich macht diese Behandlung traurigerweise Sinn. So denken viele Menschen über uns. Sie möchten uns auch gern „oben weiblich“ und „unten männlich“ abtasten. Sie grübeln gern über unsere Körper und erschaudern, wenn sie anatomische Details über unsere Genitalien erfahren. Luna erzählt in ihren Briefen außerdem von der sexuellen Belästigung, die sie trotz Einzelhaft durch einige Mitgefangene erfährt und die offenbar von den Wärtern gebilligt wird. Sie bedauert die Isolation, da sie weder die Möglichkeit hat, mit Mitgefangenen zu sprechen, Waren zu tauschen, noch am Gottesdienst teilzunehmen, der ihr, trotz ihres Nicht-Glaubens, als Möglichkeit zum Socialising erscheint. Auch der trans Mann B-Mike erfuhr transfeindliche Diskriminierung im Gefängnis. Er schreibt: „Nachdem ich ihm mitteilte, dass ich als Mann natürlich zu den Männern will, meinte  [der Wärter], dass dies ,nicht mit funktionierenden Geschlechtsorganen‘ möglich sei. Woher er weiß, dass ich funktionierende Geschlechtsorgane besitze, frage ich mich ironisch.“

Neben der Erniedrigung, die die absolute Gewalt über den einzelnen Menschen im Gefängnis bedeutet, liegt ein besonderes Tabu über diesen absurden Geschlechtermaßnahmen, denen einige transgender und transsexuelle Gefangene ausgesetzt sind. Der vermeintliche Schutz vor sexualisierter Gewalt ist nur vorgeschoben. Vor sexualisierter Gewalt, durch Wärter oder Mitgefangene, sind weder die isolierten trans Leute noch die anderen Gefangenen geschützt. Es geht eher um den Gedanken der Individualität in Haft an sich. Transgeschlechtliche Gefangene brechen allein durch ihre Existenz mit der Objektifizierung, die unter anderem durch die scheinbare(1) Geschlechtertrennung erwirkt wird: Eine körperlich erfahrbare Abweichung vom binären Geschlechtersystem stellt die Trennung in Männer- und Frauenknäste an sich infrage. Denn wenn einige Menschen Penis und Busen haben, andere wiederum eine flache Brust und Vulva, dann fragt mensch sich: Warum werden wir überhaupt geschlechtergetrennt eingesperrt? Und daraus folgt: Warum ist Geschlecht die einzige Kategorie, aufgrund der wir in Gefängnissen voneinander getrennt bzw. einander zugeordnet werden? Warum wird es uns verwehrt, uns mit den Menschen zu umgeben, die wir selbst wählen oder mit denen wir uns sicher fühlen? Woraus sich unausweichlich eine Frage ergibt, auf die es keine menschlich vertretbare Antwort gibt: Wieso werden wir überhaupt in Gefängnisse gesperrt?

1 Scheinbar schreibe ich, weil natürlich in jedem Gefängnis transgender, genderqueere und nicht binäre Menschen sitzen, unabhängig davon, ob ihre Geschlechtsidentität dem Staat bekannt ist oder nicht.


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