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Ideologie-Bashing

Wer glaubt, dass nur „dumme Proleten“ die AfD wählen, macht sich mit Chauvis gemein.

21.11.19 > Inland,

Von Paula Irmschler

Letztens ein Interview mit Laberonkel Joachim Gauck gelesen, wo er noch mal sagen durfte, was nach Ostwahlen viele sagen: Man muss tolerant gegenüber ostdeutschen Rechten sein, andere Meinungen akzeptieren, Sorgen ernst nehmen, Brücken bauen und so. Weil Ostdeutsche strukturell benachteiligt sind, vieles noch lernen müssen und ganz schön hintergangen wurden. Dahinter steckt die Vorstellung, dass alle mitgenommen werden müssen, weil alle dazugehören, weil wir alle eins sind. Ein Volk halt. Aber wo ist die Toleranz, die Akzeptanz und die Ernstnehmerei, wenn es nicht um Rechte, sondern um Migrant*innen, Linke und von Chauvinismus Betroffene geht? Wieso ist die Wut dieser Leute oder gar ihr Leben nicht von Belang? Wieso gehören die nicht zu dieser

verteidigenswerten Familie? Klar, weil sie nicht durch platte Phrasen für Deutschland zu erwärmen sind. Das plötzliche Interesse für das Abgehängtsein von Menschen (natürlich nicht von allen Menschen) ist auffällig, und wie es instrumentalisiert wird, um rechte Gewalt zu relativieren. Sonst war es in der selbst ernannten Mitte und rechts davon eher egal, was mit denen ist, die wirtschaftlich schwach dastehen. Rechte interessieren sich für Wohnungslose und Flaschensammler*innen erst, wenn sie sie gegen die angeblich reichlichen Zuwendungen für Geflüchtete und migrantisierte Menschen in Position bringen können. Wenn es sich nicht für einen Facebook-Post verwursteln lässt, nennt man die Leute auf der Straße ganz normal „Asis“ und schikaniert sie, wo man nur kann. Ich erinnere mich an keine Hilfe, an kein Engagement vonseiten rechter Menschen gegenüber uns „sozial Schwachen“, wie man z. B. meine Familie stets nannte. Im Gegenteil: Rechte machten uns noch mehr Probleme mit Rassismus, Sozialchauvinismus und Co. Währenddessen verabschiedet „die Mitte“ Gesetze oder wählt Parteien, unter denen wirtschaftlich Benachteiligte noch mehr leiden.

Jetzt guckt man auf die armen Ossis und findet Erklärungen. Aber sind die Rechten in den alten Bundesländern auch abgehängt? Sind sie auch Wendeverlierer*innen? Müssen sie auch noch Demokratie lernen? Könnte das mit der Menschenverachtung nicht doch etwas komplexer sein? Ist das nicht die eigentliche Entmündigung, den Ostdeutschen nicht zuzutrauen zu wissen, was sie tun? Könnte vielleicht ein Grund für grassierenden Neonazismus im Osten des Landes sein, dass man, z. B. unter CDU-Regierungen, nicht genug gegen Nazis machen mag und jahrzehntelang weggesehen hat? Dass rechte Einstellungen immer dort am stärksten sind, wo man am wenigsten aufgearbeitet hat und wo eine Gesellschaft eher homogen ist? Wo man am wenigsten die unterstützt, die sich dagegen wehren oder wehren müssen?

Missy Magazine 06/19, Dossier 2
©Henrike Naumann, DDR Noir, 2018, Foto: Inga Selck

Man wird nicht zwingend rechts, weil man wirtschaftlich abgehängt ist. Das könnte man wissen, wenn man sich die Wählerschaft der AfD anguckt und bemerkt, dass alle Schichten vertreten sind. Aber es ist am einfachsten, es auf die blöden rückständigen Ossis zu schieben, statt sich mit menschenverachtenden Einstellungen wirklich ausei- nanderzusetzen. Es wird sich schon auswachsen, während man ein bisschen betütelt und ein paar Augen zudrückt, glauben die Gaucks dieser Welt. Andere, besonders coole Linke, glauben: Bringt nix mehr, ist verloren, Mauer wieder drum. Wenn wir Sachsen nur ausgliedern, haben wir ein super Deutschland und dann freut man sich plötzlich über Wahlerfolge der CDU und anderer reaktionärer Konsorten, über das bessere Deutschland. Viele westdeutsche Linke haben keinen Bock, erst hinzufahren. In einigen Fällen ist das, weil es Gefahr bedeuten kann, auch verständlich, andernfalls aber auch Ignoranz denen gegenüber, die Unterstützung brauchen könnten. Man ist sich auf jeden Fall viel zu oft mit den falschen Leuten einig: Man kann nichts tun, Rechte sind eben einfach dumm. Das ist gefährlich, weil es unterschätzt. Wer glaubt, dass nur „dumme Proleten“ die AfD wählen, macht sich mit Chauvis gemein.

Wer zu viel Verständnis hat, benutzt dann den Begriff „Sachsenbashing“. Hände hoch, wer das Wort auch nicht mehr hören kann. Nicht nur, dass es furchtbar klingt (obwohl es ganz gut aussieht), es wird auch immer wieder in den Raum geworfen, wenn es darum geht, die Debatte um rechte Strukturen in Ostdeutschland – stellvertretend dafür wird meist Sachsen genannt und es tut sich auch immer wieder besonders hervor – abzukürzen oder gleich ganz abzuwatschen. Dabei muss Sachsenbashing eigentlich noch viel mehr werden. Radikaler. Es muss Ideologiebashing werden. Und es muss Folgen haben. Sachsen- bashing muss praktisch werden.

Dieser Text erschein zuerst in Missy 06/19.

 

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