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Alle Farben des Regenbogens

Sudan Archives begegnet sexistischer und rassistischer Objektifizierung mit radikaler Subjektivität.

27.11.19 > Musik

Von Sonja Ella Matuszczyk
Fotos: Paula Winkler & Alexander Gehring

Eine gut gelaunte Brittney Denise Parks kommt mir barfuß im Flur entgegen. Ich treffe die Künstlerin aus Los Angeles, die unter dem Namen Sudan Archives dieser Tage ihr Debütalbum „Athena“ veröffentlicht, zum Gespräch in den Büroräumen ihrer PR-Agentur in Berlin, wo sie gerade ein mehrstündiges Fotoshooting hinter sich gebracht hat. Einige der Outfits liegen noch ordentlich drapiert auf dem Tisch: darunter armlange schwarze Latexhandschuhe, halsbrecherische Goth-Plateaus mit handtellergroßen Schnallen und ein Bustier aus transparent-rotem PVC. Parks fängt meine forschenden Blicke auf und erklärt: „Das wollte ich eigentlich heute Abend zum Ausgehen anziehen.“ Sie lächelt verlegen. „Aber es ist ein wenig zu freizügig, findest du nicht?“

Bereits die ersten Minuten unseres Gesprächs offenbaren einige der vielschichtigen Spannungsfelder, die Parks auf „Athena“ verhandeln wird: der „Tanz“, wie sie es nennt, des „guten mit dem bösen Selbst“. Das Ringen zwischen der, die man sein will, mit der, die man sein soll, weil Gesellschaft oder Familie es erwarten. Zwischen Selbst- und Au- ßenwahrnehmung. Verhandelt wird aber auch der Konflikt zwischen sexistisch und rassistisch motivierter Objektifizierung und der radikalen Subjektivität, die Parks der Ersteren als Sudan Archives künstlerisch entgegenstellen will. So steht der Moment von Schüchternheit zu Anfang unseres Interviews nur bei oberflächlicher Betrachtung im Widerspruch zur Selbstdarstellung der Musikerin auf dem Cover des Albums als stolze, nackte Bronzestatue. Auf der linken Hand balanciert sie das versöhnende Element und das Sinnbild dieser Emanzipation: ihre Geige.

Sie habe nichts zu verstecken, deswegen legt Parks ihr Äußeres wie ihr Innerstes auf den Seziertisch. „Das Album soll ein Soundtrack der Biografie meines Lebens sein.“ Diese Biografie setzt mit der streng religiösen Kindheit in den Suburbs von Cincinnati, einer Stadt in Ohio, als jüngste von drei Schwestern an. Sie streift indirekt den bereits in der vierten Klasse formulierten Wunsch, Geige zu lernen, nachdem Parks von einer Gruppe irischer Fiedler an ihrer Schule in den Bann gezogen worden ist. Der Unterricht war zu teuer, sie brachte sich das Instrument nach Gehör bei. Dass es vergleichsweise wenige Geiger*innen of Color gibt, verunsicherte das junge Mädchen zunächst nicht. Sie liebte den Sound ihrer Begleiterin und das Spiel verlieh ihr, wie sie sagt, einen Sinn. Sie zupfte, klopfte, quietschte, wie es ihr gerade durch den Kopf schoss, bis die Saiten einzeln vom Brett ploppten. „Ich war immer die Außenseiterin“, sagt sie. „Leute haben mich sogar mit Björk verglichen.“ Was sie nicht störte: „Björk ist badass.“ Andere „weirdos“, die sie prägten, heißen Santigold, Outkast oder Erykah Badu.

Mit Zügen weißer Vorherrschaft in der klassischen Musik kam Parks erstmals in Berührung, als sie feststellen musste, dass sie trotz Ausnahmetalent stets nur in die zweite Reihe verwiesen wurde. „Sie sagten mir, ich sei zu eigensinnig, zu wild.“ Historisch gesehen nicht die erste Parks, die ihren Platz in der ersten Reihe einforderte. Über den Zufall muss sie selbst lachen: „Ich hoffe ja immer noch, dass Rosa Parks und ich verwandt sind.“ Doch lange Zeit quälte sich die junge Künstlerin mit Ängsten und Gefühlen der Unzulänglichkeit, die sie in ihren Texten intensiv verarbeitet hat. Parks fing an zu rebellieren, wurde von zu Hause rausgeschmissen. Also schuf sie sich musikalisch einen authentischen eigenen Raum, stark inspiriert von westafrikanischen Traditionen zwischen pentatonischen Tonleitern und elektronischen Experimenten. Heute wirkt die Zeit der Unsicherheit überwunden und man kann es hören.

Die verträumten, kargen Bedroom-Produktionen sind auf „Athena“ aufwendigen Soundpalästen gewichen, in denen R’n’B und TripHop, Folk und Pop, HipHop, Soul und sogar Punk-Elemente filigrane Muster in die Luft zwirbeln. Ihre Zupftechniken werden um hinreißende Streichelemente geschlungen, wie die „Black Vivaldi“, die sie als Alter Ego verkörpert. Das Mädchen mit dem Quallen-Tattoo, das sagt, dass einige der Stücke schon seit zehn Jahren „gewässert“ worden seien, ehe sie jetzt „gepflückt“ werden konnten, zeigt sich als Herrin ihres düsteren Atlantis-Gegenentwurfs: „Wenn die letzte EP diese psychedelische Unterwassererfahrung beschwören sollte, dann ist ‚Athena‘ die Ruine in diesem Reich.“ Wer die Schönheit des Scheiterns erkennen kann, kann je nach Situation fast magische Stärke daraus gewinnen – „genau da tauche ich tief ein“. Auf dem Stück „Confessions“ singt sie von ihrem stillen Triumph: „I washed away my fears / and trusted my own ears.“

Missy 06/19
© Paula Winkler & Alexander Gehring

Die feministische Theoretikerin und Autorin bell hooks schreibt in ihrem Essayband „Black Looks. Popkultur, Medien, Rassismus“: „Schwarze Frauen wollen wissen, wie Schwarze Frauen denken, wie sich Identität gesellschaftlich abbildet. (…) Die Bereitschaft, persönli- che Erfahrungen anderen rückhaltlos mitzuteilen, garantiert, dass wir kein vergöttertes Idol werden.“ Damit ist gemeint, dass sich radikale Subjektivität zum einen nicht in Isolation verwirklichen lässt, aber auch, dass diejenigen, die es wagen, sich von den repressiven und diskriminierenden Vorstellungen zu distanzieren, die Frauen of Color aufgebürdet werden, in aller Regel dafür leiden müssen. hooks weiter: „Erfahren Schwarze Frauen etwas über mein Leben, sehen sie auch, welche Fehler ich mache, sehen die Widersprüche. Sie (…) können mich nicht entmenschlichen, indem sie mich auf einen Sockel stellen.“ Wenn Parks sich als Sudan Archives also für ihr Cover selbst auf einen Sockel stellt, das „vergötterte Idol“ Athene in entsexualisierter Pose verkörpert, aber gleichzeitig Flutlichter auf ihre Seele lenkt, untergräbt sie geschickt die von hooks identifizierte drohende „Entmenschlichung“: Sie wird zur Göttin-Next-Door, die sich ihren Körper zurückerobert hat. Nahbarer Identitätspunkt voller Widersprüche sowie Zeitalter übergreifender Mythos, der Geschichte neu schreibt. „Man braucht die Aggression einer Superheldin, aber auch die staunende Kindlichkeit: Das ist Athena.“ Und das sagt Parks, während sie im einen Moment gedankenverloren und zusammengekauert an ihren Zehen pult und im nächsten wie eine nubische Prinzessin mit lang gezogenen Beinen, angespanntem Torso und durchdringendem Blick auf der Couch thront.

Was es außerdem mit der Statue auf sich hat, habe schlicht mit Repräsentation zu tun: „Wenn man eine Statue bekommt, hat man wahrscheinlich etwas Denkwürdiges, etwas Historisches geleistet“, sagt Parks. „Und ich kenne viele Schwarze Menschen, die etwas Denkwürdiges geleistet haben.“ Dann fragt sie mit entwaffnender Direktheit: „Warum sieht dann keine dieser Statuen so aus wie ich?“ Parks sieht sich als Stellvertreterin, als fleischgewordenes Archiv all der nicht erzählten Geschichten, ganz im Sinne ihres Künstlernamens. „Ich will nicht, dass meine Kunst irgendwann vergessen wird.“ Bibliotheken könnten niederbrennen, sagt sie, Statuen nicht. Schon vor dreißig Jahren wurde der Versuch unternommen, eine Schwarze Athene in das kulturelle Gedächtnis hineinzuweben: Im Werk „Black Athena“ legte 1987 der Historiker Martin Bernal die kontrovers diskutierte These vor, dass die europäische Geschichtsschreibung vor dem Hintergrund rassistischer und antisemitischer Motive versucht hat zu leugnen, dass das antike Griechenland im Wesentlichen der (nord-)afrikanischen und asiatischen Kultur entsprungen sei. Sprich: Die Wiege der Demokratie ist Schwarz. Weiße hätten sich nur bedient. Nicht ganz so drastisch, aber zumindest ähnlich sieht Parks das auch, wenn sie davon spricht, sich von griechischer Kultur inspirieren zu lassen: „So, wie weiße Kulturen es getan hätten.“ Sie kommentiert, dass Afroamerikaner*innen sich häufig eher mit ägyptischer Kultur identifizierten, weil es „eine einzigartig mächtige Zeit für People of Color war“. Doch sie will die Dinge auf den Kopf stellen, mit dieser Umkehrung Fragen aufstechen: „Wenn Gott weiß sein soll, warum kann ich nicht eine Schwarze Athene sein?“ Es gehe ihr dabei nicht nur um Whitewashing. Sie wolle nicht respektlos wirken, aber Athene sei schließlich nicht real gewesen. „Doch ich denke, viele der Probleme, die wir immer noch in Bezug auf Kolorismus zu erleiden haben, sind sehr real.“

Missy 06/19
© Paula Winkler & Alexander Gehring

Damit spricht Parks einen weiteren, ihr Album wie ihr Leben bestimmenden Komplex an, der dieses Jahr außerdem Hashtag gleich mehrerer Debatten war. Kolorismus ist eine Form der Diskriminierung nach Hautton innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe, wobei helle Töne den dunkleren vorgezogen werden. Beyoncé versus Kelly Rowland als toxisches, Kultur bestimmendes Phänomen. Diese Hierarchie wurde Schwarzen Communitys bereits in der Zeit der Versklavung eingeimpft: Die helleren, meist aus Vergewaltigungen hervorgegangenen Versklavten wurden als Hausbedienstete geduldet, denen Privilegien wie Alphabetisierung zugestanden wurden. Während ihre dunkleren Leidensgenoss*innen zur mörderischen Knochenarbeit auf die Felder verbannt wurden. Trotz Bürgerrechtsbewegung und Slogans wie „Black Is Beautiful“ konnte mit dieser Diskriminierung in den eigenen Reihen nicht gebrochen werden. Bis in die Sechziger hinein existierte z. B. in Verbindungen junger Stundent*innen of Color der sogenannte „Paper Bag Test“: War man heller als eine hellbraune Papiertüte, war man ungeachtet anderer Eigen- schaften gut genug für die Gruppe. Und selbst heute noch geben Frauen of Color Unsummen für ätzende, in vielen Ländern sogar illegale, hautaufhellende Produkte aus oder gleichen ihre Gesichtszüge in Schönheits-OPs den als europäisch geltenden Phänotypen an.

„Schönheit ist gleichbedeutend mit heller Haut“, konstatiert Parks frustriert. „Wenn man dunkler ist, ist man niemals schön.“ Persönliche Erfahrungen mit Kolorismus machte sie schon als Kind: „Meine Tanten oder Freundinnen sagten: ,Geh nicht in die Sonne, Mädchen! Riskier nicht, dass du dunkler wirst!‘“ Fremde sagten zu ihr: „Du bist schön – für ein Schwarzes Mädchen. Du sprichst eloquent – für ein Schwarzes Mädchen.“ Ihre vernichtende Diagnose lässt sich in dem Zine nachlesen, das der Deluxe-Version der LP beigelegt ist: „Did you know that her skin may seem prettier, because we hate what we’ve become?“ Radikale Selbstliebe ist das Antidot, das auch Parks dagegen verabreicht. Auf dem Cover ihrer EP „Sink“ z. B. sieht man die Künstlerin tiefschwarz gefärbt, mit goldenen Ringen um den Hals und Afro in bester Diana-Ross-Manier. Ihre Liebe zu afrikanischen Kulturen und Moden pflegt sie schon seit ihrer Jugend. In besagtem Zine heißt es schlicht: „I feel special.“

Dieses Antidot ist allerdings hauptsächlich bei Frauen wirksam. Für cis hetero Männer of Color, die der Diskriminierung anheimfallen, hat sie eine andere, radikalere Lösung: „Auf dem Stück ,Down On Me‘ geht es um eine Beziehung, die ich zu einem Mann hatte. Und er sagte mir mal einen Satz, der mich tief schockiert hat: Er hätte vor mir noch nie eine Schwarze Frau gedatet, weil Schwarze Frauen kompliziert seien.“ Sie wusste, dass er sie wegen ihrer Hautfarbe beurteilte, obwohl er selbst Schwarz war. „Wie kann man jemanden diskriminieren, der genauso aussieht wie du? Ich kann das immer noch nicht nachvollziehen. Ich liebe alle Farben des Regenbogens!“ Aus Trotz, erklärt sie, wollte sie es dem Typen heimzahlen: „Du denkst, Schwarze Frauen seien kompliziert, aber ich nicht? Ich zeige dir, wer nicht kompliziert ist.“ Sie wartete, bis er sich in sie verliebte, und brach ihm schließlich das Herz. „Ganz wie eine Gottesanbeterin“, also das Insekt, „habe ich ihn aufgefressen.“ Sie wollte nur seine Ideen zerschmettern, „am Ende zerschmetterte ich ihn“. Sie seufzt. Sie wisse, dass das nicht die Antwort sei, aber Schwarze Frauen müssten sich wehren, wie beim Rachefeldzug einer Superheldin. „Das ist genau das, was wir brauchen: Superheld*innen in allen nur denkbaren Farben“, sagt der bekennende Sailor-Moon-Fan, von der sie sich zu ihrem ersten Künstlernamen, Sudan Moon, inspirieren ließ. Als moderne Göttinnen standen für „Athena“ außerdem Xenia, die Kriegerprinzessin, oder die blutsaugende Aaliyah in „Königin der Verdammten“ Modell. Im Video zu „Confessions“ sieht man Sudan in einem Outfit, das wie eine Mischung aus Black-Panthers-Prinzessin Shuri und Wonder Woman anmutet. „Meine Outfits sind meine Rüstung.“ Die Geige ihre Superkraft.

Sudan Archives „Athena“ Stones Throw Records / Roughtrade.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/19.

 

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