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Wer ist im Kanon?

Wieso bleiben in Zeiten feministischer, dekolonialer und LGBTIQ+-Awareness im Kunstfeld so viele unsichtbar?

06.12.19 > Kunst

Von Chantal Kaufmann

Kürzlich hatte ich ein Erlebnis: Ein Freund von mir öffnete an der Uni, inmitten unserer Unterrichtsräume, eine Tür, hinter der sich ein persönlicher Nachlass mit über 4000 sorgfältig ausgesuchten Büchern und Katalogen befand. Dabei handelt es sich um Arbeitsmaterial einer Kuratorin, ein offenbar frei zugängliches Konvolut interessantester Literatur. Ich war erstaunt, dass weder ich noch alle anderen, die ich darauf angesprochen habe, jemals vom Raum oder der Urheberin gehört hatten.

Cathrin-Pichler-Archiv für Kunst und Wissenschaften ©Chantal Kaufmann

Ich studiere an einer Kunstakademie, die sich als queerfeministisch positioniert. Trotz der klaren Ausrichtung der Institution mit ihrem Lehrplan, den darin geführten Diskursen und ihren dekolonialen Ansprüchen, ist der Stoff für die Wissensvermittlung auch hier nach wie vor in einer eurozentristischen, patriarchalen Perspektive verhaftet. Das oben genannte Erlebnis hat in mir nicht zum ersten Mal folgende Überlegung ausgelöst: Welch tiefgreifende Mechanismen müssen überwunden werden, damit einer Arbeit die Sichtbarkeit zukommt, die ihr gebührt?

Es war ein Mitstudent, der im Zuge seines Diploms die Tür öffnete, zum Vermächtnis der mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichneten Kuratorin, Denkerin, Autorin und Lehrenden. Ihre Arbeit war in vielen Fällen durch eine enge Verknüpfung von Kunst, Wissenschaft und politischer Intervention gekennzeichnet und verkörpert somit vieles, was innerhalb unseres Studiengangs angestrebt wird.
Cathrin Pichler, so ihr Name, hat Pionier*innenarbeit geleistet.

Sie hat Kunst als Werkzeug genutzt, um Wissenschaft neu bzw. anders zu denken, und daraus Publikationen geschaffen. Sie hat als Reaktion auf eine umstrittene Regierungsbeteiligung der FPÖ zusammen mit einem Kunstverein reagiert und die Plattform „TransAct: Transnational activities in the cultural field/Interventionen zur Lage in Österreich“ gegründet, in der hundert anerkannte Künstler*innen, Intellektuelle und Wissenschaftler*innen an einer Medienserie teilnahmen (wovon in Auflistungen des Projekts meist ein paar der bekanntesten männlichen Teilnehmer gelistet werden). Sie war die erste Kuratorin für Bildende Kunst des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst und war Chefkuratorin der Kunsthalle Wien.

Dies ist nur ein bescheidener Teil ihres beruflichen Wirkens. Zu ihrem Tod im Jahr 2012 schreibt der Standard, in dem auch die Medienserie erschien: „Wien – Nur Vordergründigkeit: das war Cathrin Pichler, einer Kuratorin europäischen Formats, stets zu wenig. Sie lotete, ohne sich, wie andere, ins Rampenlicht zu drängen, immer die Tiefe aus – und sie stieß dabei auf neue Erkenntnisse und Zusammenhänge. Geprägt war ihre Arbeit durch Seriosität und Respekt vor der Kunst wie der Wissenschaft.“

Anscheinend reicht das Lebenswerk der Ausnahmedenkerin nicht aus, um wenigstens den angehörigen Student*innen der Institution bekannt zu sein. Oder mag ihre Zurückhaltung Grund dafür sein, dass man ihren Namen höchstens im Zusammenhang mit dem Preis der Akademie hört, der zu ihren Ehren vergeben wird?

Weshalb dieses Beispiel für mich wichtig ist, hängt mit dem „Phänomen“ der Kanonisierung zusammen: Denn was wir lernen und mit was wir uns befassen, also die Quellen, die wir herbeiziehen, berücksichtigen wir nicht einfach, weil sie die besten sind. Vielmehr sind sie das Resultat von Deutungs- und Selektionsprozessen, in denen feldinterne und soziale Komponenten auf komplexe Weise zusammenspielen. Die Kriterien, nach denen ausgewählt und interpretiert wird, sind historisch und kulturell variabel, ihre Geltung hängt von der jeweiligen Träger- oder Interessengruppe ab, die die Kanonisierung vollzieht. Dies sagt viel über das Feld aus, in dem wir uns bewegen. Pichlers Archiv ist zudem genau auch deshalb von Interesse, weil an ihm ein Deutungskanon abgelesen werden kann.

Durch das, was wir als Kanon bezeichnen, stiften wir unsere Identität und es trägt zu einem beachtlichen Teil zu unserer Selbstdarstellung bei. Es dient uns als Rechtfertigung und Abgrenzung gegenüber anderen Feldern und gibt Handlungsorientierung. Durch diese vom Kanon geformten Normen und Werte möchte auch ich mich repräsentiert sehen können – und, im Moment jedenfalls, fällt es mir oft schwer.

Wenn dieses Feld von sich behauptet, Anliegen aus dekolonialen und feministischen Theorien gerecht zu werden und LGTBQI+-affin zu sein, dann sollte sich das langsam, aber sicher in weiteren Bereichen abzeichnen, also in Quoten von Institutionsleiter*innen, ausgestellten Künstler*innen und verschiedenen Rankings. Die Vorgänge zu Kanonisierung sind bisher zwar noch wenig erforscht, doch können wir uns für das Kunstfeld darauf einigen, dass diese u. a. stark mit ästhetischen Normen zusammenhängen. Diese umzuschreiben ist Aufgabe aller (Bildungsinstitutionen)!
Schön wäre es, könnten wir unseren Blick erweitern und uns von den veralteten, durch Ausschluss, Sexismus und Rassismus geprägten Codes lösen. Die Verhandlungen sollten über eine theoretische Ebene hinausgehen und gewonnene Erkenntnisse endlich praktisch umgesetzt werden. Auch wenn Ausstellungs-Line-ups zwar eine Änderung zu suggerieren scheinen, ist es damit ist noch lange nicht getan. Welche Interessen stecken hinter dieser teilweisen Pseudodiversität? Von wem, für wen und nach welchen Kriterien werden diese kuratiert?

Die künstlerische Arbeit muss vor dem Subjekt stehen. Unsere verhärteten ästhetischen Normen und die europäische Kunstgeschichte lassen dabei nicht zu, mit der Zeit zu gehen und unsere Wahrnehmung für das zu öffnen, was für zu lange als anders galt.
Dort gründet dann wohl auch mein Erstaunen über den Fall Cathrin Pichler. Sogar wenn etwas wortwörtlich so nahe liegt und nicht mal drastisch von den vorherrschenden ästhetischen Normen abweicht, bleibt es uns dennoch verborgen. Gerne möchte ich hiermit auf Pichlers eindrückliche Arbeit aufmerksam machen und gemeinsam mit allen, die es ebenfalls für nötig empfinden, weiterhin versuchen, denen eine Sichtbarkeit zu verleihen, die in erster Linie nicht einfach laut sind.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Master in Critical Studies der Akademie der bildenden Künste Wien.

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