Seitennavigation Katze Kommentare
Seitennavigation Menu IconMENU
Seitennavigation Search Icon

Kein Recht auf Hetze

Jetzt schon Angst vor Tischgesprächen mit deinen Verwandten? Wir helfen dir mit feministischer Rhetorik.

12.12.19 > Kommentare

Von Stefanie Lohaus

Politikdiskussionen am Esstisch sind oft der Horror. Damit du gegen die Vorurteile deiner Verwandten aus der „Bürgerlichen Mitte“ gerüstet bist, haben wir die typischen Gesprächsthemen mit den wichtigsten Argumenten gegen rechte Thesen für dich rausgesucht.

Missy Magazine 06/17, Weihnachtsspezial
©Juliette Moarbes

Behauptung: „Die AfD ist doch gar nicht so antifeministisch, immerhin wird sie von einer Frau angeführt.“
Ja, es ist auffällig, dass an der Spitze der AfD immer eine Frau neben einem Mann steht: derzeit Alice Weidel, davor Frauke Petry. Da könnte man auf die Idee kommen: Ist ja wie bei den Grünen! Doch während bei den Grünen gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen von früh an programmatisch war, ist die einsame Spitzenfrau bei der AfD ein Feigenblatt, das dazu dient, das menschenfeindliche Programm der AfD zu verschleiern. In der Realität hat die AfD mit 16 Prozent den niedrigsten Frauenanteil aller Parteien (den höchsten haben die Grünen mit 39 Prozent).

Ein Blick ins Parteiprogramm zeigt das wahre Gesicht der AfD: Die Partei möchte das Bundesfamilienministerium in ein „Bevölkerungsministerium“ (WTF?) umwandeln, Gender Studies und Gender Mainstreaming abschaffen, die 3-Kind-Familie fördern, das Schuldprinzip im Falle einer Scheidung wiedereinführen (nach dem der*diejenige unterhaltspflichtig wird, der*die schuld an der Scheidung ist, wurde 1977 abgeschafft) und überhaupt so allerlei Dinge unternehmen, um die Geschlechterverhältnisse zurück ins Jahr 1933 zu katapultieren.

Behauptung: „Statistiken belegen, dass männliche Geflüchtete mehr sexuelle Gewalt gegen Frauen ausüben als Deutsche.“
Ähm. Die überwältigende Mehrheit der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wird nach wie vor von deutschen Männern begangen. Richtig ist, dass bei den Tatbeständen „Vergewaltigung“ und „sexuelle Nötigung“ im Jahr 2016 im Bundesdurchschnitt 12,8 Prozent mehr Straftaten registriert wurden als 2015. Kriminolog*innen machen in der Tat geflüchtete Männer als neue Täter aus, die für diesen Anstieg mitverantwortlich sind. Doch was sagen die Zahlen aus? Zunächst mal ist ein Anstieg der Kriminalstatistik logisch, denn es leben nun mehr Menschen in Deutschland und jede Person ist ein Kriminalitätsrisiko. Ein Teil der Zahlen könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass das Sexualstrafrecht verschärft wurde und nun mehr unfreiwillige sexuelle Handlungen als Straftat gelten. Die Kriminalstatistik sagt auch nichts über das Dunkelfeld aus. Es kann etwa sein, dass 2016 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung häufiger angezeigt wurden als zuvor, etwa weil die Übergriffe von Köln für sexualisierte Gewalt von nicht-weißen Männern sensibilisiert haben.

Doch das allein erklärt den Anstieg nicht: Viele Geflohene sind junge Männer und gehören zu jener Gruppe, die quer durch alle Länder und soziale Schichten die meisten Straftaten begeht. Nicht wenige haben in ihrem Herkunftsland oder auf der Flucht Gewalt erfahren und gelernt, Gewalt auszuüben, manche haben ein patriarchales Frauenbild verinnerlicht. Das Verhältnis von geflüchteten zu einheimischen Straftätern ist dennoch eindeutig, genauso wie die Tatsache, dass sexualisierte Gewalt in den meisten Fällen eine Beziehungstat darstellt. Bei alldem gilt: Jede Gewalt gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist eine zu viel. Überlebende und Täter*innen sollten niemals gegeneinander aufgerechnet oder ausgespielt werden. Und ja: Wir müssen uns auch mit kulturspezifischen Gründen von sexualisierter Gewalt auseinandersetzen: um sie zu analysieren und zu verhindern. Rassismus ist dabei nicht nur überflüssig, sondern schädlich. Deswegen kämpfen wir auch 2018 #ausnahmslos dagegen!

©Juliette Moarbes

Behauptung: „Die G20-Krawalle haben bewiesen, dass Linksextremismus genauso schlimm ist wie Rechtsextremismus.“
Nein, nein und nochmals nein. Das Problem beginnt schon beim Begriff „Extremismus“: Dieser wurde zunächst vom Verfassungsschutz verwendet und ist von dort in unsere Alltagssprache durchgesickert. In dieser Extremismusvorstellung sind politische Strömungen hufeisenförmig angeordnet. Die politischen Einstellungen der bürgerlichen Mitte liegen im Bogen des Hufeisens, linke und rechte verfassungsfeindliche Extremismen stehen sich an den Rändern gegenüber. Diese Vorstellung verschleiert die inhaltlichen Unterschiede der Positionen: Rechtsextreme Positionen gehen prinzipiell von einer rassischen und ethnischen Ungleichheit der Menschen aus, lehnen die Menschenrechte ab und wollen Demokratisierung rückgängig machen. Einschüchterungen und Gewalt bis hin zum Mord sind legitime Mittel.

Linksextremen Positionen ist gemein, dass sie den Kapitalismus ablehnen, sie sind jedoch nicht grundsätzlich als antidemokratisch einzuordnen. Die im Zusammenhang mit den G20-Ausschreitungen viel gescholtene Antifa leistet wichtigen Widerstand gegen Rechts und für die Rechte und Freiheiten von Minderheiten, etwa, indem sie rechtsextreme Strukturen beobachtet und aufdeckt. Zu guter Letzt zeigten gerade die Festnahmen mancher G20-Demonstrant*innen, dass viele von ihnen keine politische Agenda hatten, sondern Krawall machen wollten.

Behauptung: „#metoo zeigt vor allem eins: Frauen nutzen ihre sexuellen Reize, um Karriere zu machen. Und wenn es ihnen nicht passt, dann sagen sie, es sei sexuelle Belästigung.“
Ach. Da hat jemand aber tief in die Gewaltverharmlosungskiste gegriffen und eine besonders perfide Erzählung aus der Kategorie Victim Blaming – Täter*innen-Opfer-Umkehr – herausgezogen. Es ist doch so: Wir leben im Kapitalismus und aufgrund tief greifender sexistischer Strukturen ist es für Frauen ungleich schwieriger, über den normalen Arbeitsmarkt zu Geld und damit an Macht zu gelangen. Deswegen nutzen manche Frauen ihr „erotisches Kapital“, um etwa „nach oben“ zu heiraten oder über sexuelle Reize ihre Karriere zu pushen.

Solange dieses Arrangement in gegenseitigem Einvernehmen stattfindet, sind zwar die gesellschaftlichen Machtverhältnisse unbedingt kritikwürdig, nicht jedoch die individuelle Entscheidung der Einzelnen. Diese Frauen sind nicht schuld an sexualisierter Gewalt. Konsens lautet das Zauberwort. Einvernehmlicher Sex ist etwas völlig anderes als die Überschreitung von Grenzen gegen den Willen einer der beteiligten Personen. Die Vorstellung, dass Opfer selbst für die von ihnen erlittene Gewalt verantwortlich sind, ist eine patriarchale, die dazu dient, sowohl die Täter*innen als auch die Gesellschaft zu entlasten und sexualisierte Gewalt zu legitimieren.

Dieser Text erschien zuerst im Weihnachtsspezial der Missy 06/17.

Jetzt unabhängige, feministische Berichterstattung unterstützen und ein Missy-Abo abschließen.

Beitragsnavigation