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Selbstbestimmtes Gebären?

Strukturelle Gewalt in der Geburtshilfe ist ein Problem. Unsere Autorin entschied sich deshalb zur Hausgeburt.

18.12.19 > Kommentare

Von Muriel Reichmann

Die häufigste Reaktion auf meine Entscheidung, zu Hause zu gebären war: „Wow, das traust du dich? Das wäre mir viel zu unsicher!“ Meistens in einem Tonfall zwischen Bewunderung, Ungläubigkeit und Entsetzen. Dass ich mit dieser Entscheidung eher zur Ausnahme gehörte, merkte ich bereits im Geburtsvorbereitungskurs. Dort wurden wir zu Beginn aufgefordert: „Sagt, wie ihr heißt, ob ihr ein Mädchen oder einen Jungen bekommt und in welcher Klinik ihr gebären werdet.“ Immerhin die erste Frage konnte ich beantworten.

Tatsächlich bringen in Deutschland nur etwa zwei Prozent aller Gebärenden ihre Kinder außerklinisch zur Welt. Der Ort der Wahl, wenn es um Sicherheit geht, ist die Geburtsklinik. Das war nicht immer so: Die Geburtshilfe lag jahrhundertelang in der Hand von Hebammen, bevor sie in der Zeit der Aufklärung zur Geburtsmedizin „erhoben“ wurde. Nicht nur, dass männliche Ärzte fortan das Sagen hatten und Hebammen sowie Schwangere sich entsprechend unterordnen mussten. Auch galt deren Arbeitsort, die Klinik, fortan als professioneller und sicherer als eine Geburt zu Hause. Doch der Anteil von Schwangeren, die zu Hause oder im Geburtshaus gebären, ist auch heutzutage nicht in allen europäischen Ländern so gering. In den Niederlanden beispielsweise entscheiden sich zwei von drei Personen mit einer komplikationsfreien Schwangerschaft für eine außerklinische Geburt.

©Sanjasy auf Pixabay

Ohne Zweifel gibt es gute Gründe, eine Geburtsklinik aufzusuchen, insbesondere, wenn vor Ort eine neonatologische Station die Versorgung von Neugeborenen in Risikofällen sicherstellt. Vermutlich hätte auch ich bei meiner ersten Geburt den Weg in eine Klinik gewählt – „sicherheitshalber“. Doch immer, wenn meine Schwester aus ihrem Berufsalltag als Hebamme in einer großen Berliner Geburtsklinik erzählte, kamen Zweifel in mir hoch. Obwohl sie ihren Beruf liebt und es wichtig findet, dass es die Möglichkeit gibt, klinisch zu gebären, hat auch sie sich bei ihrem eigenen Kind für eine Hausgeburt entschieden. Wären die Verhältnisse für freiberufliche Hebammen nicht so prekär, würde sie manchmal auch lieber Hausgeburten betreuen. Nicht zuletzt, weil ihr dann so manche belastende Situation erspart bleiben würde. So etwa wenn Schwangere alleine in den Kreißsaal kommen und ihr zu verstehen geben, dass sie Angst vor der Geburt haben. Obwohl sie es nicht mit ihrem Berufsethos vereinbaren kann, muss sie ihnen dann irgendwie beibringen, dass sie nicht bei ihnen bleiben kann, weil in den Nebenzimmern weitere Gebärende warten. Oder noch schlimmer: wenn die Geburtsstation vollends überlastet ist und sie deshalb Menschen mit Geburtswehen an der Türe zum Kreißsaal abweisen muss.

Können die Kliniken wirklich die Sicherheit geben, die wir uns für eine Geburt erhoffen? Im Unterschied zur außerklinischen Geburt ist hier eine 1:1-Betreuung die Ausnahme, während die Regel ist, dass eine Hebamme drei oder in manchen Fällen bis zu fünf Gebärende zeitgleich betreuen muss. Diesbezüglich gibt es bisher keine gesetzliche Regelung. Nur logisch also, wenn aufgrund von Personalknappheit Geburtsverläufe durch medizinische Interventionen wie wehenfördende Medikamente verkürzt werden.
Doch damit nicht genug: Eine interventionsfreie Geburt bedeutet zudem einen wirtschaftlichen Verlust für die Kliniken. Die derzeitigen strukturellen Rahmenbedingungen wie die Fallpauschalfinanzierung schaffen demnach geradezu Anreize, Hilfsmittel anzuwenden. Da wundert es auch nicht, dass die Kaiserschnittrate in Deutschland ca. dreißig Prozent beträgt, obwohl laut WHO nur bis zu zehn Prozent medizinisch notwendige Kaiserschnitte zu erwarten wären.

Es klingt absurd, doch Geburtshilfe zählt in Deutschland noch nicht einmal zur „medizinischen Grundversorgung“. Daher gilt auch der Sicherstellungszuschlag nicht, mit dem Kliniken finanziell unterstützt werden sollen. Sechzig Prozent der Geburtsstationen können nicht kostendeckend arbeiten, weshalb immer mehr Kreißsäle schließen. So verlor bspw. mit Föhr im Jahr 2015 auch die letzte deutsche Nordseeinsel ihren Kreißsaal. In anderen strukturschwachen Regionen nehmen Schwangere bis zu 45 Minuten Fahrtzeit auf sich, um eine Geburtsklinik zu erreichen. Wer schon mal mit Wehen im Auto gesessen hat, weiß, wie unzumutbar das ist.

Ich behaupte: Geburt ist eine Extremsituation. Und bei inadäquater Betreuung kann es zu Gefühlen von Passivität, Ausgeliefertsein und fehlender Selbstwirksamkeit kommen. Es sind genau diese Gefühle, die im schlimmsten Fall zu Traumata führen können. Aber nicht nur, dass Gebärende regelmäßig alleine gelassen werden: Die Soziologin Christina Mundlos schätzt, dass mindestens vierzig bis fünfzig Prozent aller Personen physische oder psychische Gewalt während der Geburt erleben. Diese reicht von respektloser Behandlung über sexualisierte Gewalt in Form von Sprache bis hin zu medizinisch nicht indizierten Untersuchungen und medizinischen Interventionen, die ohne Einverständnis und teilweise ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen werden. Um diese Gewalt sichtbar zu machen, wurde 2011 die weltweite Bewegung Roses Revolution ins Leben gerufen – nach einer Idee der Geburtsaktivistin Jesusa Ricoy. Seither legen Menschen, die traumatische Erfahrungen während der Geburt erlebt haben, jedes Jahr Rosen vor den entsprechenden Institutionen nieder. Manche legen auch einen Brief dazu oder lassen ihre Erfahrungen anonym unter #rosrev, #BreaktheSilence und #mylabour veröffentlichen.

Gebären kann sich brutal anfühlen, schmerzhaft und unglaublich anstrengend. Aber ich habe mich noch nie so stark und so verbunden mit meinem Körper gefühlt. Zu erleben, dass ich meinem Körper vertrauen kann, dass das Wunder, ein Kind zu gebären, möglich ist – diese Erfahrung möchte ich tatsächlich nicht missen.
Ich möchte kein Plädoyer für außerklinische Geburten halten. Wunschkaiserschnitt, ebenso wie der Zugang zu Schmerzmitteln, können selbstbestimmte Anliegen sein. Genauso wie die Entscheidung, an dem Ort zu gebären, an dem man sich am sichersten und wohlsten fühlt. Ich möchte aber auf die gewaltvollen Strukturen aufmerksam machen, die in der klinischen Geburtshilfe Alltag sind. Es ist an der Zeit, dass mehr Menschen politischen Druck ausüben, bis zum Beispiel die 1:1-Betreuung während der Geburt nicht mehr als „Luxus“ bezeichnet wird.
Geburten und Schwangerschaften sind – genauso wie die Kinder, die dabei entstehen – ein wichtiger Teil dieser Gesellschaft. Und Selbstbestimmung während der Geburt sollte wie in allen Lebensbereichen kein Luxus, sondern absolute Bedingung sein. Egal wo.

Weiterführende Links:
Geschlossene oder von der Schließung bedrohte Kreißsäle seit 2015

Arbeitsbedingungen in deutschen Kreißsälen gefährden Qualität bei Betreuung von
Geburten

Was bedeutet „sichere Geburt“?

Warum eine Hausgeburt?

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