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Mean Girl Culture ist ein Mythos

Dass daran festgehalten wird, hat Gründe, sagt unsere Kolumnistin.

19.12.19 >

Von Jacinta Nandi

Als der britische Popstar Liam Gallagher zu seinem Bruder und Bandkameraden Noel sagte, dass er mehr Spaß hätte, wenn er mit einer Dose Sardinen rumhängen würde, behauptete niemand, dass sei stutenbissig gewesen. Und als Noel Gallagher dann über seinen Bruder mal sagte, dass der während der 18 Jahre in der gemeinsamen Band, die ganze Zeit über ein „fucking knobhead“ gewesen sei, auch nicht.
Als Donald Trump noch nicht Präsident war, sondern nur Geschäftsmann und Reality-TV-Star, und jeden Tag besessener und besessener über Barack Obama, dessen Geburtsurkunde, Popularität und Charisma sprach, habe ich niemals gehört, dass der Neid und die Missgunst Trumps als Zeichen der Mean Boy Culture abgestempelt wurden.
Und was ist mit Victoria Beckham? Als die britischen Boulevardzeitungen zu ihrem Geburtstag Details über Davids Affäre mit der Nanny veröffentlichten, schrieb der britische Autor und Journalist Tony Parsons: „Posh Spice hat gefakete Titten, gefakete Nägel und gefakete Haare – sollen wir uns wirklich wundern, dass ihre Ehe auch ein Fake ist?“ Und niemand nannte ihn dafür eine Lästerschwester.

©Raiko Runge auf Pixabay

Wenn Männer über ihre Brüder, ihre Kollegen oder ihre Feinde lästern, ist das nichts Schlimmes. Keine Stutenbissigkeit – nur ein bisschen Beef. Und Männer dürfen Beef haben, ist voll männlich und so. Richtig männliches, herzhaftes Fleisch ist das. Männer haben Freiheit. Männer haben Macht, Männer haben das Recht, ihre Meinung zu sagen, auch wenn diese Meinung gemein ist. Sie dürfen über Männer lästern – und über Frauen auch. Männer dürfen über Posh Spice lästern, über ihre Gesangsstimme, aber auch über ihren Körper und ihr Aussehen. Männer dürfen sogar über Kinder lästern, über Jugendliche. Über Greta Thunberg lästern ist ein Hobby geworden. Denn Männer dürfen lästern.

Frauen nicht. Wenn eine Frau etwas Gemeines sagt, rufen alle sofort: STUTENBISSIGKEIT! MEAN GIRL CULTURE! LÄSTERSCHWESTER! Das Schlimmste ist, dass es Frauen sind, die einander angreifen. Wenn man beispielsweise versucht, sich über die Kritik an Müttern zu beschweren, sagen alle: „Und die schlimmste Kritik kommt immer von den Müttern selbst! Das ist das Schrecklichste daran!“
Dabei ist es ein Mythos, dass Frauen mehr lästern als Männer. Ich denke, wer daran glaubt, will unterbewusst einfach nicht, dass Frauen genauso viel reden dürfen wie Männer. Denn Frauen und Männer lästern gleich viel. Männer vielleicht sogar ein bisschen mehr. Diese Fantasie, dass Frauen sich ständig angreifen, obwohl sie schwesterlich sein sollten, ist eine von Grund auf frauenfeindliche Fantasie.

Frauen müssen auch nicht immer unbedingt solidarisch mit anderen Frauen sein. Heidi Klum beispielsweise ist eine schreckliche Frau, die – für ihr eigenes dickes Bankkonto – das emotionale und körperliche Elend junger Mädchen ausgebeutet hat. Sie dafür anzugreifen ist keine Stutenbissigkeit. Es ist einfach nur völlig gerechtfertigt. (Und der Mensch, der mal gesagt hat, dass man aus ihr sieben Sorte Scheiße prügeln soll, war übrigens männlich!)

Wenn es wahr wäre, dass Frauen so viel mehr lästern als Männer, müssten die Boulevardzeitungen doch nicht andauernd Beispiele für Stutenbissigkeit absolut frei erfinden. Der Zickenkrieg, den es angeblich zwischen Angelina Jolie und Jennifer Aniston gibt, ist fast so fiktiv wie „Harry Potter“. Natürlich glaube ich nicht, dass Jennifer Aniston die nächste Frau ihrer großen Liebe zum Tee einladen möchte – warum sollte sie auch? Wer möchte das schon? Aber echte Feindseligkeit – die Art Hass, den Trump für Obama spürt, die Gallaghers füreinander oder alle für Posh Spice? Beweise dafür habe ich keine gefunden, auch wenn ich mir jede Woche die „InTouch“ gekauft habe. Zoff zwischen Kate Middleton und Meghan Markle? Keine Spur. Die Story von Rivalität verkauft sich einfach: Frauen mögen sich nicht. Noch schlimmer, Frauen hassen sich – und einander – viel mehr, als die Gesellschaft sie hasst! Siehe selbst!

Manchmal gibt es ja tatsächlich Beef zwischen weiblichen Stars – Nicki Minaj und Miley Cyrus hatten mal einen Streit und auch Mariah Carey will ihre Indifferenz Jennifer Lopez gegenüber nicht verheimlichen müssen. Aber warum auch sollten Frauen immer so tun müssen, als ob sie sich ständig lieben. Vielleicht denkt Mariah wirklich, dass sie viel talentierter ist als J.Lo, und will einfach nicht so tun, als ob sie sie als Künstlerin respektiert. Darf sie das nicht? Ist doch in Ordnung. Wenn irgendein Indie-Musiker über James Blunt oder die Spice Girls lästert, wird diese Missbilligung als eine künstlerische Meinung geschätzt und nie als lächerliche, eifersüchtige Missgunst abgewertet. Mariah Careys Gefühle über Jennifer Lopez als bitchy oder Stutenbissigkeit abzustempeln, nimmt ihr ihr Menschsein,  die künstlerische Relevanz und Individualität – und stellt einen männlichen Penis, um den es angeblich eigentlich geht, ins Zentrum.

Wenn Teenagerinnen einen Teenager nicht zur Party einladen, mit der Begründung, dass sie ihn hässlich und uninteressant finden, ist das traurig für den Teenager, klar. Aber wenn es Teenagerinnen sind, die diese Entscheidung treffen, wird immer sofort Mobbing oder eiskalter Zickenterror unterstellt. Man sagt ganz oft: „Mädchen sind die schlimmsten!“ Beim Mobbing sind die Opfer manchmal männlich und die Täter*Innen vielleicht weiblich. Aber die Idee, dass Mädchen besonders raffinierte und subtile Tricks haben, um ihre Opfer zu foltern, halte ich für frauenfeindlichen Mist. In meiner Schulzeit haben Mädchen und Jungs gemobbt, und die Jungs sind öfter gewalttätig geworden. Das war der einzige Unterschied. Alles andere ist antifeministische Propaganda.

Frauen müssen sich nicht mögen, nur weil sie Frauen sind. Sie dürfen sich messen. Sie dürfen Erfolg für sich selbst haben wollen, und finden, dass manche Leute untalentiert sind. Sie dürfen Miley Cyrus oder Theresa May politisch angreifen und ihre Entscheidung kritisieren. Das ist alles keine Stutenbissigkeit, sondern nur eine Welt, in der Frauen Menschen sind.

Als ich im Frauenhaus war, gab es einen „Zickenkrieg“ zwischen den polnischen und russischen Frauen. Die Details habe ich jetzt vergessen, aber nicht, wie eine Sozialarbeiterin missbilligend sagte: „Und das ausgerechnet im Frauenhaus!“

JA! Ausgerechnet im Frauenhaus! Denn: Frauen sind Menschen, und Menschen spüren nicht nur Liebe füreinander. Manchmal spüren sie Hass, manchmal Frust über schlechte Entscheidungen oder unsolidarisches Handeln – und ab und zu, wie Mariah Carey, totale Indifferenz. Das ist okay. Es muss okay sein. Es muss erlaubt sein. Das Problem sind nicht die bösen Zungen der bösen Frauen, egal, wie sehr man das gern hätte. Das Problem ist Frauenfeindlichkeit.


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