Liebe als widerständige Praxis

Welche feministischen Vorsätze und Wünsche haben Eltern für ihre Familien? Teil II einer Befragung.

14.01.20 > Josephine Apraku
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Josephine Apraku ist neues Elternteil. Zusammen mit Jule Bönkost leitet sie das Institut für diskriminierungsfreie Bildung.

Ja, ich weiß, zuerst schreibe ich, dass ich keine Neujahrsvorsätze mag, und dann gibt es gleich zwei Kolumnen mit Vorsätzen. Ich möchte aber anbringen: Es sind ja nicht die gängigen Vorsätze, sondern feministische Elternvorsätze, die mich persönlich zur Selbstreflexion inspirieren – nur deshalb ist das in Ordnung!
Ein weiterer Vorsatz von mir ist übrigens, mich vertieft mit Adultismus zu beschäftigen und meinen eigenen Adultismus zu reflektieren. Erwachsene sind Kindern und jungen Menschen gegenüber erschreckend übergriffig und unterdrückerisch – ich möchte so als Mama nicht sein. Ich betrachte Liebe – auch die zu meinem Kind – als widerständige Praxis. Deshalb möchte ich in meiner Beziehung zum Kind eine adultismuskritische Haltung entwickeln und diese als festen Bestandteil meiner Beziehungsarbeit begreifen und leben.

©Tine Fetz

Ich will bewusst auf mein Bauchgefühl hören, um meine Beziehung zu meinem Baby zu definieren und zu leben. Mich gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenzuschreibungen von einer selbstlosen und aufopferungsvollen guten Mutter widersetzen. Mich selbst stets daran erinnern, dass mein Kind neben mir ein weiteres Elternteil hat.
– Jule Bönkost

Weiter hartnäckig für mehr Sichtbarkeit & Unterstützung von queeren alleinerziehenden Eltern und (ihren) Teenagern kämpfen. Elternschaft hört nicht auf, wenn die Kinder in die Schule kommen. Im Gegenteil. Eltern-Kind-Beziehungen werden komplexer und gerade auch durch die Schule oft gestört. Das aktuelle Schulsystem macht Kinder kaputt und muss mindestens diskriminierungskritisch überarbeitet und dekolonialisiert werden.
– Kristin, Kulturwissenschaftlerin, lone mylf & Mitbegründerin von brausemag.de

Ich werde Angst haben, gestresst sein und ziemlich sicher wird mir suggeriert werden, dass ich es doch anders, besser und noch selbstloser machen kann. Ich muss auch dann nicht perfekt sein, kann ich nämlich gar nicht. Ich und er wollen nur das Beste für den neuen Menschen. Wenn das bedeutet, dass ich den nächsten Arbeitsvertrag unterschreibe und er den Haushalt managt, dann ist das okay. Es ist okay.
– Laura Kübke

Meine Tochter sagt über mich, „du bist mir ein Vorbild in Sachen Liebe und Wertschätzung gegenüber anderen Menschen“. Das möchte ich insbesondere mit Blick auf eine intersektionale feministische Perspektive weiterhin sein.
– Melody Laverne Bettencourt, Schwarze Deutsche, bildende Künstlerin

Als Mutter einer 23-Jährigen ist mein Vorsatz fürs kommende Jahr noch besser zu realisieren, da meine Tochter kein Kind, sondern eine junge Frau ist. Ich nehme mir vor, ihr beizustehen, falls sie mich braucht, aber mich nicht aufzudrängen. Ich hoffe, es gelingt mir, Sachen, die sie anders macht, als ich es tun würde, unbewertet stehen zu lassen und mich daran zu erinnern, dass sie es schon richtig machen wird.
– Nivedita, Mutter einer 23-Jährigen, Berlin

Im Bezug auf feministische Vorsätze würde ich sagen, dass ich ihnen weiterhin eine kritische Freundin und Mutter sein möchte. Sie auf ihrem Weg unterstütze, schwierige Entscheidungen selbstbewusst und unerschrocken zu treffen. Ich wünsche mir für sie vieles, aber im Wesentlichen, dass sie mit offenem Blick die Welt erleben. Weich und tough gleichzeitig sein können und in der Lage sind, über sich und die Beziehungen, die sie führen, nachzudenken und reden zu können.
– Sandra lebt mit ihren Kindern in Bonn, ist Schwarze Aktivistin und Antidiskriminierungsberaterin

Mein Vorsatz für 2020 ist es, das Umfeld meines Sohnes, wie z. B. meinen Vater (Jahrgang 1948), dafür zu sensibilisieren, dass auf spezifische Geschlechterzuschreibungen in Form von farbcodierten (= blauen) Kleidungsstücken verzichtet werden soll.
Dies soll das binäre und hegemoniale (männliche) Geschlechterrollendenken bei unserem Sohn verhindern.
– Shai Hoffmann, Sozialunternehmer und Aktivist

Ich möchte mich zuallererst und endlich kritisch mit meinem Männlich-Sozialisiertsein auseinandersetzen und mir meine Privilegien in einer patriarchalen Gesellschaft besser bewusst machen. So möchte ich einen Weg zum solidarischen Handeln in unterschiedlichen Lebensbereichen finden. Die gewonnenen Erkenntnisse möchte ich zum einen selbst nutzen und auch versuchen, an mein Kind heranzutragen.
– Tobi, akademisierter Arbeitsloser und Papa

Mein Vorsatz ist, verstärkt Momente, Räume und Platz zu schaffen für feministische self-care. Nicht nur Zeit für mich, in denen ich es mir gut gehen lasse, sondern Zeit, die ich nutze, um mein Schwarzes feministisches Selbst – in genau dieser intersektionalen Verschränkung – zu stärken, zu nähren und zu feiern. Das können Gespräche, Bücher, Events, Retreats oder auch Demonstrationen sein.
– Tupoka Ogette


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