Zu dirty für die Koalas?

Die Unterdrückung von Sexarbeiter*innen macht auch vor deren Onlinepräsenz nicht Halt, weiß unser Kolumnist.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

In Australien brennt es. Die Influencerin Kaylen Ward wollte nicht tatenlos zusehen und bot ihren Twitter-Follower*innen an, im Austausch für Spendenbelege ab einer Höhe von zehn Dollar an Organisationen wie das australische Rote Kreuz oder an das Koala-Krankenhaus ein Nacktfoto von sich zu schicken. Die Spendenaktion ging viral und Ward gab an, mit ihrem nackten Körper eine ganze Million gesammelt zu haben. Ein toller Erfolg, den jedoch nicht alle gleichermaßen feiern wollten.  Neben Backlash, übergriffigen Nachrichten und Stress mit ihren Eltern suspendierte auch noch Instagram alle drei Accounts, die Ward betrieb – obwohl die Aktion lediglich auf Twitter lief. Angeblich habe ihr Verhalten auf Twitter die Richtlinien für Sexualität, welche für Instagram gelten, verletzt.

©Tine Fetz

Noch frecher nimmt sich die Plattform AirBnB heraus, ihre Nutzer*innen moralisch zu bewerten: Anfang des Monats kam heraus, dass AirBnB ein Programm entwickelt hat, welches die Onlinepräsenzen potenzieller Mietgäste überprüfen soll. Neben Persönlichkeitsdiagnosen („Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie“) können auch Punkte verteilt werden, wobei Nutzer*innen, welche auf Fotos mit Drogen, Alkohol und natürlich mit Sexarbeit assoziiert werden, niedrig bewertet werden. Sexarbeiter*innen erfahren schon länger Diskriminierung durch AirBnB, doch diese hat ein neues Ausmaß angenommen. So berichten Pornodarsteller*innen, dass ihre privaten Accounts auf der Plattform gesperrt wurden, obwohl es sich beim Mitwirken in Pornos um eine Form der Sexarbeit handelt, die selbst in den USA legalisiert ist.

Viele von uns Social-Media-Liebhaber*innen sehen unsere politische Tätigkeit im sogenannten Cyberspace verortet, so hieß die weite Welt des Internets in den Jugendromanen meiner Teenagerzeit. Wir diskutieren, agitieren, bilden uns und starten politische Aktionen online. Diskriminierung, gezielte Kampagnen von verbaler Gewalt, Drohungen und Doxxing, vor welchen uns Plattformen wie Twitter nicht schützen wollen, sind Formen der Kontrolle, die andere User*innen auf uns ausüben. Doch auch die Plattformen selber kontrollieren unser Verhalten. Wie ein konservativer, pädagogischer Auftrag legen sich Regelungen zu Sexualität und Körpern über unseren Output. 

Sexarbeiter*innen haben viele Trends und Neuentwicklungen, die in Popkultur und Vanilla Mainstream übergingen, erfunden oder sie als Erste beschritten. Ein Beispiel ist die JenniCam, mit der Jennifer Ringley von 1996 bis 2003 Bilder aus ihrem Schlafzimmer ins Internet übertrug. Als Vorläuferin späterer Camgirls gelang es ihr, mit Bezahlzugängen für Fans, ein Einkommen aus dieser Liveübertragung zu generieren. Die JenniCam ging offline, als PayPal 2003 Ringleys Account sperrte, da Einkünfte aus dem Verkauf von Nacktbildern nicht mehr geduldet wurden. Big Brother, familienfreundlichere und international zum Kult gewordene TV-Version der JenniCam, erblickte 1997 das Licht der Welt und kam erst im Jahr 2000 ins deutsche Fernsehen und in mein Teenagerleben. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Künstlerin und Cam-Performerin Ringley längst neue Debatten um Technologie und Geschlecht angestoßen. 

Avantgardist*innen wie Jennifer Ringley sowie Wald-und-Wiesen-Sexarbeiter*innen heute werden vom Cyberspace betrogen. Plattformen, die ohne uns keine Bedeutung erlangt hätten, kicken uns raus, nur um dann selbst zurück in die Versenkung zu fallen. So geschehen mit Tumblr – ohne Pornos verlor die einst ikonische Plattform 30 Prozent ihres Traffics. Auch Banken und Bezahlsysteme lassen uns fallen, wenn sie mitkriegen, woher unsere Einnahmen wirklich gekommen sind. Haben wir Pech, behalten sie auch noch unsere Kohle ein.

Wir haben nicht nur bei den Trends die Nase vorn, sondern leider auch beim Thema Unterdrückung. So hatte FOSTA/SESTA, ein explizit auf Internetpräsenzen von Sexarbeiter*innen und zum Austausch über Sexarbeit ausgelegtes Gesetz in den USA seit seiner Einführung schon zu viele Sexarbeiter*innen auf dem Gewissen. Vorgeblich um das sogenannte Trafficking zu bekämpfen, zwang es die bereits illegalisierten Arbeiter*innen, im US-Kontext noch unsicherer und gefährlicher zu arbeiten. Wie viele Gewalttäter*innen dadurch einfacheren Zugang zu Sexarbeiter*innen bekommen haben, wie viele schon ermordet worden sind, wissen wir nicht genau.

Als Kanarienvögel der gesellschaftlichen Stimmung merken wir früh, wenn die Luft dünn wird. Sexarbeiter*innen bringen einander bei, wie wir uns online im „Closet“, also ungeoutet, bewegen können und dennoch unsere Dienste an den Menschen bringen können. Abschaffen oder verbieten kann uns niemand. Doch selbst für die Rettung der Koalabärchen ist unser Geld zu schmutzig.

Kaylen Ward war mit ihrem Körpereinsatz für die australische Brandkatastrophe natürlich nicht die Erste, die mit Sexarbeit der Welt etwas Gutes tat. Die gleiche Aktion führten ich und eine weitere trans Sexarbeiterin (wir waren natürlich auch nicht die Ersten!) im Herbst 2019 durch. Wir verlangten von unseren durstigen Fans Spendenbelege für den kurdischen Roten Halbmond und ähnliche Organisationen, die die Befreiungsbewegung in Rojava z. B. mit medizinischer Hilfe versorgten. Wir bekamen über 600 Euro zusammen und entgingen der Sperrung. Vielleicht, weil ich kein aktives Instagramprofil habe oder vielleicht, weil wir nicht viral gingen wie Ward. Kurdische Twitteraccounts wiederum, die sich türkeikritisch äußerten oder über den Krieg Bericht erstatteten, sahen sich Sperrungen und Shadowbans ausgesetzt, ohne irgendwas mit Sexarbeit am Hut zu haben. Twitter nahm auch hier die Seite der Mächtigen ein und ließ nationalistische Accounts in Ruhe.

Wir lernen daraus ein ums andere Mal: Plattformen, die nicht in unserer Hand sind, haben uns in der Hand. 


Beitragsnavigation