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Fix Me, Filter!

Augmented-Reality-Effekte sind der digitale Trend des letzten Jahres. Körperpolitisch sind sie ambivalent.

04.02.20 > Körper

Von Hengameh Yaghoobifarah

Lange Zeit konnte Instagram mit seinen Filtern wenig beeindrucken. Fotoaffine Menschen schauten auf die Farbfilter der Insta-Kamera eher herab, sie nutzten andere Apps für die Bildbearbeitung oder verzichteten ganz auf die Retusche. Instagrams eigene Filter galten als basic. Auch die animierten Filter aus der Story-Funktion brauchten eine Weile, bis sie sich als Trends durchsetzen konnten. Zunächst wirkten sie eher wie ein billiger Abklatsch von Snapchat. Die meisten waren kitschig, albern oder gesponsert. Wer sich nicht gerade als Welpe oder Kätzchen animiert sah, speicherte sie selten ab. Ende 2018 änderten Augmented-Reality-(kurz: AR-)Filter das Game.

Missy 01/20
©Hengameh Yaghoobifarah

Ob mit fliegenden rosa Geldscheinen, als Bildschirmschoner eines 2000er-Klapphandys, inmitten eines Wrestling-Matches, mit leuchtenden Playboy-Bunnys auf den Wangen, als Elfe mit Sommersprossen, holografisch leuchtend, vor dem Berghain oder mit „Bad Botox“: Die scheinbar unendlichen Möglichkeiten laden zu exzessiven Selfie-Sessions mit und dem inflationären Gebrauch von AR-Filtern ein. Mit dem Programm Spark AR Studio können AR-Designer*innen und alle, die welche werden möchten, eigene Filter zur

kostenfreien Nutzung für Instagram-Nutzer*innen kreieren. Für die Grafiker*innen waren Filterdesigns eine Chance für mehr Reichweite, denn um diese für die eigene Nutzung freizuschalten, musste man den Künstler*innen zunächst einmal folgen. Mittlerweile ist dies nicht mehr nötig, man speichert den Filter einfach in seiner Sammlung ab. Beeindruckend sind die unterschiedlichen Artworks dennoch, da sie Popkultur, Mode, Zeitgeist, Technik, Kunst und Meme-Kultur miteinander vereinen. Der heißeste Trend des Jahres 2019 sind ohne Frage AR-Filter – sowohl für Macher*innen als auch für Nutzer*innen. Nach dem Motto: Zeig mir deine Filtersammlung und ich analysiere deinen Geschmack.

Neben surrealistischen und offensichtlich als solche erkennbaren Filtern setzen sich auch zahlreiche „Schönheitsoperationseffekte“ durch, also solche, die unauffällig die Gesichtszüge im Sinne von Beauty-Normen optimieren: etwas größere Augen, vollere Lippen, markantere Wangenknochen, das ermöglichte etwa der „Topmodel“-Filter. Der Filter „Fix me“ hingegen ließ die User*innen selbst markieren, welche Bereiche sie in ihrem Gesicht reparieren, also „fixen“ möchten. Implizierend, dass das Gesicht in seinem Ist-Zustand überhaupt erst verbessert werden muss. Im Oktober machte Instagram schließlich eine Ansage und kündigte an, sämtliche Filter mit Operationseffekten zugunsten der Körperakzeptanz der Nutzer*innen zu löschen. Die Anfälligkeit von Instagram-Nutzer*innen für Selbstzweifel ist demografisch bedingt, mehr als die Hälfte von ihnen sind weiblich, über siebzig Prozent aller User*innen sind zwischen 13 und 34 Jahre alt. Unzufriedenheit mit dem bis hin zu Hass auf den eigenen Körper, Essstörungen, eine verzerrte Selbstwahrnehmung – je stärker der eigene Körper gesellschaftlich gemaßregelt, bewertet und marginalisiert wird oder auch je abhängiger eine Person für ihre soziale Mobilität und ihr Überleben von ihrem Aussehen ist, desto eher lässt sich eine Person von Körpernormierung unter Druck setzen. Das Verbannen dieser Filter ist nicht die erste Konsequenz, die Instagram in Sachen Selbstbild zieht. Bereits zuvor wurde ein Verbot für Posts eingeführt, die Produkte für Gewichtsverlust bewerben. Nicht schlecht, Instagram, aber wie wäre es damit aufzuhören, dicke Körper und Nippel zu zensieren, wenn das Thema Körpernormierung euch so am Herzen liegt? Solange diese Praxis zum Tagesgeschäft gehört, scheint das Verbot dieser Werbung und von Filtern eher scheinheilig.

Dennoch liegen die Auswirkungen von regelmäßig genutzten Schönheitsoperationsfiltern auf der Hand. Nicht nur gesellschaftliche Normen, sondern vor allem Sehgewohnheiten beeinflussen unser Denken und somit unsere Parameter für Schönheit. Konsumiert jemand überwiegend herkömmliche Medien, wo die positive Repräsentation des eigenen Körpers ausbleibt, wird eine beschränkte Norm zum Zentrum aller Vergleiche. Ändert die Person ihre Sehgewohnheiten, indem sie etwa mehr Blogs und Accounts von Menschen abonniert, die ihr ähneln, wirkt sich das positiv auf die Selbstwahrnehmung aus. Andersherum heißt es: Man gewöhnt sich bei regelmäßiger Nutzung solcher Filter daran, normschöner auszusehen, als es der Fall ist. Betrachtet man sich irgendwann im Spiegel oder ohne Filter, setzt der Cold-Turkey-Effekt ein und man empfindet sich plötzlich als unattraktiver als zuvor – selbst wenn man eigentlich ein gutes Verhältnis zu seinem Körper pflegt und Körpernormierung reflektiert. Ohne den ständigen Vergleich, wie man mit Lippen- und Wangenfillern oder Sommersprossentattoos aussehen könnte, kommt man seltener auf die Idee, es IRL umsetzen zu wollen. #FürEuchGetestet.

Der Wunsch nach Selbstoptimierung und Körpermodifizierung bzw. Schönheitschirurgie sind jedoch älter als Instagram. Sie sind auch älter als das Internet. Laut Isabella und Riccardo Mazzola, die über die Geschichte der Schönheitschirurgie ein Buch geschrieben haben, fanden bereits 3000 bis 2500 v. Chr. im antiken Ägypten die ersten Schönheitsoperationen statt. Gefühlt sind Schönheitsoperationen so alt wie die Menschheit, verändert hat sich mit der Zeit in erster Linie die Zugänglichkeit, denn sie sind immer weniger nur Luxus der Reichsten und Schönsten. Wer sich in Deutschland keine Operation leisten kann, kann in ein benachbartes Land fahren, wo eine günstigere Umsetzung möglich ist. Die lange Tradition von Schönheitsoperationen schließt ihre gesundheitlichen Risiken oder ihr toxisches Einwirken auf die Selbstwahrnehmung nicht aus. Doch dieses komplexere Spannungsfeld zwischen körperlicher Selbstbestimmung und Anpassung an Körpernormierungen löst sich nicht nur durch das Verbot von Instagram-Filtern oder selbst Sozialen Medien im Allgemeinen auf. Ergiebiger wird es erst, wenn Systeme wie der Kapitalismus, Neoliberalismus, (Kolonial-)Rassismus und das (hetero und cis) Patriarchat ins Schwanken geraten.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/20.

 

 

 

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