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Ausradiert, unsichtbar gemacht und gesilenced

Komponistinnen of Color tauchen in der musikwissenschaftlichen Szene kaum auf. Doch es gibt sie.

27.02.20 > Musik

Von Neneh Sowe

Nina Simone sagte mal: „There’s no excuse for the young people not knowing who the heroes and heroines are or were.“ Klar, selber suchen geht immer. Doch die Geschichte, die gelehrt wird, ist die weiße Geschichte. Wie sollen da nicht weiße junge Menschen, die sich für klassische Musik interessieren, Vorbilder außerhalb des weißen Radars finden?

In meinem Studium der Musikwissenschaft gab es Stoff zu Haydn, zu Beethoven, zu Mozart und auch zu Richard Wagner. Alles Komponisten, deren Namen der Großteil der Bevölkerung in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit schon einmal gehört hat. Alle männlich, alle weiß. Weibliche Komponistinnen? Fehlanzeige! Vielleicht wurde Clara Schumann (bezeichnenderweise eher bekannt als „die Frau von Robert Schumann“) mal in einem Nebensatz erwähnt, doch weiterführende Diskussionen, Analysen oder das Anspielen ihrer Stücke? Absolut nicht. Und wenn schon weiße Komponistinnen nicht thematisiert werden, dann tauchen Komponistinnen of Color noch nicht einmal auf dem Radarrand der musikwissenschaftlichen Szene deutscher Universitäten auf. Aber natürlich gab es sie.

Angefangen bei der chinesischen Komponistin und Pädagogin Shuxian Xiao. „Chinese Children’s Suite“ und ihre Orchestersuite „Huainian Zugno“ waren unter den ersten Stücken chinesischer Komponist*innen, die im Westen bekannt waren. Oder die mexikanische Komponistin Sofía Cancino de Cuevas, die die erste weibliche Dirigentin eines symphonischen Orchesters ihres Landes war. Und die Hawaiianerin Lydia Kamakaeha, auch genannt Liliʻuokalani. Sie war die erste und einzige Königin der Insel und begeisterte Musikerin. So kam es, dass sie über 160 Songs komponierte, unter anderem das weltbekannte „Aloha Oe (Farewell To Thee)“. Drei Komponistinnen of Color, deren Namen und Stücke nicht mal eben so in einer fachlichen Konversation gedroppt werden. Auch keine Namen, bei denen sich Expert*innen oder Musikstudierende mit diesem Blick anschauen, wenn das Gegenüber keine Ahnung hat, von wem da die Rede ist. Rassismus und Geringschätzung lassen nicht weiße Komponistinnen im Dunkel der Musikgeschichte herumdümpeln.

Wie systematisch die Musikgeschichte Schwarze Komponistinnen und andere Komponistinnen of Color ausschließt, sieht man auch daran, dass in der größten deutschsprachigen Enzyklopädie zur Musikgeschichte „Musik in Geschichte und Gegenwart“ (MGG) kein einziger Beitrag über Schwarze Komponistinnen zu finden ist.  Zu männlichen Schwarzen Komponisten sehr wohl. Und die Website der MGG sagt selbst „Allgemeine Enzyklopädie der Musik“. Von wegen. Ausradiert, unsichtbar gemacht und gesilenced. Aber Schwarze Komponistinnen gab es. Schwarze Komponistinnen, die unterdrückt, unterschätzt und vor allem nach ihrem Tod nicht (mehr) ernst genommen wurden und werden.

Zeit, das zu ändern und Licht in das Dunkel zu lassen. Es ist Black History Month. Oder eher Black Sistory Month. Zeit, drei von vielen Schwarzen Komponistinnen zu ehren, sie sichtbar zu machen und sie für ihre Arbeit zu feiern, bei der ein Superlativ den anderen jagt. Sie verdienen es, gehört zu werden. Sie und ihre Stücke.

"Ausradiert, unsichtbar gemacht und gesilenced" Teaser: Komponistinnen of Color tauchen in der musikwissenschaftlichen Szene kaum auf. Doch es gibt sie.
©“Portrait of Florence Price. Florence Price Addendum Papers (MC 988a) box 2, folder 1, Item 5. Special Collections, University of Arkansas Libraries, Fayetteville.“

Die erste im Trio ist die Afroamerikanerin Nora Holt, 1885 – im Jahr der Kongokonferenz – in Kansas City geboren. Vor allem als Musikkritikerin wurde sie geschätzt, sie war aber auch als Komponistin, Sängerin und Pianistin tätig. Mit ihrem Masterabschluss 1918 in Komposition am Chicago Musical College war sie die erste afroamerikanische Person, die einen solchen Abschluss erlangte. Mit 32 Jahren arbeitete sie für einige Jahre beim „The Chicago Defender“, in erster Linie eine Zeitung von und für Afroamerikaner*innen, und wurde die erste Musikkritikerin der Vereinigten Staaten. 1919–1921, im Zeitraum ihrer Tätigkeit für das Blatt, veröffentlichte sie „Music & Poetry“, eine Musikzeitschrift, in der sie auch eigene Stücke eingliederte. Die wahrscheinlich einzigen erhaltenen Kompositionen von ihr. Als Sängerin war Holt in den 1920ern in Europa unterwegs, wobei sie hauptsächlich auf privaten Veranstaltungen auftrat. Sie studierte bei der französischen Musiktheoretikerin Nadia Boulanger Komposition (auch von ihr haben wir nichts im Musikwissenschaftsstudium mitbekommen, nicht mal den Namen). Ende der 1930er-Jahre kehrte Holt wieder in die Vereinigten Staaten zurück und arbeitete als Musikkritikerin für Zeitschriften, so etwa bei „The Amsterdam News” (1943–1964). Für ihre aufschlussreichen Analysen von Musikstücken wurde sie 1945 als erstes afroamerikanisches Mitglied in den „Music Critic Circle of New York“ aufgenommen. Sie unterstützte Schwarze Komponist*innen und war Gründungsmitglied der National Association of Negro Musicians (NANM). Im Alter von 89 Jahren starb Nora Holt. Nur wenige ihrer Kompositionen sind erhalten geblieben.

1887, das Jahr der Schlacht bei Dogali: Äthiopische Truppen halten die italienische Armee beim Versuch ihrer kolonialen Ausweitung auf. Außerdem ist es das Geburtsjahr der Komponistin Florence Beatrice Price. Sie war die erste Schwarze Komponistin, die weitreichende Anerkennung als symphonische Komponistin bekam. Zeitgleich zu ihrem aufstrebenden Ruhm gesellten sich auch die afroamerikanischen Komponisten William Still Grant und William Dawson dazu. Früh wurde Price von ihrer Mutter am Klavier unterrichtet, was sie später zum Studium der Komposition am New England Conservatory in Boston führte. Nach ihren Abschlüssen (Orgel und Klavier) ging sie zurück in den Süden und unterrichtete an der Cotton Plant Arkadelphia Academy sowie einige Jahre später an einem College in Little Rock. Bis ins Jahr 1912 leitete sie die Musikabteilung am Clark College in Atlanta, die erste US-amerikanische Institution, die Afroamerikaner*innen Hochschulabschlüsse verlieh. Aus Gründen rassistischer Unterdrückung zog sie mit ihrer Familie 1927 nach Chicago. Dort war Price vor allem als Komponistin aktiv und studierte, wie auch Holt, am Chicago Musical College, außerdem am American Conservatory. Ihr Erfolg gipfelte 1932 im Gewinn des Wanamaker Prize, eines Musikpreises für ihre Symphony in E-Minor. Plötzlich war ihr Name in aller Munde. Die Premiere des Stücks erfolgte ein Jahr später mit dem Chicago Symphony Orchestra. Die Aufführung machte sie zur ersten Schwarzen Komponistin in den USA, deren symphonisches Orchesterwerk von einem großen amerikanischen Orchester gespielt wurde. Und noch ein weiterer Superlativ: Die Vertonung von „The Latter“, ein Text des Schwarzen Dichters Langston Hughes, gilt laut der „Chicago Daily News“ als einer der „größten schnellsten Erfolge, die jemals von einem amerikanischen Song erbracht wurden“. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1953 unterrichtete und komponierte sie weiterhin. Am bekanntesten ist Price wegen ihrer Kunstlieder sowie Arrangements von Spirituals, die von renommierten Sänger*innen gesungen wurden. Trotz der häufigen Rezeption ihrer Stücke, vor allem zu ihren Lebzeiten, blieb ein Großteil ihres Werks unveröffentlicht.

1913: Todesjahr der Schwarzen Abolitionistin und Aktivistin Harriet Tubman und Geburtsjahr von Rosa Parks. Doch nicht nur eine Schwarze Heldin erblickte das Licht der Welt: Auch Margaret Allison Bonds setzte einen Fuß hinein. Schwarze Komponistin, Lehrerin und Pianistin in den Vereinigten Staaten. Als Kind wurde Bonds von ihrer Mutter musikalisch unterrichtet. Kein Wunder, in ihrem Elternhaus gingen viele Schwarze Künstler*innen, unter anderem Florence B. Price, ein und aus. Mit Price zusammen studierte Bonds Klavier und Komposition und machte im Alter von 20 Jahren innerhalb eines Jahres den Bachelor- und Masterabschluss of Music an der Northwestern University. Genau wie Price gewann auch Bonds 1932 den Wanamaker Prize. Kurz danach zog sie nach New York und studierte an der Juilliard Graduate School Klavier. Ihr Pionier-Instrument machte sie 1933 zur ersten Schwarzen Solistin, die mit dem Chicago Symphony Orchestra auftrat. Sie spielte Price’s Klavierkonzert auf der World’s Fair. Neben ihren Auftritten als Pianistin war sie in New York und wenig später in Los Angeles zudem als musikalische Leiterin für Musiktheaterinstitutionen tätig. Der Großteil der Arbeit der virtuosen Pianistin besteht nicht wie anzunehmen aus Klavierstücken, sondern aus Vokalmusik. Am bekanntesten sind ihre Spirituals für Solostimme. Einige ihre Arrangements wurden von der afroamerikanischen Sopranistin Leontyne Price in Auftrag gegeben und aufgenommen, vielleicht sind sie so erst in den hintersten Ecken der Gehirne der weißen Musikwissenschaftler*innen erhalten geblieben. Ihr Ziel, die Community-Arbeit der Schwarzen zu unterstützen, zeigt sich durch die Organisation einer Kammergesellschaft zur Förderung von Schwarzen Künstler*innen und durch die Komposition der „Montgomery Variations“, die sie im Jahr 1965 zur Zeit des March on Montgomery schrieb und die Martin Luther King, Jr. gewidmet sind.

Sie waren nicht die ersten Schwarzen Komponistinnen. Aber die Ersten, die zumindest in den Vereinigten Staaten gehört wurden.

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