„Wir sollten wissen, was wir tun, wenn wir spritzen“

Stephanie Haerdle hat die Geschichte der weiblichen Ejakulation zusammengetragen. Ein Gespräch übers Spritzen.

13.03.20 > Sex & Beziehung

Interview: Laura Méritt

Weibliche* Ejakulation liegt gerade in der Luft. Der neueste Film wurde von Julia Ostertag eben auf der Boddinale präsentiert. Wie bist du auf die Idee zu deinem Buch gekommen?
Stephanie Haerdle: Ende der 1990er habe ich im Berliner Kino Acud bei einer Frauen/Lesbenfilmreihe einen Film gesehen, der mich umgehauen hat. Das war „How to Female Ejaculate“ von Deborah Sundahl. Da spritzten vier Frauen gemeinsam über die ganze Leinwand. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah: Frauen können spritzen! Ich war so beeindruckt und wirklich schockiert, dass ich nichts darüber wusste. 

Stephanie Haerdle©Barbara Dietl

„Nice Girls Don’t Do It“ von Shannon Bell war ein anderer wichtiger Film, der in den 90ern vom Konkursbuch Verlag vertrieben wurde und den wir an wichtigen alternativen Orten gezeigt haben. Was war bei deinen Recherchen das Überraschendste für dich?
Mich hat sehr erstaunt, dass die Kulturgeschichte der weiblichen Ejakulation so weit zurückreicht. Die Zeitspanne, in der die Ejakulation angezweifelt und tabuisiert wurde, ist hingegen sehr kurz. Flüssigkeitsergüsse der Frauen beim Sex wurden immer beschrieben, in der griechisch-römischen Antike, im vorchristlichen China, im alten Indien, in arabischen Texten des Mittelalters. Die Katholische Kirche forderte den feuchten Orgasmus der Frau noch bis ins 18. Jahrhundert, pornografische Texte der Zeit sind voller Beschreibungen dieser „Ausgüsse der Freude“. Mediziner, Nervenärzte, Sexualwissenschaftler haben im 19. und frühen 20. Jahrhundert über die Ejakulation und „Pollution“ publiziert. Erst danach setzte das große Schweigen ein. Im 20. Jahrhundert wird die Geschichte der weiblichen Ejakulation und weiblichen Prostata fast zum Wissenschaftskrimi. Es wurde geforscht, entdeckt und veröffentlicht. Wenig davon schaffte es in den Mainstream, in die Schulen, an die Universitäten. Das ist wie bei der Klitoris: 1998 ist es der australischen Urologin Helen O’Connell gelungen, sich mit ihren Arbeiten zur Klitoris Gehör zu verschaffen. Die empfindsame „Erbse“ ist nur die Spitze des Eisbergs. Es ist doch verrückt, dass wir über so etwas Fundamentales, unser Genital, so wenig wissen.

Ich würde nicht von einem Eisberg, sondern von einem Vulkan reden, der Lava spritzt, was übrigens ein landschaftsmythologisches Bild für die weibliche Potenz ist. Positive Assoziationen wurden lange unterdrückt und eine Ungleichheit der Geschlechter wurde auch in der Sexualität hergestellt. Das Eliminieren von Wissen hat mit der Konstruktion von Gender zu tun.
Ja, an der Geschichte der weiblichen Ejakulation lässt sich gut zeigen, dass Körper nicht neutral betrachtet, sondern interpretiert wurden und werden. Die Ärzte, Philosophen und Denker (meist Männer) sahen das, was sie sehen wollten und was gesellschaftlich erwünscht war. Ich habe untersucht, wann und warum eine Frau spritzen „durfte“. Welche Vorstellung von Sex und Lust gab es, von weiblichem und männlichem Körper, von Zeugung. Für das Unsichtbarmachen der Ejakulation der Frau gibt es allerdings eine ganze Reihe von Gründen.
Was wissen eigentlich die Frauen, die deine Workshops besuchen, über ihre Körper? 

Manche haben von der Ejakulation gehört und wollen wissen, wie das geht und wo diese omnimöse G-Fläche bei ihnen sitzt. Andere wissen nichts und wieder andere können es fließen lassen, wissen aber nicht, woher es kommt und wie das alles funktioniert. Insgesamt fehlt wirklich Wissen über die weibliche Sexualanatomie. Einige Frauen schauen sich im Workshop zum ersten Mal ihre eigene Klitoris genau an oder die von einer anderen, das ist für viele eine Erleuchtung. Wenn es zum praktischen Teil kommt, spritzen mehr als die Hälfte – das ist doch großartig, ohne dass wir Druck machen wollen. Viel wichtiger ist, dass alle wissen, sie können es, und es ist kein Urin, was ja auch nicht sooo schlimm wäre.
Die Frauengesundheitsbewegung hat seit den 1970ern viel dazu beigetragen, Wissen zur weiblichen Anatomie zu vermitteln und auch zu publizieren. Was denkst du, warum es nicht im Kanon angekommen ist?
Die feministische Frauengesundheitsbewegung war revolutionär. Frauen und Lesben wollten mehr Wissen über ihre Körper. Es ging um Information, Aufklärung, Autonomie und Selbstbestimmung. Sie haben gemeinsam geforscht, sich ausgetauscht, sich untersucht, medizinische Eingriffe in die eigene Hand genommen. Gerade bei Themen wie Abtreibung oder Empfängnisverhütung war es wichtig, Wissen zugänglich zu machen und als Frau selbstbestimmt und gut informiert entscheiden zu können. Das ist auch heute absolut wichtig. Die bedeutendste Publikation der Frauengesundheitsbewegung, 1987 unter dem Titel „Frauenkörper – neu gesehen“ auch auf Deutsch erschienen, ist bis heute in vielerlei Hinsicht aktuell. Du hast es ja dankenswerterweise neu herausgegeben und es ist jetzt wieder zu haben. Die Fotoreihen zu Vulva und Muttermund sollte jeder Mensch gesehen haben. Auch die Zeichnungen zur Klitoris, zu Schwellgewebe, Nerven, Muskeln gehören in jedes Schulbuch. Warum dieses Wissen nicht im Kanon ankommt? Forschung und Medizin lagen lange in der Hand von Männern. Über den männlichen Körper wurde viel mehr geforscht. Bei der Frau interessierte insbesondere Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt. Zur weiblichen Sexualität und Lust wurde wenig geforscht.

Die weibliche Prostata ist seit 2001 in der internationalen Terminologie als funktionierendes Organ anerkannt. Das ist für diese Vorgänge doch ein gutes Beispiel?
Ja, genau. Oder eben die Klitoris. Es gibt noch immer Neuerscheinungen im Bereich der Aufklärungs- oder Ratgeberliteratur, die die Klitoris nicht in ihrer ganzen Größe zeigen. In aktuellen medizinischen Standardwerken fehlt in der Regel eine Darstellung der Prostata der Frau. Die Prostata wird noch immer als „Männerorgan“ wahrgenommen und beschrieben. Fachärzte* für Urologie oder Gynäkologie sind sich auch heute noch nicht sicher, ob es die weibliche Prostata wirklich gibt. Dabei wird sie seit der griechischen Antike beschrieben und im 20. Jahrhundert ist einiges erforscht und publiziert worden. Ich habe für mein Buch mit einer Mitarbeiterin des Feministischen Frauengesundheitszentrums in Berlin gesprochen. Die Nichttradierung von Forschungsergebnissen zu Klitoris, Prostata, Ejakulation kommentierte Petra Bentz treffend so: „Jede Generation fängt wieder von vorne an, es ist zum Heulen.“

Du hast Vorreiterinnen der Ejakulation in deinem Buch versammelt. Annie Sprinkle ist eine sehr bekannte Aufklärerin, die sich nach ihrer feuchten Praxis benannt hat. Shannon Bell ist eine andere radikale Politspritze der 80er-Jahre und Deborah Sundahl ebenfalls eine Ikone.
Ja, diese Frauen haben in den 1980er-Jahren ihr eigenes Spritzen öffentlich gemacht, in Filmen, Performances, Texten. Endlich wurde nicht mehr über die Femmes-Fontaines gesprochen, sondern sie erzählten selbst. Ich stelle die drei vor und zeige, dass sie das Spritzen ganz unterschiedlich deuteten. Für Sprinkle war das Ejakulat nur eine von vielen herrlichen weiblichen Flüssigkeiten. Sie interessierte sich überhaupt nicht dafür, Lubrikation, Urin oder Ejakulat voneinander abzugrenzen. Ein sehr entspannter Umgang mit unseren Säften. Für Bell war das Ejakulieren eine Kampfansage. Das kontrollierte Spritzen sah sie als Selbstermächtigung, als aggressiven, raumgreifenden sexuellen Akt. Frauen können mehrmals nacheinander spritzen und sie spritzen von Mal zu Mal mehr. Die weibliche Ejakulation sei deshalb der männlichen überlegen. Für Bell zeigte das Spritzen auch ganz klar, dass es nur einen menschlichen Körper gibt und dass die Grenzen zwischen männlichem und weiblichem Körper fließend sind. Deborah Sundahl wiederum hat das Ejakulieren später mit Tantra verbunden. Für sie ist es etwas zutiefst Weibliches.
Du hast Sundahl Anfang der 2000er-Jahre nach Berlin eingeladen, richtig? 

Der Workshop war komplett ausgebucht und spannenderweise berichtete sie, dass sie in den USA keine praktischen sexuellen Workshops mehr machen durfte, weil das jetzt verboten sei. Ich fand Debbie ja so toll, weil sie die lesbische Sexzeitschrift „On Our Backs“ mitgegründet hatte und auch in den ersten Lesbenpornos von Fatale Media lustvoll gespritzt hat. In feministischen Pornos sind ejakulierende Frauen ganz selbstverständlich dabei. Während Squirting in normierten Mainstreampornos eine eigene Kategorie darstellt, agieren queere Pornstars wie Jiz Lee, die das Spritzen auch in ihrem Namen führt, oder Sadie Lune als fluide Persönlichkeiten, kategorienübergreifend. Du schreibst  in deinem Buch ja auch darüber, wie Squirten zu einem Riesenthema im Porno wurde.

Was sagst du eigentlich zum Titel des Buchs? „Spritzen“ hat schon für einige Diskussionen gesorgt.

Das ist sehr direkte Sprache und wäre bis vor fünf Jahren so nicht möglich gewesen. Sexpositive feministische Sprache hat da schon viel bewirkt. Ich kann mich erinnern, dass allein das Wort „Ejakulation“ lange so negativ besetzt war und Assoziationen von Männern, die ins Gesicht von Frauen spritzen, weckte. Deshalb wurde Anfang der 1970er-, 1980er-Jahre von „Freudenfluss“ geredet und wir haben das Wort für unser Netzwerk übernommen, weil wir das so schön fanden.
In Frankreich werden Frauen, die spritzen, auch Femmes-Fontaines genannt, Springbrunnenfrauen. Das weckt noch einmal andere Assoziationen. Es geht mir übrigens, das möchte ich noch einmal klar sagen, nicht darum, dass alle Frauen ejakulieren. Aber wir sollten wissen, was wir tun, wenn wir spritzen. Und dass Frauen seit Jahrtausenden spritzen.

Genau, deshalb heißt unsere lustvoll gemeinte Kampagne gegen die Unterdrückung „Wir spritzen zurück!“

 

Stephanie Haerdle, geboren in Freiburg, studierte Neuere deutsche Literatur, Kulturwissenschaft und Gender Studies (M. A.) in Berlin, wo sie auch heute lebt. 2007 erschien ihr Buch „Keine Angst haben, das ist unser Beruf! Kunstreiterinnen, Dompteusen und andere Zirkusartistinnen“ (AvivA Verlag). Im Januar 2020 erschien ihr Buch „Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation“ (Edition Nautilus).

Workshops bei Laura Meritt, Sexologin und Betreiberin von Sexclusivitaeten: weiblichequelle.de /sexclusivitaeten.de

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