Das Kind im Kochtopf

Olivia Wenzels „1000 Serpentinen Angst“ erzählt vom Aufwachsen einer jungen Schwarzen Frau in Ostdeutschland.

Interview: Lara Sielmann

Als die Autorin, Musikerin und Theatermacherin Olivia Wenzel im Sommer 2017 beim Literaturfestival Prosanova Auszüge aus einer losen Textsammlung vorlas, trat sie einen kleinen Hype im Literaturbetrieb los. Aus diesen Texten entstand in den letzten Jahren eine zusammenhängende Geschichte, die nun als ihr Debütroman „1000 Serpentinen Angst“ erscheint. In diesem erzählt die 35-Jährige, teils basierend auf ihrer eigenen Biografie, von einer jungen Schwarzen Frau, die Ende der 1980er-Jahre in Ostdeutschland aufwächst, schließlich nach Berlin zieht und getrieben ist von der Gesellschaft, ihrer Familie, ihrem toten Zwillingsbruder, der überforderten Mutter und dem abwesenden Vater. Und davon, wie die eigene Vergangenheit die Gegenwart bestimmen kann.

Missy 02/20
©Juliane Werner

Olivia, in deinem Roman „1000 Serpentinen Angst“ verarbeitest du teilweise Erfahrungen aus deinem eigenen Leben. Fiel es dir beim Schreiben schwer, dich immer wieder mit dir selbst auseinanderzusetzen?
Ich glaube, eigentlich sind in vielen Fällen die Menschen, die wir uns schreibend ausdenken, Varianten von uns selbst, die wir als Privatpersonen niemals sein könnten. Diese Sicht ist an Schreibschulen und im Feuilleton verpönt, aber am Ende hat doch

irgendwie alles, was man künstlerisch macht, mit einem selbst zu tun. In der Musik würde niemand auf die Idee kommen, das abzustreiten. Als ich mit meiner Textsammlung anfing, ging es mir nicht besonders gut. Viele Dinge, die mir passiert sind, wie der Tod meines Bruders, haben mich fertiggemacht. Das Überarbeiten einiger Texte war am Anfang quälend, immer wieder in diesen Schmerz reinzugehen, nach einiger Zeit wurde es leichter. Klingt cheesy, ist aber so: Der Prozess war auch heilsam. Wahrscheinlich wird das Thema Tod immer ein wichtiges Thema in meinen Arbeiten bleiben, genauso wie Rassismus.

Rassismus ist ein integraler Bestandteil des Lebens deiner Ich-Erzählerin – mal in offensichtlichen Anfeindungen, dann wieder im alltäglichen Verhalten ihrer Großmutter, die eigentlich ein gutes Verhältnis zu ihrer Enkeltochter hat.
Früher wollte ich Geschichten erzählen, die entfernter von mir sind, die nichts mit solchen Themen zu tun haben. Ich …

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