Der Anti-Rant

Paula Irmschlers „Superbusen“ ist ein Roman übers Warten und Flüchten. Eine Rückreise.

Von Jennifer Beck
Fotos: Jessica Barthel

Es pisst. Das passt natürlich, weil wir im Osten sind und hier immer alles grau und kacke ist. Wenn es im „Länderspiegel“ um den Osten geht, stehen die Menschen immer im Regen. Und immer klebt irgendwo eine Platte samt Sat-Schüsseln im Bild und ein Mikro mit diesem lächerlichen Sturmpuscheltoupet im Gesicht eines enormen Schnauzbarts, der irgendwas von „mir sin das“ nuschelt. Wenn es um den Osten geht, ist der letzte Ort, an dem „Alles super“ war, die Aral-Tankstelle Höhe Autobahnkirche Wilsdruff, ab Ausfahrt Sonnenlandpark Lichtenau wird’s zappenduster und beim „Immer schön dagegen bleiben“-Graffiti am Eingangsschild zur „Stadt der Moderne“ können sich die Antifas in den 5.-März-Protest-Bussen aus Leipzig, Berlin und Dresden aussuchen, was gemeint ist: Freiwild, Spargel oder Chemnitzer FC.

Missy 02/20
©Jessica Barthel

Man muss also nur genug Vorabendprogramm schauen, um das Buch nach den „Jubiläumsjahr“-Büchern damit zu füllen, Blurb: „Der einzig wahre Ossi-Roman seit ‚Zonenkinder‘“, und die Kasse würde klingeln. Oder man wohnt in einer WG in Chemnitz-

Bernsdorf. Da gibt es keinen Fernseher, nur Erfahrungswerte. Und die sagen, dass man Jana Hensels Hilfe nicht braucht für die achtzig Euro Zimmermiete, sein Vorabendprogramm dafür aber gefälligst selbst zu gestalten hat. Die einzig richtige Frage ist folglich: Warum keine Band gründen? Und Paula Irmschler ist so mutig, sie zu beantworten. „Mal ehrlich, Leute, wenn es im echten Leben nicht klappt, dann denke ich mir das eben aus. Das ist doch ein schlechter Witz“, sagt sie wie immer zu allen, aber vor allem zu sich selbst. Und was sie meint, ist weder der Aufschwung noch eine DB-Direktverbindung, sondern der Umstand, dass seit Kraftklub ganz Chemnitz unter dreißig Musik machen will, aber damals niemand Bock hatte, bei ihrer Band Superbusen einzusteigen.

Damals, das war lange vor dem Glasflaschenverbot auf dem traurigen Rest Innenstadtgrünfläche, mit dem wir heute tun, was alle tun, sobald sie den Wochenendeinkauf in der Galerie Roter Turm hinter sich gebracht haben: so schnell wie möglich vorbeilaufen. Damals, das war, als Cornern an der Stadthalle noch der okayste Zeitvertreib war, „weil nicht ständig wegen der ‚bösen Ausländer‘ kontrolliert wurde“. Das war, nachdem die Dreier-Realschülerin beschlossen hatte, sich „am Riemen zu reißen“, um in Chemnitz Politikwissenschaft studieren zu können, weil „es nichts Wichtigeres als Politik gibt und es Quatsch ist, Dinge zu tun, die weniger wichtig sind“. Bevor sie Hals über Kopf nach Köln gezogen war, „Beziehungsende, aber auch wegen der Medien, so, wie Schauspielerinnen nach L. A. gehen eben“. Das war, als Paula Irmschler noch nicht wissen konnte, dass sie den Kolumnenplatz des Satirikers Leo Fischer bei „Neues Deutschland“ übernehmen würde, aber das mit den Texten über Pegida, Moralgesabbel und Scheidenangst vielleicht schon. Als Menschen anfingen, sie mit Margarete Stokowski zu verwechseln, weil: Feministin. Damals, bevor Paula Irmschler für die „Titanic“-Redaktion geheadhunted und von der Lektorin ihres Debütromans auf „Facebook-Entzug“ gesetzt wurde, „damit nicht alles schon vorher rausgeht“. Vor Mails mit „ins Hirn geschissen, kein Gehirn, den Arsch offen, schlecht gefickt, ungefickt“ in ihrem Postfach wahrscheinlich, aber ganz sicher, bevor sie ihren Twitter-Account wegen rechter Scheißestürme zeitweilig deaktivieren musste und wir damit alle weniger zu lachen hatten. Damals, das war: vor dem 26. August 2018.

„Ich habe mit dem Schreiben vor den Ausschreitungen begonnen und hatte nie die Absicht, das Buch über den Osten zu liefern“, sagt Irmschler über ihr Debüt „Superbusen“, das von Roadmovie bis Bucket List der ekligen Gefühle wirklich alles ist, aber nicht der neue Florian Illies für Wendeverlierer*innen. Denn klar erkennt man darin Dinge wieder. Man wird aber nicht direkt depressiv davon. „Ich habe während der Arbeit daran natürlich auch gemerkt, dass es Sachen gibt, die gerade dringlicher sind als ein lustiger Poproman. Trotzdem will ich nicht in Talkshows eingeladen werden, um ‚Chemnitz‘ zu erklären, weil die Menschen das viel besser können, die von hier kommen und geblieben sind. Auch wenn es natürlich um ein Gefühl geht, das ich spüre, wenn ich hier aussteige und die Kopfhörer abnehme: zu Hause.“

Irmschler ist 1989 in Dresden-Stetzsch geboren. Aber das ist eigentlich nur wichtig, um zu wissen, wo sie die Kopfhörer im Idealfall nie abnehmen würde. „Während Leipzig die coole Stadt ist, in die man auf Konzerte fährt, besuchen wir Dresden einzig und allein wegen De- monstrationen“, heißt es in ihrem Roman. Das ist für Irmschler aber genauso wenig Fiktion wie der Rest, den sie mit ihrer Jugend dort verbindet: Minderwertigkeitskomplex, zu große Ohrringe sind Hippiescheiß und dass möglichst klein und unauffällig sein zu müssen eben auch für alles andere gilt. „In der Zwölften entdeckten ein paar Mädchen, dass sie es mit einer Dicken zu tun haben, und auf dem Übergewicht anderer rumzuhacken ist wohl eine Art von einfacher Katharsis, wenn man sich nicht mit seinen eigenen Unsicherheiten auseinandersetzen möchte“, schreibt Irmschler in „Superbusen“, und natürlich schreibt sie aus Erfahrung. „Weil ich jetzt gezwungen bin, in die Öffentlichkeit zu gehen, habe ich viel darüber nachgedacht, wo dieses Schamgefühl herkommt“, erklärt sie, und dass sie zwei Gründe dafür gefunden habe. Erstens: Körper. Oder wie Irmschler es nennt: „Dicksein halt, ne. Man soll immer weniger Raum einnehmen und plötzlich wollen die Leute, dass man da ist. Das muss man im Kopf erst mal umdrehen lernen. Für mich ist das befremdlich, weil ich das nicht mit mir assoziiere und mich frage, ob dieses Für-voll-genommen-Werden immer an Erfolg gekoppelt sein muss.“ Dass sie ihrer Protagonistin neben Schwangerschafts- hypochondrie, chronischem Liebeskummer und „Demo-Burnout“ auch Bulimie ins Profil schreibt, ist nicht autobiografisch, aber deswegen nicht weniger real. „Für mich ist Literatur ein Kanal, um diese Dinge abseits von Bridget-Jones-mäßigen Geschichten über ein Snickers zu viel am Tag zu thematisieren“, sagt Irmschler. „Und die Frage, ob die Leute glauben, dass ich selbst betroffen sei, stelle ich mir gar nicht, weil ich Unsicherheiten prinzipiell sehr offen kommuniziere und sie damit auf eine politische Ebene hebe: Fragt mich doch nicht, es steht doch da. Macht damit, was ihr wollt!“

Zweitens: Klasse. „Wir galten immer als Asis“, erinnert sich Irmschler. Und dann erinnert sie sich auch warum: „Dass meine Mutter sechs Kinder zu Hause hat, reichte schon als Grund. Sie ist Akademikerin, aber das ist ja das Absurde an diesem Klassending: All das gilt eben nichts, wenn man alleinerziehend ist.“ Eine der großartigsten Stellen in „Superbusen“ besteht wie alle großartigen Stellen in diesem Buch nur aus wenigen Zeilen, die viel über Zuschreibungs- und Bewertungsdynamiken sagen. Was für die unaufgeregte Abhandlung eines Schwangerschaftsabbruchs („immer ist das so ein Riesendrama und niemand kommt auf die Idee, dass es auch einfach okay sein kann“) und ein Mini-Manifest auf die Langzeitbeziehung („verschworen“, „ineinandergeknubbelt“, „immer genug Decken da“) gilt, lässt sich Irmschler auch zum Thema Mütter nicht nehmen: den Anti-Rant. „Ich begriff damals nicht, dass ein großes weibliches Vorbild schon längst da war und weniger glamouröse Schlachten schlagen musste“, legt Irmschler ihrer Heldin als Pointe des „großen Buffy-Britney-Streits“ in den Mund. Wenngleich ihr persönliches Fazit deutlich nüchterner ausfällt: „Ich will auch mal Sachen gut finden können“, sagt sie mit Blick auf Chemnitzer Skepsis und Kölsche Frohnatur, Rauchen, Facebook und die „BRAVO“-Ausgaben 1998 bis 2003, die sie – „großer Fehler“ – letztens gekauft hat. Aber eben auch mit Blick auf „eine krasse Mutter, die einfach nie die Wahl hatte“.

Missy 02/20
©Jessica Barthel

Wenn Irmschler nun Ecke Brückenstraße mit Marx-Nischel im Nacken von zu Hause spricht, dann spricht sie sicher nicht vom Schulhofspießroutenlauf zwischen „den schlauen Leuten und denen mit Geld“, Teenage Angst und Mut zu verspieltem Ohrschmuck. Sondern von Anerkennung und Arschtritten an den richtigen Stellen. Von Menschen, die ihr den 13. Februar erklärten, „jenseits der Mythen, die uns ausschließlich über die Dresdner Opferrolle eingebläut wurden“. Sie spricht von Freund*innen, die wissen, „dass es immer nur den einen BH gibt“, und von Sia-Hören in WG-Küchen, die sich an jedem Ort in jeder Stadt befinden könnten, auch wenn dieser Ort nicht in jeder Stadt fünf Euro warm den Quadratmeter kostet. „Und weißt du, was das Beste ist? Gemeinsam auf dem Boden liegen und einfach mal die Klappe halten.“

Aber jetzt hat Irmschler sich eben eingelassen auf die große Rückkehr-nach-Chemnitz-Reportage und das heißt Reden und Rumstehen im Regen, denn es pisst nun mal. Und natürlich war das nicht immer so oder es war zumindest egal. Vor drei Stunden z. B. im Atomino Club, in dem selbst Chemnitz und Paula Irmschlers „Liegt immer scheiße“- Pony noch in Ordnung schienen. Denn Höhe Zentralhaltestelle die Treppe runter gab es weder Wetter noch Stiefelnazis und auch sonst wenig, was Stress machen konnte. Nur „Spaten“, das Bier des Monats, stummellöchrige Ledersofas und Awareness-Schilder neben der Garderobenluke, hinter der Irmschler während ihrer Unizeit ein Jahr lang ausgeteilt und eingesteckt hatte: Marken oder Sprüche. „Ich war nachts schon immer viel allein zu Fuß unterwegs und mir ist jede Woche was passiert“, erzählt sie. „Aber am Ende ist es immer dasselbe: Man wird angebaggert, man wird bewertet. Männer schreien einem ‚fettes Schwein‘ hinterher und irgendwann redet man mit Freundinnen darüber und stellt fest, dass es allen so geht.“ Und alle anderen haben Glück oder ein Auto. Denn es existiere nur eine Situation, in der es von Vorteil sei, eine blonde Frau zu sein, und die heißt: Demo. „Da gibt es für die Bullen einfach bessere Zielscheiben“, weiß Irmschler. „Gerannt bin ich in meinem Leben trotzdem viel.“

Dafür sitzen wir jetzt. Umringt von drygeageten Schweinebäuchen zwar, die an Haken von der Decke baumeln, aber froh, überhaupt einen Ort gefunden zu haben, wo es Kaffee gibt und nicht reinregnet – samstagnachmittags, auf dem „Brühl der Möglichkeiten“. „Wow, heftig“, meint Irmschler mit Blick auf das strahlende Gesicht von Karl-Marx-Stadt, das heute nur noch den Flunsch gescheiterter Revitalisierungspläne zieht. „Es könnte halt richtig geil sein ohne die Beschwerden wegen Lärmbelästigung. Mittlerweile gibt es immerhin eine neue Kneipe, die gut läuft, aber ich habe auch das Gefühl, dass hier ein Schritt übersprungen wird.“ Mit Sicherheit ist das „sächsische Manchester“ noch nicht bereit für Pulled-Pork-Läden und Americano aus Betonbechern, aber wer ist das schon.

„Scheiße, er ist da“, ruft sie plötzlich. Keine Timur-Vermes-Referenz, aber ähnliche Richtung. „Und so riesig, der Thor-Steinar- Laden. Da hätten wir reingehen müssen. Ich wollte euch doch meine liebsten Orte in Chemnitz zeigen.“ Irgendwann hatte sich Irmschler für Humor entschieden, weil sie traurig war oder wütend, jedenfalls: unzufrieden mit der Lage. Immer schon, seit sie „Nazis sind doof“ sagen konnte, sich aber ständig „zu dumm“ fühlte für das „besserwisserische Theorie- Links“ und deswegen lieber „machte“. In Momenten wie diesem muss sie deswegen ganz besonders lachen: Im Geschäft, von dem sie dachte, es sei geschlossen worden, brennt nach wie vor Licht. Und im Gegensatz zu allen anderen Shops jenseits der Prestigeschlendermeile mit Prestigeparkhaus, die am Ende der Straße der Nationen als Anfang der freien Marktwirtschaft aus dem Boden gestampft wurde, sogar am Wochenende. Eine Straßenbahn fährt dort nicht vorbei, weil alle Tatras glücklicherweise auf die Mensa der TU oder die Gourmetabteilung von Galeria Kaufhof zu bimmeln. Aber er ist eben da, der braune Mob. Und er wird nicht kleiner, er wird nur grauer. Wie alles im Osten, das haben wir ja gelernt, vielleicht fällt er auch deswegen kaum jemandem auf. „Natürlich werfe ich mir vor, dass ich gegangen bin und ‚nur‘ über diese Sachen schreibe“, sagt Irmschler. „Und sicher bin ich, so oft es geht, hier, um zu unterstützen, aber ich kann danach eben mein lockeres Leben in Köln genießen und muss nicht abends den Nazis auf der Straße begegnen. Als ich für die ‚Wir sind mehr‘- Proteste im Herbst 2018 zurückgekommen bin, habe ich gemerkt, dass meine Lebensrealität mittlerweile ganz anders aussieht, und ich musste erst mal reflektieren, dass das jetzt kein ‚Event‘ ist.“

„Superbusen“ ist ein wichtiges Debüt, weil es genau davon handelt, wo es ums Warten und ums Flüchten geht: auf eine Zukunft und vor der Vergangenheit, auf die nächste Flasche Rotkäppchen-Sekt im Angebot und vor dem Ergebnis des letzten Schwangerschaftstests, aufs Ankommen in Dresden, Chemnitz oder Köln und vor dem Ankommen irgendwo. „Wir liegen uns in den Armen wie süße Pferdemädchen“, heißt es auf halber Strecke zwischen Edding-Krieg auf der „Frauen*“-Toilette und Natalie Imbruglia bei Radio R.SA. Coming-of-Age halt, plus „Migrationsfrage“ und § 219a. „Superbusen“ ist ein gutes Debüt. Weil es den richtigen Titel trägt, aber vor allem, weil es mit Dingen aufräumt, die nicht stimmen. Wie seinem eigenen Verlagstext z. B., in dem von Chemnitz als „Sehnsuchtsort“ die Rede ist. „Ich lebte ja nicht in einem Krisengebiet“, heißt es im Buch. Das macht diese Stadt aber nicht zwangsläufig zum Gegenteil. Nur macht es vielleicht Lust, auch mal hinzufahren, bevor Felix Kummer dazu aufruft. Um auf einem WG-Boden zu liegen oder dem Sofa im Atomino und zwischendurch an der Stadthalle vorbeizulaufen, um zu merken, dass die Sonne sich auch hergetraut hat. Um, wie Paula Irmschler es sagt, und das könnte ein Anfang sein, Dinge umdrehen zu lernen. Und sich von der einen Sache zu überzeugen, die wirklich stimmt: Die Schnauzbärte im Osten sind echt enorm.

Paula Irmschler „Superbusen“ Ullstein, 320 S., 20 Euro

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/20.

 

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