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Unrasiert und unzensiert

Die neuesten Alben – von Missy rezensiert.

18.03.20 > Musik

Missy 02/20

Balbina
Punkt.
Polkadots / BMG / Warner

Eine Künstlerin, die polarisiert – so wird Balbina gerne mal beschrieben, weil es Leute gibt, die sie nicht mögen. Es ist aber auch nicht ganz einfach, sie zu mögen. So extravagant, so ambitioniert sind ihre Songs, dass sie die Hörer*innen oft irritiert zurücklassen – und Plattenlabels erst recht. Weil die 36-Jährige keine Lust mehr hatte, ihrer Plattenfirma immer wieder zu erklären, warum sie tat, was sie tat und wie sie es tat, verließ sie Sony und bringt ihr viertes Album auf ihrem eigenen Label Polkadots heraus. Polkadots, weil sie gerne Punkte mag und das Wort Polka sie an ihre polnische Herkunft erinnere. „Punkt.“ ist der Titel dieses Befreiungsschlags, bei dem sie sich alle Freiheiten nimmt, die sie will. Z. B. auch mal auf Englisch zu singen – einfach nur, weil es das Wort „blue“ auf Deutsch so nicht

gibt. Jeder Songtitel hat einen Punkt. Auch „Sonne.“, ihre Version des Rammstein-Songs, der nicht brachial, sondern erhaben klingt. Das ganze Album klingt nach Größenwahn, aber auch nach Klarheit – selbst „Langeweile.“. Hier Wut, da Jubel, dort Schwermut, und am Ende kurz Herbert Grönemeyer. Das in einem Genre zu verorten, scheint unangemessen. Balbina kommt aus dem HipHop, experimentierte dann mit Orchestralmusik. „Punkt.“ ist nicht dazwischen, sondern irgendwo um die Ecke. Ein Kunstwerk zum Anhören. Da kann man ruhig auch irritiert sein. Juliane Streich

 

Missy 02/20

Katie Gately
Loom
Fabric / Houndstooth / Rough Trade

Ist es legitim, den Tod der eigenen Mutter in Musik zu transformieren? Für Katie Gately war es die einzig mögliche Form, mit diesem Verlust zurechtzukommen. Bei ihrer Mutter wurde eine seltene Krebserkrankung diagnostiziert, kurz nachdem sie ihre Tochter zum ersten Mal live performen gesehen hatte und als diese mitten in der Arbeit zu ihrem zweiten Album steckte. Angesichts des Todeskampfs ihrer Mutter konnte die US-Musikerin und Produzentin den eingeschlagenen Weg nicht weitergehen – und konzipierte „Loom“ völlig neu: als Requiem. Bestand Gatelys Debütalbum „Color“ (2016) aus gebrochenen Beats und Samples mit definitivem Popappeal, ist „Loom“ ein erhabenes Werk aus Klageliedern, elegischen Walzern, überwältigenden Soundscapes und Field Recordings. Gately wählte Erdbebengeräusche, Pfauenschreie, Wolfsgeheul, das Klappen eines Sargdeckels, Papierschreddern und Tonaufzeichnungen von der Hochzeit ihrer Eltern, um die teils introvertierten, teils hochdramatischen acht Tracks atmosphärisch und emotional auszustatten. Der Gesang ist engelhaft klar und berührend, die stilistische Bandbreite erinnert an die Musikerinnen, die Katie Gately bereits remixte: Björk und Zola Jesus. Der künstlerische Wagemut der einen und die Jenseitsfixierung der anderen verbinden sich bei Gately zur Trauerarbeit der besonderen Art, die keineswegs nur dunkel und traurig ist: Besonders in den drei Interludes „Ritual“, „Rite“ und „Rest“ schimmern Freude und Licht durch, in liebevoller Erinnerung an die schmerzlich vermisste Mutter. Christina Mohr

 

Missy Magazine 02/20

Låpsley
Through Water
XL / Beggars / Indigo ♣ VÖ: 20.03.

Knapp über eine halbe Stunde Perfektion: Låpsleys zweites Album ist wunderschön.
Sorry für das Pathos, aber die britische Sängerin hat es geschafft, Traurigkeit und Melancholie absolut stimmig in Melodien zu gießen. Dabei schafft die 24-Jährige den Drahtseilakt, mit der Überdosis Gefühlen nie kitschig zu werden oder zu nerven. „My Love Was Like The Rain“ ist der beste Song der Platte und völlig zu Recht die erste Single-Auskopplung – leichte Melodie, schwermütige Stimme und ganz viel Herzschmerz. Das Motiv der Platte ist Wasser, dementsprechend auch der Albumtitel „Through Water“. Irgendwas mit Liebe hat Låpsley in den vergangenen vier Jahren durchgemacht, das spürt man beim Anhören, anscheinend ist eine Beziehung zu Ende gegangen. Gänsehaut macht der Geigentrack „Ligne 3“ und man spürt ihren Schmerz, wenn Låpsley gegen Ende haucht: „And I try to make it work“. Uff! Der Beat von „First“ schrammt knapp an einem Dancehall-Rhythmus vorbei, bleibt dabei aber sehr dreamy wie ihre Musik im Allgemeinen. „Our Love Is A Garden“ ist der langweiligste Song, aber das macht nichts. „Womxn“ ist der zweitbeste Song des Albums. Låpsley singt über das Erwachsenwerden – muss man ja irgendwann auch mal machen –, schön ist aber, dass sie es mit „just a little bit of power“ assoziiert und ihr angesichts des X in „woman“ offenbar die Geschlechterbinarität zuwider ist. „Through Water“ ist nicht geeignet, um sich im Club die Seele rauszutanzen. Aber wunderbar dafür, sich zu Hause die Augen auszuheulen und daraus Kraft zu schöpfen. Caren Miesenberger

 

Missy 02/20

Blond
Martini Sprite
Beton Klunker Tonträger / Rough Trade

Es fängt ein bisschen albern an, wenn die drei Chemnitzer*innen singen, dass wir viel Spaß haben sollen mit dem Album. Aber dann haben wir den! Denn sie foppen uns so schön. Wenn sie von esoterischen Relax-Szenarien wie Meeresrauschen und Geborgenheit im Hier und Jetzt singen, knallt der Refrain überraschend raus: „Ich will und kann mich nicht entspannen.“ Wenn es in „Nah bei dir“ heißt „I love you, alles, was ich will, bist du“, wird am Ende eine Konkurrentin im Garten begraben. Wenn sie von einem Baggersee-Date mit dem jugendlichen Studi-VZ-Schwarm singen, dann kickt da gerade die Menstruation voll rein. Bloody storm in my uterus. Blond, die Band von Lotta Kummer, Nina Kummer und Johann Bonitz, spricht in fast jedem Song feministische Themen an. Da geht es um die Angst, die Frauen ständig auf dem Nachhauseweg begleitet und sie eine Faust mit dem Haustürschlüssel ballen lässt, da geht es um „Für eine Frau ganz gut“-Sprüche gegenüber Musikerinnen, wenn sie ihre Technik selbst verkabeln können. Und um das Gefühl, dass man sich einfach nicht verliebt, weil der Typ zwar lustig ist, aber dann Dick-Pics schickt. Auch das Rock-’n’-Roll-Leben wird thematisiert – und es ist nicht so glamourös, wie es die Musik von Blond vermuten lässt. Die ist nämlich voller Glam. Popchansons mit Rockgitarre und fröhlichen Melodien. Ein Platte voller Ohrwürmer zum Tanzen und (kranken) Hits zum Mitsingen. Grandios! Juliane Streich

 

Missy 02/20

U.S. Girls
Heavy Light
4AD / Beggars / Indigo

Meg Remy alias U.S. Girls, die Königin der subtilen Widersprüchlichkeit, veröffentlicht mit „Heavy Light“ ihr inzwischen siebtes Album – diverse Split-CDs, EPs und Projekte unter anderem Namen nicht mitgezählt. Der von Franz Kafka inspirierte Titel spannt einen poetischen Raum zwischen Dunkelheit und Zuversicht auf und beschreibt den Kern von Remys Avant-Popsongs. Sind die Texte und Geschichten oft geprägt von Traurigkeit, egal, ob in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen wie in „Denise, Don’t Wait“ oder auf Kapitalismus wie im Opener „4 American Dollars“, fangen die einnehmenden Melodien, der warme Sound etwa von Vibrafon, Marimbas, Klavier und Kontrabass sowie die Background-Chöre das sanft wieder ein. „Heavy Light“ zeigt auch die ständige Weiterentwicklung der in Kanada lebenden Allround-Künstlerin. Konkret hörbar in drei älteren Songs, die dafür neu interpretiert wurden. Sind Remys erste Alben als zurückgezogene Schlafzimmerprojekte entstanden, war sie für die Aufnahme der neuen Platte mit zwanzig Musiker*innen im Studio – und das, obwohl sie der britischen Zeitung „The Guardian“ 2015 noch von ihren Selbstzweifeln erzählt hatte: „Im Studio fühle ich mich nicht wohl, irgendetwas in meinem Kopf sagt mir dann immer, dass ich nicht hier sein sollte und keine Musikerin bin.“ Diese Zeit ist vorbei. U.S. Girls hat die Kraft des Kollektivs hinter sich versammelt, die schon auf der Tour zum Vorgängeralbum „A Poem Unlimited“ live zu erleben war – und ist auf dem nächsten Level angekommen. Liz Weidinger

 

Missy 02/20

CocoRosie
Put The Shine On
Marathon Artists / Rough Trade

Überraschung! Mit ihrem siebten Album gelingt es Bianca und Sierra Casady nach langer Zeit endlich wieder, an den Zauber ihres einstigen Weirdo-Folks anzuschließen. Klar, in der Theater- und Performanceszene haben die Geschwister sich in den vergangenen Jahren zunehmend einen Namen machen können. Ihren Alben aber hat das eher wenig genützt. Nun aber back to magic mit „Put The Shine On“: Schwermütige Streicher vor quietschenden Spielzeugsounds, blass pulsierende Drumbeats, die sich zu Schmetterlingsflattern oder brizzelnden Gewitterfronten steigern, beherzte Klavierakkorde, die das Wechselspiel aus Operngesang und Spoken Word durchbrechen. Auf ihrem siebten Album ziehen CocoRosie die richtigen Trümpfe aus den von Symbolik getränkten Ärmeln. Zwölf Songs, die an Elektro, Folk, Pop und Schauerroman andocken, mal lässig Broadway mit Bronx verbinden, mal zu Rockgitarren grätschen, Tango, Jazz Blues und Reggae zitieren oder einfach die Popcornmaschine sprechen lassen – aber immer furchtlos durchs Sounddickicht streifen. Neben aller Wandelfähigkeit ihres Songrepertoires überzeugen CocoRosie mit ihrer Fähigkeit, Märchen und Schauermythen mit politischem Zeitgeist aufzuladen. Ein Album, das uns mit seinen Geschichten verwandelt: in Feminist*innen, Humanist*innen, Aktivist*innen, kurzum: in Magier*innen für eine bessere Welt. Verena Reygers

 

Missy 02/20

Selena Gomez
Rare
Interscope / Universal

Ein Polaroidfoto braucht einen Moment, bis es entwickelt ist. Es mag kein Zufall sein, dass ein solches Foto das neue Album „Rare“ von Selena Gomez ziert. Ganze fünf Jahre hat sich die Sängerin Zeit gelassen für ihr drittes Studioalbum. Sie selbst bezeichnet es als ihr Tagebuch der letzten Jahre und unterstreicht damit den persönlichen Charakter der Texte. Hier liegt ein Spannungsfeld in der Popmusik, ist diese doch schnelllebig und für die Masse produziert. So fällt es auf, wenn nicht alles ganz so austauschbar ist. Die persönliche Note ist kein neuer Ansatz. Nur bei einer Künstlerin, die so öffentlich präsent ist wie der Ex-Kinderstar, erscheinen Textzeilen wie „You got off on the hurtin’ / When it wasn’t yours, yeah“ („Lose You To Love Me“) als Einblick in ihre langjährige Beziehung mit Justin Bieber. Übrigens ein Song, an dem Finneas O’Connell mit produziert hat – der Bruder von Billie Eilish. Gomez nimmt sich in den 13 Songs jedoch die Freiheit, Assoziationen mit ihr aufzulösen. Das zentrale Thema Liebe wird facettenreich beleuchtet: Sie singt auch von Unverbindlichkeit und Selbstermächtigung. Dazu lässt sie den EDM-lastigen Sound hinter sich. Während „Rare“ mit seinem Bum-Tschack-Beat an 60s-Rock’n’Roll erinnert, ist „Ring“ eine Ode an Gitarrenklänge von Santana und die präzisen Worte von „People You Know“ werden mit Computerstimme und sprechendem Sound vielschichtig. Yuki Schubert

 

Missy 02/20

Cindy Lee
What’s Tonight The Eternity
W.25th / Superior Viaduct

„Tonight“ als Poptopos war immer schon ein schicksalsbestimmender Ort. „Tonight“ ist alles möglich, jedes Selbst kann erprobt, jedes queere gedacht werden. Es ist der Vortex in eine fast mystische Raumzeit. Cindy Lees fünftes Album „What’s Tonight To Eternity“ exorziert aus diesem Vortex zunächst die Dämonen der Vergangenheit: Sanft jaulend irrlichtern sie über Dark-Jazz-Elemente durch verlassene Noir-Romantik und einen trägen Nebel aus Echo. Girlgroup-Sentimentalitäten der Sechziger werden auf dem Stück „I Want You To Suffer“ mit minutenlanger Noisefräse geschreddert, um schließlich in einem verträumten Orgeloratorium zu münden. Und spätestens ab diesem Punkt wird das schmerzlich Alte abgeworfen und ein neues, wahres und selbstbestimmtes Ich erprobt: „I would rather spend eternity in nothing“, hört man auf „Lucifer Stand“, „Than to spend eternity with you.“
Die Kanadierin Cindy Lee alias Patrick Flegel verarbeitet in ihrer Kunst auf bestechende Weise das Überwinden langer psychischer Krankheit und das Leben mit Geschlechtsidentitätsstörung. Und es ist die Dringlichkeit von Flegels Suchwanderung nach der besungenen „salvation“, also Erlösung, die ihre neun Stücke so eng zusammenschnürt wie das Paar, das sich auf dem Albumcover umschlungen hält. Vielleicht hält diese befreiende Umarmung nur eine Nacht, am besten eine Ewigkeit.
Sonja Ella Matuszczyk

 

Missy Magazine 02/20

Big Fox
See How The Light Falls
Backseat / Soulfood / Believe Digital ♣ VÖ: 20.03.

Musik zum Seeleschwimmen-Lassen: Die schwedische Künstlerin Big Fox baut in ihrem neuen Album melodiöse Traumwelten. Blechbläser, Streicher und Synthesizer waschen unaufdringlich einnehmend durch den Körper, während verbindende Texte voller Sehnsucht das Herz wärmen. Ein Kosmos voller Gefühl und Kontemplation. Eigentlich war die Veröffentlichung des Albums für 2018 geplant, wurde aufgrund einer Krebsdiagnose der Künstlerin jedoch auf unbestimmte Zeit zurückgehalten. Mittlerweile ist die Krankheit besiegt und so singt sich Charlotta Perers sechs Jahre nach ihren letzten Alben („Big Fox“ und „Now“) wieder in unsere Sad-Sunday-Playlisten. Dieses Mal entschieden besinnlicher. „See How The Light Falls“ ist eine Insel im Alltagsstress. Die klingenden Welten erinnern an Meer im Winter: hoffnungsvoll und tief. Wer sich gerne von Feist, Sharon Van Etten und Beach House treiben lässt, findet sich auch in Charlottas Kompositionen wieder. Melancholischer Pop mit Folk-Elementen zum Auslaufen und Zusammenströmen.
Sarah Kailuweit

Wir schreiben ohne Rücksicht auf Verluste und das machen wir mit Absicht! Das bedeutet aber, dass wir kein fettes Anzeigengeschäft machen, denn leider gibt es nicht viele Firmen, die heute schon fortschrittlich genug sind, um auf ein queer-feministisches Heft zu setzen. Kein Wunder, dass kein anderer Verlag ein Heft wie Missy herausgibt. Jetzt unabhängige, feministische Berichterstattung unterstützen und ein Missy-Abo abschließen.

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