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Voll peinlich

Wann schämen wir uns und warum? Missy-Mitarbeiter*innen über Dinge, für die sie sich schämen.

23.03.20 > Kommentare

Fotos: Juliette Moarbes und Stefanie Kulisch

Löchrige Socken: „Hilfe, ich muss in einer fremden Wohnung die Schuhe ausziehen und habe ein riesiges Loch in meinen alten Socken! Wie oft schon habe ich deswegen verkrampft den Zeh verbogen oder heimlich mit rotem Kopf den Strumpf zurechtgezuppelt.“

Beckenbodenkugeln: „Seit der Geburt meiner Kinder brauche ich Beckenbodentrainingskugeln, um Inkontinenz beim Niesen zu vermeiden. Das ist mir ein bisschen peinlich.“

Medikamente: „Meine Medikamente liegen normalerweise offen im Badezimmer herum, damit ich nicht vergesse, sie zu nehmen. Wenn Besuch kommt, räume ich sie weg. Ich weiß gar nicht, warum ich mich dafür schäme. Ich denke, weil es so intim ist und mir meine eigene Verletzlichkeit und die meines Körpers so bewusst wird.“

Schamesröte: „Beim Alkoholtrinken, wenn man zu viel und zu laut lacht, in Vortragssituationen, bei zufälligen U-Bahn-Augenkontakten, beim Fremdschämen, beim Rennen oder nach zu langem Nachdenken – ich werde rot. Einfach so. Machmal auch nicht. Ich kann es nicht kontrollieren. Dabei schäme ich mich ganz oft gar nicht. Nur dann, wenn mich mein Gegenüber darauf hinweist, wie rot mein Gesicht schon wieder geworden sei.“

Missy Magazine 02/20, Dossier Scham, Foto: Stefanie Kulisch & Juliette Moarbes
©Stefanie Kulisch & Juliette Moarbes

Fettige Fingerabdrücke auf dem Bildschirm: „Ich schäme mich ab und zu, wenn wir während der Redaktionssitzung alle Laptops auf den Tisch nebeneinander stellen und nur meiner mit Staub und Fettfingerabdrücken am Bildschirm übersät zu sein scheint.“

Zahnprothese: „Meine Zähne sind eigentlich nicht schlecht, aber wegen einer Autoimmunerkrankung fingen die Zahnprobleme früh an. Schamfaktor: dass andere denken könnten, die vernachlässigt sich total!“

Plastikflaschen: „Ich schäme mich immer, wenn ich zum Sport gehe und keine coole Trinkflasche dabei habe, sondern eine Plastikflasche.“

Körperbehaarung: „Es war der Schulsportunterricht, der mich bezüglich behaarter Beine traumatisierte. Tatsächlich hatte ich einen wiederkehrenden Albtraum, in dem alle auf meine unrasierten Beine starren. Diese Scham hat dazu geführt, dass ich jahrelang vermieden habe, kurze Hosen zu tragen. Seit ein paar Jahren versuche ich zu ignorieren, was irgendwer über meine Beine denken könnte.“

Fast Food: „Wenn sich gefühlt alle einen Smoothie holen und ich Pommes, ist mir das manchmal peinlich.“

„Komplizierter Name auf Klingelschild“:  „Wenn Leute mir zu verstehen geben, dass mein Name für sie zu kompliziert oder zu lang sei, schäme ich mich oft, weil ich das Gefühl habe, ihnen zur Last zu fallen. Dabei sollten sie sich dafür schämen, so ein Theater zu machen. Mein Name ist mein Name, ich kann ihn nicht zu deren Bequemlichkeit abkürzen.“

Missy Magazine 02/20, Dossier Scham, Foto: Stefanie Kulisch & Juliette Moarbes
©Stefanie Kulisch & Juliette Moarbes

Dicke Brillengläser: „Ich bin stark kurzsichtig und trage meistens Kontaktlinsen. Ich habe aber auch eine Brille. Früher habe ich mich immer geschämt, wenn mich jemand das erste Mal mit Brille gesehen hat, es war wie nackt sein für mich, vor Leuten, vor denen man nicht nackt sein will. Irgendwie gibt es auch noch keine Body-Positivity-Bewegung für Personen mit starken Brillengläsern. Ich denke mal über den passenden Insta-Hashtag dafür nach. Ich ärgere mich oft, dass ich viele modische Modelle nicht tragen kann, weil ich spezielle Gläser brauche. Heute schäme ich mich nicht mehr für meine Brille. Es hat mir einfach irgendwann gereicht.“

Plastikverpackungen: „Ich schäme mich manchmal, eingepacktes Obst und Gemüse von Discountern zu kaufen. Man sieht, dass es nicht bio ist. Da hat man gleich ein schlechtes Gewissen deswegen, und weil man mit jedem Kauf so unglaublich viel Plastikmüll produziert.“

Zerschlissener Slip:  „Denk immer daran, dass du einen Unfall haben könntest und dann sieht die ganze Welt deine Unterhose!‘, wird Mädchen eingehämmert. Nützte bei mir nichts, aus meinen ausgeleierten Baumwollunterhosen hängen Fäden und suggerieren mir: Nicht gepflegt, nicht sexy, nicht weiblich.“

Krümelige Handtasche: „Was würde Marie Kondo sagen?“

Pupsen: „Ich habe keine Angst vorm Schnarchen, aber der Gedanke, im Schlaf zu pupsen, killt Urlaube mit Freund*innen. Kontrollverlust! Dabei wäre es doch ein Zeichen dafür, dass ich entspannt bin. Für mehr gemeinsames Knattern!“

Klimascham: „Die Begeisterung darüber, günstig um die Welt fliegen zu können, hat sich in ein ungutes Gefühl gewandelt.“

Kuscheltiere: „Voll süß? Nur wenn es keine*r sieht …“

Dreckige Fingernägel: „Als eine reiche Verlegerin, bei der ich ein Praktikum machte, über ihre ständig dreckigen Fingernägel scherzte, wurde mir zum ersten Mal klar, dass das Fehlen von Scham auch viel mit ökonomischer Macht zu tun hat.“

Intimsalbe: „Über den eigenen Körper reden? Schön und gut. Aber bei chronischen Untenrumbeschwerden holt mich leider die Scham ein.“

Wir schreiben ohne Rücksicht auf Verluste und das machen wir mit Absicht! Das bedeutet aber, dass wir kein fettes Anzeigengeschäft machen, denn leider gibt es nicht viele Firmen, die heute schon fortschrittlich genug sind, um auf ein queer-feministisches Heft zu setzen. Kein Wunder, dass kein anderer Verlag ein Heft wie Missy herausgibt. Jetzt unabhängige, feministische Berichterstattung unterstützen und ein Missy-Abo abschließen.

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