Wenn Rassismus die Prosa verdrängt

Als PoC kam unsere Kolumnistin vor lauter antirassistischer Bildungsarbeit nicht mehr zum Schreiben.

07.04.20 > Arpana Berndt
Profilfoto Arpana Aischa Berndt

Arpana Aischa Berndt
ist Autorin und in der politischen Bildungsarbeit tätig. Sie studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus und beschäftigt sich in ihrer Abschlussarbeit mit Horror und Empowerment. In ihren Workshops behandelt sie Fragen zu Allyship, Allianzen und Rassismuskritik. Auf Instagram ist sie unter @a_aischa zu finden. Foto: cv studio berlin

Text: Arpana Aischa Berndt
Illustration: Tine Fetz

Jetzt schreibe ich wieder Prosa. In den letzten zwei Jahren habe ich nur eine Kurzgeschichte geschrieben, die ich immer wieder hervorholte, minimal veränderte und dann für Wochen in der digitalen Schublade verschwinden ließ. Eine Autorin, die nicht schreibt, ist trotzdem Autorin, habe ich mir gesagt.

Vor einiger Zeit nahm ich an einem Empowerment-Programm für Künstler*innen of Color teil. Da ich zu diesem Zeitpunkt kaum schrieb, wollte ich das Seminar dazu nutzen, mich zum Schreiben zu motivieren. Deshalb präsentierte ich im Kurs ein Schreibprojekt. Als ich mich vorstellte, erwähnte ich nicht, dass ich auch antirassistische Bildungsarbeit mache. Ich hatte den Eindruck, dass Antirassismusarbeit in den letzten zwei Jahren schon zu viel Platz gegenüber meinem Schreiben eingenommen hat. Deshalb wollte ich sie nicht noch mit in das Seminar tragen. Hier war ein Ort, an dem wir über die Ästhetik unserer künstlerischen Arbeit sprechen konnten. Es stellte sich heraus, dass tatsächlich sehr viele der anderen Teilnehmer*innen ebenfalls antirassistische Bildungsarbeit machen – und davon leben. Machen eigentlich auch so viele weiße Künstler*innen zusätzlich politische Bildungsarbeit?

© Tine Fez

Ich habe Kreatives Schreiben studiert. „Voll gut, denn durch deine Rassismuserfahrungen hast du immer spannende Geschichten zu erzählen“, hatte mir schon ein Kommilitone in einem der ersten Semester meines Studiums gesagt. Ja, voll gut, dachte ich mir, aber für wen ist es gut? Für mich als Künstlerin entstehen daraus vor allem Nachteile. Bei der Betrachtung meiner Arbeit in der weißdominierten Literaturszene geht es häufig um den Diversity-Kontext, aber nicht die Ästhetik meiner Prosa. Die nicht hinterfragte weiße Norm bedeutet, dass erwartet wird, dass Texte und die dort vorkommenden Figuren für ein weißes Publikum verständlich sind. Der Literaturbetrieb nimmt deshalb auch nur wenige Texte von nicht weißen Autor*innen wahr und reduziert sie immer wieder auf Diversity-Themen. Häufig wird die Abwesenheit von Künstler*innen of Color in Literaturwettbewerben damit gerechtfertigt, dass von ihnen keine Texte eingereicht worden wären. Im Gegensatz dazu tauchen bei Literaturwettbewerben Texte auf, in denen über nicht weiße Figuren erzählt wird. Wie häufig werden diese Figuren von weißen Autor*innen geschaffen, die unsere Erfahrungen als Künstler*innen of Color nicht haben? Wie häufig nutzen sie dabei Stereotype? Ich meine nicht, dass Künstler*innen unbedingt nur Figuren erschaffen sollten, die so wie sie selbst sind. Ich möchte aber, dass auch mir zugestanden wird, über Figuren zu schreiben, die nicht „ich“ sind. Wirklich „voll gut“.

Ich habe schon vor meinem Schreibstudium in der politischen Bildung zum Thema Rassismus gearbeitet. Vor zwei Jahren habe ich diese Arbeit wieder aufgenommen, weil ich es als dringlich empfunden habe, dass Künstler*innen of Color gleiche Chancen haben. Dafür habe ich aber meine künstlerische Arbeit vernachlässigt. „Dazu hat dich niemand gezwungen“, könnte man mir nun erwidern. Ja und nein. Machtstrukturen sind ja deshalb so wirkungsvoll, weil sie Menschen zu bestimmten Entscheidungen drängen. Mich haben die Umstände dazu gezwungen, mich mehr mit Antirassismus zu beschäftigen als mit Prosa. Denn wenn Betroffene Rassismus nicht ansprechen, tut es kaum jemand. In einem Studiengang, in dem neben mir noch fünf weitere Personen of Color studieren und sich unsere Kommiliton*innen dennoch fragen, ob wir im Auswahlprozess nicht vielleicht einen „Migrationsvorteil“ gehabt hätten, drängt sich diese Entscheidung auf. Das ist nur ein Beispiel für die Wirkung von Strukturen. Es wäre naiv zu glauben, dass sich innerhalb kurzer Zeit Strukturen in Universitäten und im Kulturbetrieb ändern und ich dann in Ruhe künstlerisch arbeiten könnte. Denn für Schwarze Menschen und Personen of Color bleibt es schwieriger, Zugänge zu finden. Wenn sie auf Podien oder für Workshops angefragt werden, sehen sie sich veranlasst, über diese Schwierigkeiten zu sprechen. Ganz schnell wird das zum einzigen Thema, für das sie angefragt werden.

Antirassistische Bildungsarbeit ist nicht die einzige Form der Rassismuskritik, auch fiktionale Texte können rassismuskritisch sein. Z. B. indem differenzierte Charaktere of Color erzählt werden statt Stereotype. Solche Texte müssen aber öfter geschrieben und veröffentlicht werden.
Deshalb wünsche ich mir die Solidarität von all denjenigen, die sich darüber beschweren, es angeblich schwer zu haben – weil sie selbst keine Gewalt- oder Rassismuserfahrungen machen, die sie künstlerisch verarbeiten können. Es darf nicht sein, dass es nur Künstler*innen of Color sind, die den Kulturbetrieb kritisch daraufhin untersuchen, wie sensibel er für Diversity ist. Ich bitte euch weiße Kulturschaffende: Macht Antirassismus auch zu euren Anliegen!
Ich schreibe jetzt wieder Prosa. Ab und zu muss eine Autorin nämlich auch schreiben.