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„Wir sind ein Soundsystem“

Das DJ-Duo Hoe_mies schafft diskrimierungssensible Räume. Nun starten sie den Podcast „Realitäter*innen“.

11.05.20 > , Musik

Von Ulla Heinrich

Ihr habt 2017 mit eurer Partyreihe begonnen und das Unvorstellbare geschafft: im Party-Berlin neue Akzente zu setzen. Habt ihr rückblickend erreicht, was ihr wolltet? Gizem: Wir hatten keine Erwartungen, als wir mit der Veranstaltungsreihe begonnen haben. Wir hatten Lust darauf, eine Veranstaltung nach unseren eigenen Vorstellungen zu machen – die so wird, dass unsere Leute sich wohlfühlen. Wir haben es einfach ausprobiert. Der Hype war nicht geplant.
Lucia: Wenn ich zurückschaue, denke ich, dass eine HipHop-Party mit Fokus auf Frauen,

Queers und trans Personen, Awareness-Konzept und Performances gefehlt hat.

Der Name Hoe_mies – worauf referiert der?
G: Slutshaming ist ein großes Thema im HipHop und auch darüber hinaus. Mit Hoe_mies erobern wir uns Begriffe wie „Hoe“ sexpositiv zurück. Lucia und ich kennen uns seit der siebten Klasse. Die Basis für das, was wir tun, ist unsere Freundinnenschaft, das steckt im Wort „Homie“ drin. Es geht auch darum zusammenzuhalten, statt miteinander zu konkurrieren.

Missy Magazine 03/20, Rolle vorwärts
© Marlen Stahlhuth

Wie kam es zu eurem neuen Podcast?
L: Im letzten Jahr waren wir als DJs viel auf Tour, wobei der Backstage-Bereich eine große Rolle gespielt hat. Dort haben wir interessante Gespräche geführt, auch mit anderen Künstler*innen. Das wollten wir gern mit mehr Menschen teilen.
G: Als Hoe_mies haben wir nie nur Partys gemacht, sondern immer auch politische Inhalte vermittelt und Dialoge mit der Community geführt. Wir stellen uns viele Fragen, die wir allein nicht beantworten können. Unsere Podcast-Gäste sind uns sehr wichtig. Wir lernen in den Gesprächen selbst unglaublich viel.

Worum geht es?
L: Der Pilot drehte sich um Sexarbeit. Bis jetzt haben wir uns außerdem u. a. mit Dating und Beziehungsformen, Männlichkeit, Rassismus und der Verantwortung von Influencer*innen beschäftigt. Uns ist wichtig, dass wir Themen behandeln, die gesellschaftlich marginalisierte Menschen betreffen.
G: Und Themen, mit denen Menschen sonst Berührungsängste haben. Außerdem wollen wir Leute zu Wort kommen lassen, deren Perspektiven sonst nicht im Mainstream gehört werden. Wir laden dafür Leute aus unserer Community ein.
L: Der Podcast möchte politische und gesellschaftliche Debatten niedrigschwellig vermitteln, um Zugänge zu ermöglichen.
G: Das ist der rote Faden bei Hoe_mies. Alles, was wir erleben, und auch alles, was wir lernen, möchten wir immer mit den Leuten, mit den Leuten teilen, die uns am Herzen liegen. Wir sind von Veranstalter*innen zum Soundsystem geworden, wir sind getourt und haben viele Erfahrungen gemacht – das möchten wir weitergeben. Einmal vom Imposter-Syndrom zu der Frage, wie man sich selbst vermarkten kann.

Was sind Realitäter*innen?
G: Es steckt drin, was der Podcast will: Wir wollen sensibilisieren für unterschiedliche Realitäten, wir wollen inklusiv sein, deshalb gendern wir mit dem Sternchen. Es hat eine aktive Komponente durch die „Täter*innen“. Wir thematisieren verschiedene Lebensrealitäten, aber die Leute sprechen für sich selbst. Es wird nicht über sie gesprochen, wie es sonst oft der Fall ist.

Ihr bewegt euch zwischen Brands und Community-Fürsorge. Wie gelingt euch das?
G: Das ist ein permanenter Aushandlungsprozess mit unserer Community. Ein sensibles Thema, wenn Community-Themen Eingang in kommerzielle Bereiche finden und verwertet werden. Wir schauen immer, dass wir etwas durch unsere Projekte zurückgeben können, sei es in Form von Aufträgen für Menschen, die wir toll finden, oder Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema.
L: Es ist durchaus ein Privileg, außerhalb dieses kommerziellen Bereichs das eigene Leben bestreiten und den Lebensunterhalt absichern zu können. Ich kann Angebote nicht ausschlagen, nur um einen „cleanen“ Aktivismus zu betreiben. Für mich sind das alles Tools und wir versuchen, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten.

Habt ihr bis jetzt eine Lieblingsfolge von eurem Podcast?
L: Besonders schön fand ich, als meine Mutter gesagt hat, dass sie bei der Feminismus-Folge viel über trans Personen gelernt hat.

Hoe_mies sind Lucia Luciano und Gizem Adiyaman, ein DJ- und Veranstalter*innenduo aus Berlin. Seit 2017 organisieren sie HipHop-Partys mit Fokus auf weibliche, nicht-binäre und transgeschlechtliche Positionen hinter den Decks und im Publikum. Die erste Staffel ihres neuen Podcasts „Realitäter*innen“ startete im Februar und erscheint zweiwöchentlich auf Spotify.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/20.

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