People Don’t Care

Zwischen Sorglosigkeit und Fürsorge – eine jüdische Analyse.

12.05.20 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Ihr wisst, was kommt: Wir haben eine Krise. Oder aber vielleicht wisst ihr es auch nicht, denn ich spreche von Corona nicht (nur) als Krise, weil Menschen erkranken und sterben oder Langzeitschäden erleiden, sondern weil die aktuelle Pandemie noch einmal deutlich macht, was viele von uns vorher schon wussten: People don’t care.

©Tine Fetz

Die Doppeldeutigkeit von Social Distancing

Wir reden über Zahlen, Nummern, Statistiken. Tote werden in Prozent angeführt und wenn diese Prozentzahl sinkt, tun wir so, als gäbe es was zu feiern. Als ginge es nur um irgendeine Rate, die abnimmt, und als stünden hinter dem verbleibenden Prozentsatz keine verstorbenen Menschen mehr. Aber das ist der Coping-Mechanismus dieses Landes. Seit inzwischen Generationen kritisieren Jüd*innen genau das: die wc-deutsche Abstraktion – Menschenleben und Tote zu Zahlen und Statistiken verkümmern zu lassen, sie aus der emotionalen Distanz hin und her zu schieben und sie effizient nicht das sein zu lassen, was sie sind: (tote) Menschen. Weil es dann leichter ist, keine Verantwortung zu übernehmen, und das Leben bequemer ist. Because People don’t want to care.

Aber auch jenen gegenüber, die (noch) leben und besonders gefährdet sind, schafft es der gemeine junge, gesunde, ableisierte wc-Deutsche, die nötige Distanz zu schaffen. Da wird über kranke, behinderte und alte Menschen verhandelt wie über Vieh. Abgewogen, welche Gefährdungen und Verluste in Kauf nehmbar sind. Ohne uns jemals ins Bild zu rücken. Behinderte und chronisch kranke Menschen, jenseits jener, die in Berichten mit Schläuchen, auf den Intensivstationen, blurry im Hintergrund zu sehen sind, werden ausgeblendet, nicht gefragt, nicht gezeigt, nicht gehört, es wird nur abstrakt über sie diskutiert, die Gesichtslosen, die Mängelexemplare dieser Gesellschaft. Dabei darf Hinz und Kunz sich unqualifiziert in der Öffentlichkeit zur „Corona-Krise“ äußern.

Und dabei sind wir, die Behinderten und chronisch Kranken die wirklichen Expert*innen in der aktuellen Situation. Viele von uns sind bestens vertraut mit der Isolation und Strategien zum Umgang mit ihr oder Einschränkungen im Alltag, Frust, finanzieller und existenzieller Bedrohung, Schutz vor Ansteckung, gesundheitlichen Gefährdungen, alternativen Arbeitsweisen oder auch Einschränkung der Grundrechte, kreativen Protestformen, Widerstand und politischem Aktivismus mit eingeschränkter Mobilität und eingeschränkten Versammlungsmöglichkeiten, Ohnmacht, Willkür oder auch der Verschränkung und Potenzierung von all dem. Doch stattdessen sind wir „die Risikogruppe“, die nie genannt und nie miteinbezogen wird. Und gerechnet wird, auf wie viele von uns verzichtet werden kann, wie viele wahrscheinlich eh bald tot wären, und ob wir der Wirtschaft tot oder lebendig mehr bringen …

Ich spreche inzwischen von Physical Distancing, weil soziale Distanzierung eigentlich genau das ist, was gerade auf keinen Fall noch mehr passieren darf, because people already don’t care.

Who cares?

Ein Grund, warum wir in Deutschland (noch) eine verhältnismäßig geringe Sterberate haben, ist ein ganz anderes Distanz- und Care-Thema. Wc-Deutsche wohnen in der Regel nicht mit ihren Alten zusammen. Was für die Sterberate super ist, ist jedoch auch Ausdruck davon, wie wir Gemeinschaft und damit auch Care verstehen. Care ist hier auf eine seltsame Art und Weise zeitgleich institutionalisiert und individualisiert.

Im Judentum bedeutet Care Community. Also weder nur meine eigene Nahfamilie noch irgendjemand Fremdes irgendwo. „Care ist Community-Aufgabe“ würde in einer Situation wie der aktuellen bedeuten, dass wir nicht daran scheitern würden, dass alle nur bis zu ihrem eigenen Bauchnabel und vielleicht noch dem Bauchnabel der nächsten Angehörigen denken. „Care ist Community-Aufgabe“ wird z. B. dann wichtig, wenn, eine Maske zu tragen nicht mich selbst schützt, aber andere. Doch ein System, das Care nicht als Gemeinschaftsverantwortung, sondern maximal als Verantwortung den eigenen Angehörigen gegenüber versteht, das (Für-)Sorge für das unmittelbare Umfeld reserviert und alles andere für Charity hält, kommt in einer Krise an seine Grenzen. Und natürlich macht es Sinn, dass marginalisierte Communitys Care als Community-Konzept verstehen, während (vor allem nicht von Klassismus betroffene) wc-Deutsche es sich stets leisten konnten, sich ausschließlich um den eigenen Bauchnabel zu drehen. Aber inzwischen bedeutet das halt, andere aktiv zu gefährden. But they still don’t care.

Und dann ist da das Grundrecht

Und wenn wc-Deutschen nichts mehr einfällt, um zu rechtfertigen, wieso sie glauben, dass ihr Leben mehr zählt als das von anderen, dann wird mit der Einschränkung der Grundrechte argumentiert. Ich mache es sehr knapp, weil ich letzte Woche bereits in einem anderen Text sehr ausgiebig über die ableistische Farce vermeintlich linker Stellvertreterdebatten geschrieben habe. Aber es zeugt schon von einer großen Distanz zu den Lebensrealitäten kranker, behinderter und alter Menschen, wenn die aktuellen Forderungen z. B. mit Debatten um vermeintlichen Terrorismus und Innere Sicherheit gleichgesetzt werden. Die Debatte um Innere Sicherheit und vermeintlichen Terrorismus ist eine rechtspopulistisch geprägte, die rassistische Narrative nutzt und eine Gefahr konstruiert. Dass junge, gesunde, nicht-behinderte wc-Deutsche das mit den aktuellen Umständen gleichsetzen, zeigt, dass sie keinerlei Gefühl dafür haben, in welcher Situation wir uns gerade befinden.

Wir alle!

Hier geht es nicht um eine konstruierte Bedrohung. Wir sprechen nicht von einer abstrakten konstruierten Gefahr, sondern dealen mit einem realen Virus. Übrigens einem Virus, dessen Verbreitung wirklich viel mit Rassismus zu tun hat, und es ist schön zu sehen, wie diese jungen, gesunden, ableisierten wc-Deutschen glauben, sie können das ausdiskutieren und am Ende die ganze Welt gefährden. When Ableismus meets Postkolonialismus. Tod und Krankheit ist für junge und gesunde wc-Deutsche einfach nur abstrakt. Und am Ende eben doch kein Teil des politischen Kanons für jene, die es nicht betrifft. Diese Ignoranz wird dann sogar noch auf die Spitze getrieben, wenn die Stimmen behinderter und kranker Akteur*innen mit rechtspopulistischen Politiken gleichgesetzt werden. 
Die Relativierung der Gefahr für alle, aber besonders für kranke, alte und behinderte Menschen unter dem Deckmantel linker Politiken, rumzutheoretisieren, wie für alle das Maximum an Freiheit in der aktuellen Ausnahmesituation möglich ist, ist für mich vor allem eins: links angemalter Neoliberalismus. Denn linker Konsens muss der Schutz von Menschenleben sein. War das nicht auch mal ein Grundrecht?

Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich finde es wichtig, im Auge zu behalten, dass Grundrechte momentan eingeschränkt sind. Und mir wäre es auch lieber, wir würden in einem solidarischen Utopia leben, aber wie denn, wenn ein Großteil der Menschen bereit ist, für die eigene Bequemlichkeit auf das Leben von marginalisierten Menschen zu spucken? Wie denn, wenn wir nicht mal in der Lage sind, über Menschen, statt über Zahlen und Statistiken zu sprechen? Wie denn, wenn wir Care nicht als Gemeinschaftsaufgabe verstehen und uns nur um unseren eigenen Bauchnabel drehen?

So please start to care!


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