Monster, nicht Opfer

Huren als Opfer zu begreifen, die gerettet werden müssen, ist keine Solidarität, sagt Christian Schmacht.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

Corona-Zeit ist Zeit der patriarchalen Gewalt. Corona-Zeit ist auch Zeit der großen Social-Media-Plattformen. Gelangweilte Promis und Konsument*innen haben nichts Besseres zu tun, als dort ihre gewaltvollen Meinungen auszutauschen oder gleich Gewalt auszuüben.

Einer der seelisch hässlichsten Prominenten Deutschlands, dessen Namen ich nicht einmal ausschreiben möchte, weil ich ihn zu sehr verachte, nutzte seine Corona-Langeweile aus, um auf Instagram Frauen zu mobben. U. a. outete er Influencerinnen, die in der Vergangenheit Sexarbeit gemacht haben. Der Polizistensohn, dessen Name nicht genannt wird, machte damit seiner Familientradition alle Ehre, denn Leute, die Sexworker outen, sind die Polizist*innen der Zivilgesellschaft.

Eine linke Musikgruppe namens Antilopengang nahm sich der Thematik an und veröffentlichte den Song „Kleine miese Type“, um gegen den Promimobber Position zu beziehen. Wie schön, dachte ich schadenfroh. Doch Song und Video waren nicht so schön, wie ich es mir erhofft hatte. 

©Tine Fetz

Die Musiker wanzen sich im Gymnasiastenstyle an Harald Schmidt ran, performen Kumpelpower und zeigen dem Polizistensohn, dass er jetzt aber wirklich keiner von den coolen Jungs mehr ist. Dabei geben sie sich als Gruppe von Männern, die ihre Aufgabe im Feminismus darin sieht, Frauen zu retten. Abgerundet wird das Video zum Song von einem langen Facebook-Post von Huschke Mau. Einer Exprostituierten, welche mit Berichten ihrer Erfahrungen durchs Land zieht. Clout erhält sie mit ihrer transfeindlichen, rassistischen und schlichtweg verächtlichen Attitude bei SWERFs, TERFs und Christdemokrat*innen von Hamburg bis Schwaben. 

An dieser Stelle ist hervorzuheben, dass Mau sowie die Antilopen wie alle Sexarbeitskritiker*innen, ihren Lebensunterhalt nicht mit Sexarbeit verdienen. Dieser materielle Lebensumstand, die finanzielle Unabhängigkeit von der Sexarbeit, scheint eine wichtige Voraussetzung dafür zu sein, diese abschaffen zu wollen.

Wie so oft im Leben muss ich differenzieren: Die Feinde der Hurenfeinde sind nicht automatisch die Freund*innen der Huren. Politrapper wie die Antilopengang featuren eine aktivistische Stimme nicht zufällig. Sie haben sich bewusst für Huschke Mau entschieden. Viele ihrer Fans zeigten sich überrascht über das T-SWERF-Outing. Die Sexarbeiterin und Marxistin Ruby Rebelde startete sogar eine Petition an die Band, in der sie gebeten werden, von Maus gefährlichen Forderungen Abstand zu nehmen. Verständlich, da sie nicht nur als Sexarbeiterin, sondern auch als Fan enttäuscht wurde. Doch für mich passen Mau und der Antilopensong wie Arsch auf Eimer zusammen. Die Einlassung einer T-SWERF ist kein Ausrutscher, sie ist in line mit den Inhalten des Songs und letztlich auch mit der politischen Praxis der sogenannten Gang: Die Fantasie des Frauenrettens konstruiert nicht nur ein Bild der Frau, die zu retten ist, sondern auch ein Bild des Mannes. Die Frau als zu rettendes Objekt ruft nach der Konstituierung des Mannes als Retter in der Gruppe.

Eine Männergruppe, die sich nicht erst zusammenfinden musste, um Frauen zu retten, weil sie bereits existierte, ist die Antilopengang. Ihr Song und insbesondere das Statement zur Abschaffung der Prostitution am Schluss festigt ihre Masculinity. Bros before Whores forever.*

Feministische Bewegungen haben erkämpft, dass der Mythos der Frau als Opfer zumindest in linken Kontexten kritisch hinterfragt wird. Den Platz der Frau in dieser Erzählung droht jetzt die Prostituierte einzunehmen. In der Rettungsfantasie steckt Gewalt: Entmündigung und Objektifizierung. Du wirst zum Opfer gemacht. Bietet der Opferstatus eine gewisse Anerkennung deiner leidvollen Erfahrungen, so ist er an Bedingungen geknüpft (Whiteness, Cis-sein usw.) und kann dir nur von außen zugestanden und jederzeit wieder aberkannt werden. Im Gewaltdiskurs nach der Kölner Silvesternacht 2016 wandten Rechte den Opfermythos folgendermaßen an: Die betroffenen weißen Frauen wurden zu Opfern gemacht, alle Schwarzen Männer und Männer of Color zu Tätern und weiße Männer zu Rettern. Frauen, welche Rassismuserfahrungen machen und statistisch gesehen häufiger Gewalt erleben als die, die keine Rassismuserfahrungen machen, kamen nicht vor, ebensowenig weiße Männer und weiße Menschen generell als Täter*innen.

Doch was ist ein Opfer im Sexarbeitsdiskurs? Opfer sind Monster, die mit Tugend verkleidet und ihrer Autonomie beraubt worden sind. Die Hure ist ein Monster, das alle Regeln bricht. Eine Virenschleuder zu Corona-Zeiten. Eine Rabenmutter. Verräterin ihres Geschlechts und Verräter*in der Zweigeschlechtlichkeit. Die Hure verlässt den ihr zugewiesenen Platz, wandelt in der Unterwelt und begibt sich in Gefahr. Sie hat Tausende von Kilometern und unzählige Grenzen überwunden, um hier und jetzt ihr Geld mit Hurerei zu verdienen. Sie liebt oder hasst ihre Arbeit und ist an sich Antiarbeit, wie es die Sexarbeiter*in und Theoretiker*in Femi Babylon schreibt.

Wozu braucht es Opfer? Man platziert die eigene Schwäche, Abhängigkeit und Unzulänglichkeit in das Rettungsobjekt. Die eigene Angst vor Sexualität, vor Gewalt, vor den Grenzüberschreitungen der Hure. Der Ekel vor dem Glitschigen, Pitschigen, Monströsen. Vor den tiefen, dunklen Löchern. Nur wenn Prostituierte Opfer sind, braucht ihr uns nicht zu fürchten. Wenn wir unsere Monstrositäten unfreiwillig begehen, wenn wir grundsätzlich zu ihnen gezwungen werden, sind wir keine Monster und ihr könnt uns kontrollieren.

So wenig es Opfer gibt, so wenig gibt es Retter. So wenig es Frauen gibt, so wenig gibt es Männer. Spätestens hier schalten die T-SWERFs ab, die immer über meine Kolumne geiern, um danach auf Facebook (der Plattform, die das Boomermindset erblühen lässt) ihre Empörung in den Drunterkommentaren kundzutun. Das ist okay. Ich spreche nicht zu ihnen und ich spreche nicht mit ihnen. Ich versuche, für die Leute zu schreiben, die meine Worte brauchen, und nicht für die, die sie hassen, wie es die Autorin Amber Dawn formuliert hat. 

Das Opferbild ist transfeindlich. Nicht nur, weil es trans Menschen „ausschließt“. Die Transfeindlichkeit hat mehr Ebenen als die der fehlenden Repräsentation. Im Täter-Opfer-Retter-Gebilde werden trans Frauen als Männer gezeichnet. In einer Ideologie, die den Mann nur als Täter oder Retter denkt, sind sie also selbst nie Betroffene und in ihrer Abweichung von der Cisnorm immer Übergreifer. Trans Männer sind je nach Kontext Frauen, also Opfer, oder Nicht-mehr-Frauen, also Verräter, eine Mischung aus Täter und Opfer, oder Männer, also Täter (niemals Retter). Nicht-binäre Personen werden in eines der beiden Geschlechter eingeordnet. Wer von der Genderpolizei für nicht binär genug gehalten wird, ist entweder traurige Existenz oder extravagante Schneeflocke. Beide jeweils außerhalb der imaginierten Szenerie einer Gewalttat. 

Ein Opfer wird konstruiert, wenn es Täter geben soll, genau wie Betroffene zu Nicht-Opfern gemacht werden, wenn es keine Täter geben soll. Beispiele hierfür sind klassisches Victim-Blaming („Er hat sich nuttig angezogen“), oder Täter-Opfer-Umkehr („Sie ruiniert mit diesen Vorwürfen sein Leben“).

Wer Opfer ist und wer nicht, wird von anderen entschieden. Für Huschke Mau und die Antilopengang sind alle Kunden der Sexarbeit Täter. Warum? Gibt es nicht genug echte Täter*innen für ihren Geschmack? Oder passen ihnen die Täter*innen, die wir Betroffenen von sexualisierter Gewalt kennen und benennen, nicht in den Kram?

Neben der Verfestigung von toxischer Männlichkeit und Bro-ismus bietet die Rettung eines Opfers übrigens auch, eine Achterbahn der Emotionen zu spüren und sich selbst als handlungsfähig zu erleben. Das fühlt sich gut an. Doch diese Gefühle bringen niemanden weiter und Rettung ist keine Solidarität.

Zum Abschluss und zu Ehren des internationalen Hurentags möchte ich einen Aufruf verbreiten. Weil wir uns ja doch nicht auf die Vanillas und Civilians, also die Nicht-Huren, verlassen können, rief meine Kollegin Tamara Solidor auf Twitter dazu auf, eine der größten T-SWERF-Organisationen Deutschlands, nämlich Terre des Femmes e.V. zu zerschlagen und das Vereinsvermögen an weniger diskriminierende Gruppen zu verteilen. 

In jeder Stadt gibt’s Hurenfeinde – enteignet sie!

* Das an dieser Stelle häufiger gebräuchliche „H*es“ nutze ich nicht, da es ein Slur mit rassistischer Konnotation ist, den zu reclaimen Schwarzen Sexarbeiter*innen vorbehalten ist. 


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