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„Junge Menschen, die gegen Rassismus kämpfen, werden eingeschüchtert“

Zwei Aktivistinnen über Vorfälle rassistischer Polizeigewalt rund um die deutschen Black Lives Matter-Demos.

16.06.20 > Inland

Von Minusch Afonso

Kürzlich fanden deutschlandweit Silent Demos in Gedenken an George Floyd und zum Protest gegen rassistische Polizeigewalt statt. Ihr und weitere Aktivist*innen habt  in Berlin einen Linken Block organisiert. Warum?
Chima: Wir haben das gemacht, um eine Intervention in die große Demonstration zu schaffen und um unsere eigenen Thesen einzubringen. Denn uns hat nicht nur die Protestform nicht gepasst, sondern es gab auch Kritik daran, dass junge Aktivist*innen sich wenig bis gar nicht mit den vielen Schwarzen Organisationen, Selbstorganisationen und Aktivist*innen, die in Deutschland schon seit Jahren gegen Rassismus kämpfen und organisiert sind, vernetzt und verbunden haben. In den Statements auf der Silent Demo wurde viel Rassismus reproduziert. Das liegt daran, dass sie eben nicht so sehr im Thema drin sind wie die Expert*innen.
Menina: Vor allem ist es ja auch total sinnvoll, dass gerade Schwarze Personen, wie Aminata Belli, die das Anliegen unterstützen, ihre Reichweite dann nutzen. Aber es wäre gut und sinnvoll gewesen – gerade dann – die Leute sprechen zu lassen, die sich damit auseinandergesetzt haben. Hier wohnen total viele Autor*innen von bekannten Büchern oder langjährige Aktivist*innen. In Berlin kann man nicht das Argument bringen „Wir haben niemanden gefunden!“.

Also waren letztendlich zwei Demonstrationen im Gange und ihr sagt, ihr habt dort auch Polizeigewalt beobachtet. Was ist passiert?
Chima: Unser Teil der Demonstration ist bis zum Straußberger Platz gelaufen. Die Polizei hat uns nach einer Stunde Verhandlung ein kleines Stück laufen lassen und uns dann direkt am Straußberger Platz eingekesselt, sodass wir nicht weiterlaufen konnten. Wir haben dann am Platz spontan eine Kundgebung gehalten und unsere Meinung geteilt. Als die Demonstration offiziell für beendet erklärt war und die Leute anfingen, in kleinen Gruppen oder sich einzeln auf dem Weg nach Hause zu machen, gab’s auf einmal großen Tumult. Da waren drei junge Frauen, die Schilder dabei hatten. Auf dem einen stand „No Justice, no Peace“ und auf dem anderen „Fuck the Police“ oder so.

©Naomi Boima

Meint ihr, Letzteres hat die Polizei vielleicht provoziert?
Chima: Das Ganze war ja im Rahmen der Demonstration, die sich auch gegen rassistische Polizeigewalt positioniert hat. Aus aktuellem Anlass war das also einfach nur ein Bezug auf die Situation. Als die Demo sich dann aufgelöst hatte, wurden plötzlich und sehr harsch zwei Schwarze Frauen festgenommen und eine dritte Person, die weiß war, wurde außen vor gelassen. Es gab natürlich einen riesigen Aufschrei, als die beiden Schwarzen Frauen gepackt wurden. Alle Demonstrant*innen, die da waren, sind zur Polizei gerannt und haben lautstark dagegen protestiert. Die weiße Freundin war total schockiert und sagte: „Wow! Ich hab genauso ein Schild wie die anderen. Wir standen hier zu dritt und auf einmal werden die zwei mitgenommen und mir – als weißer Person – ist einfach nichts passiert!“

Was, denkt ihr, steckt dahinter, dass die Polizei ausschließlich auf die beiden Schwarzen Frauen losgegangen ist?
Chima: Wir haben das auch in unserer Stellungnahme gesagt: Dieser Vorfall zeigt, dass die Polizei hier einfach gezielt Schwarze junge Menschen festnehmen will – und das auch noch auf eine harsche Art und Weise. Solche plötzlichen Festnahmen aus dem Nichts sind immer gewaltvoll und natürlich auch schockierend und traumatisierend. Gerade für junge Menschen, die einfach da stehen und ihre Meinung kundtun und in keiner Weise damit rechnen, dass sie so ungerecht und unverhältnismäßig behandelt werden. Aber am Alexanderplatz, dem Hauptkundgebungsort, ging’s noch viel brutaler zu.

Menina, du selbst wurdest dort auch von der Polizei angegriffen. Möchtest du davon erzählen?
Ja! Wir selbst wurden nicht festgenommen, aber ich wurde getreten, als ich versucht habe, Leuten zu helfen. Sobald man gefragt hat: „Wo werden die Leute hingebracht?“, sind die Polizisten aggressiv geworden und haben einfach um sich getreten. Zwei minderjährigen Freundinnen von uns wurde sogar ins Gesicht geschlagen. Zu diesem Handgemenge sind alle sofort hin und haben (natürlich sehr emotional) gefragt: „Was soll das?“ Die Polizisten haben sehr aggressiv reagiert und alle weggedrängt und weggeschubst. Mehreren Leuten wurde wirklich direkt mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Dazu gibt es auch Videoaufnahmen.

Konntet ihr denn vor Ort noch etwas für die Betroffenen tun oder wisst ihr, wie es mit ihnen weiterging?
Chima: Wir hatten dann beschlossen, an der Sammelstelle auf die Festgenommenen zu warten und sie in Empfang zu nehmen. Vor allem auch, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, und ihnen das Gefühl zu nehmen, es sei ihre Schuld. Wir wollten Solidarität zeigen, weil wir uns dachten, dass das Ganze gerade für die vielen Minderjährigen, die im Verlauf des Abends festgehalten wurden, ziemlich verstörend sein muss. Ich bin extrem besorgt, denn das, was ich sehe, ist, dass Schwarze junge Menschen und Menschen of Color gezielt eingeschüchtert und der Gewalt völlig ausgeliefert sind. Im Nachhinein kommt jetzt ja auch noch sehr viel auf die jungen Leute zu: sich mit Anwält*innen beraten, gegen mögliche Anzeigen vorgehen, diese vielen gewaltvollen Videos sehen, die von ihnen im Netz kursieren, und die Bilder. Wenn ich mir vorstelle, solche Bilder von mir wären auf Instagram und werden dort geteilt – Videos, wie ich geschlagen werde, wie ich gedemütigt werde. Das ist absolut furchtbar. Ich habe die Sorge, dass junge Menschen, die gegen Rassismus kämpfen, so eingeschüchtert werden. Und diese Macht des Staats macht mir Angst – auch was das mit den Menschen macht. Also ganz persönlich und individuell.

Habt ihr damit gerechnet, dass das Ganze solche Ausmaße annehmen würdet?
Menina: Für uns als Team hat das eigentlich nur bestätigt, wofür wir protestiert haben. Dass rassistische Polizeigewalt nicht nur ein Problem in den USA allein ist, sondern dass es das in Deutschland genauso gibt. Und, dass es auch kein zufälliges individuelles Verhalten ist, sondern ein strukturell angelegtes Problem. Dadurch, dass viele Leute betroffen waren, fragt man sich natürlich: „Kommen die Leute jetzt nicht mehr zu den Demonstrationen, weil sie Angst haben?“

Wie geht es euch denn nach diesen Erlebnissen?
Menina: Nach der Demo war ich richtig niedergeschlagen. Richtig geschockt und traurig. Ich fand auch alles ziemlich absurd – so nach dem Motto: „Hä? Habt ihr nicht verstanden, weshalb wir hier gerade protestiert haben? Habt ihr nicht zugehört, was eben gesagt wurde? Lernt ihr extra, das Gesagte nicht zu hören?“

Es werden weiterhin Demos gegen Rassismus stattfinden. Wie kann man eurer Meinung nach rassistische Polizeigewalt verhindern?
Chima: Ich finde, es ist wichtig, auf Forderungen zu gucken, die bereits gestellt wurden. Es gibt in Berlin z. B. zwei Kampagnen. Die eine heißt BAN RACIAL PROFILING und die andere Death in Custody. Diese beiden Kampagnen machen nachhaltig auf Strukturen rassistischer Polizeigewalt aufmerksam. Bspw. zeigen sie, dass Racial Profiling legitimiert ist, und auch, dass es einen Diskurs gibt, der Schwarze Menschen kriminalisiert. Klar ändern muss sich natürlich das Vorgehen der Polizei, aber auch die gesamtgesellschaftliche Duldung eines solchen Vorgehens. Da braucht es eine Skandalisierung.

Wie kann das erreicht werden?
Chima: Wir versuchen, an die Öffentlichkeit zu bringen, was uns passiert. Oft werden wir dann gefragt, ob es sinnvoll wäre, zu prüfen, ob es strukturellen Rassismus bei der Polizei gibt. Was gibt es denn da bitte noch zu prüfen? Die Fakten liegen längst vor: Es gibt Dokumentationen, es gibt Leute, die seit Jahren dazu arbeiten. Jetzt gilt es, zu handeln und Veränderungen anzusetzen. Und dazu gehört eben auch, dass gesamtgesellschaftlich in Deutschland nicht mehr so getan wird, als gäbe es Rassismus nicht. Oder als würde es sich um Einzelfälle handeln. Das ist die größte Lüge und auf dieser Abwehrstrategie basieren die meisten der Probleme, die wir auf Demos erleben. Wir sind müde davon, immer erklären zu müssen, dass Rassismus existiert.

Was wünscht ihr euch?
Menina: Dass die Medien und Politiker Druck machen und alle Möglichkeiten nutzen, um für Aufklärung zu sorgen. Es muss dafür gesorgt werden, dass rassistische Polizeigewalt nicht mehr ohne Konsequenzen ausgeführt werden kann. Wir wollen eine Reformierung der Polizei und die Abschaffung von Racial Profiling. Es sollen unabhängige Beschwerdestellen geschaffen werden. Denn bisher gibt es keine Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Ich bin praktisch damit alleine.

Vielen Dank, liebe Chima und Menina.

Die Schwestern Chima Ugwuoke (28) und Menina Ugwuoke (24) sind Schwarze Aktivist*innen. Auf der Berliner Silent Demo haben sie rassistische Polizeigewalt gegenüber mehreren Schwarzen und PoC hautnah miterlebt.

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