Kommt endlich über euren Stalinfetisch hinweg

Stalinlover verhindern Perspektiven und Diskurse der Vielfalt. Macht endlich Platz für andere Geschichten.

Profilfoto Julia Wasenmüller

Julia Wasenmüller
Julia Wasenmüller ist Social-Media-Redakteurin in der taz und freie Autorin. Sie schreibt über Queerfeminismus, Klassismus und postsowjetische Migration. Während ihres Politikstudiums lebte sie mehrmals in Lateinamerika, zuletzt in Buenos Aires. Sie ist Mitgründerin des Kollektivs PostOstMigrantifa und will 1. dass russischsprachige Migrant*innen (und sowieso alle Menschen) aufhören, die AfD zu wählen und 2. Almans (und sowieso alle reichen Menschen) endlich ihr Geld teilen. Auf Twitter schreibt sie unter @ju_wasenmueller.

Text: Julia Wasenmüller
Illustration: Tine Fetz

Die „Befreiungsfeierei“ um den 08. und 09. Mai ist schon eine Weile her, die Erinnerung daran aber nachhaltig shocking. An diesen beiden Tagen kommen nämlich die verschiedenen Gruppen deutscher Stalinlovers öffentlich zusammen.

Da gibt es zum einen die übrig gebliebenen Oldschool-Marxist*innen, die in Berliner Eckkneipen im Kalten-Kriegs-Diskurs hängen geblieben sind und Stalinismus für einen angemessenen Weg der gesellschaftlichen Transformation halten. Sie haben zero gesellschaftliche Plattform, sind nicht auf Social Media aktiv und werden in der Politszene generell als „nicht ernst zu nehmend“ abgetan.

© Tine Fetz

Dann gibt es aber auch noch die privilegierten Unikids, die sich selbst vermutlich nicht als Stalinist*innen bezeichnen würden, aber in ihren Studi-Chatgruppen Stalin-Memes teilen und Gulag-Witze machen. Dabei denken sie, sie seien die Allerlinksradikalsten, weil sie gecheckt haben, dass ihre Vorfahren NS-Täter*innen waren. Sie denken, sie könnten ihre Alman-Identität dekonstruieren, indem sie ihren Nazi-Opa nicht abstreiten, sondern alles und alle abfeiern, die sich irgendwann mal gegen Deutschland richteten. Auch sie haben kaum politische Reichweite. Trotzdem nerven sie enorm, denn sie sind Teil eines größeren Problems.

Es ist absurd, 2020 in Deutschland erklären zu müssen, dass Stalin ein Diktator, Rassist und Antisemit war, der die Sowjetunion von Minderheiten säubern wollte, marginalisierte Gruppen deportierte und in Gulags ermordete. Warum verschwende ich 2020 – nach Halle, Hanau und den riesigen Black-Lives-Matter-Demos nach dem Mord an George Floyd – eine Kolumne auf Stalin, der zum Glück seit 67 Jahren tot ist?

Der Stalinfetisch unter Alman-Linken treibt die Selbstbezogenheit deutscher Erinnerungskultur auf die Spitze und macht deutlich, wie täter*innenzentriert Gegenwartsanalysen in Deutschland immer noch sind – auch vor und nach dem 09. Mai. Es ist ein Alman-Blick auf die Welt, der sich die Erfahrungen von Nicht-Almans für spezifische Momente aneignet. Ein solcher Blick verhindert, die deutsche Gesellschaft so zu sehen, wie sie längst ist: nämlich divers. Letztlich führt die ständige Zentrierung um  Täter*innennarrative dazu, dass BiPoC, Migrant*innen und Jüd*innen immer weiter als „außen“ und „nicht von hier“ wahrgenommen werden. Auch Linke sind Teil von Othering-Prozessen, die strukturellen Rassismus und Antisemitismus befeuern, der sich auf staatlicher Ebene in Form von rassistischer Polizeigewalt und in der Abschiebungspolitik manifestiert .

Max Czollek greift in seinem Essay  „Desintegriert euch“ den Begriff des „Gedächtnistheaters“ von Michal Bodemann auf und schreibt: „Gedächtnistheater bedeutet, mit der eigenen Erinnerung deutsche Probleme zu bewältigen.“

Ein Beispiel: Am 08. Mai rief ein breites Bündnis von Migrant*innen, Jüd*innen und BiPoC zu einem bundesweiten Protesttag unter dem Hashtag #migrantifa auf. Menschen, deren Alltag von rassistischer und antisemitischer Gewalt geprägt ist, nahmen sich Raum, um ihre Wut über die zunehmenden faschistischen Tendenzen in Deutschland und nie ausgeräumten NS-Kontinuitäten zum Ausdruck zu bringen. Einige Alman-Antifas, die zur Protestaktion kamen, trugen ihr „Sieg über Deutschland“-Feiertagsshirt mit „Stalingrad 43“-Aufdruck. Sie meinen, dass die Niederlage der Wehrmacht in der Schlacht von Stalingrad 1943 einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg darstellte und damit zu feiern ist. Das Shirt soll Läuterung und Schuldeingeständnis symbolisieren, aber auch nicht zu viel. Unter Almans kann man sich für diese ironische Aneignung der eigenen Täter*innenvergangenheit auf die Schulter klopfen und sich als Weltmeister*innen der Erinnerungskultur gut fühlen. Sie fragen nicht nach, was Stalingrad für Sowjetbürger*innen und deren Nachkommen bedeutet. Sie haben nicht auf dem Schirm, dass mittlerweile auch Enkelkinder von Menschen, die auf sowjetischer Seite in Stalingrad gefallen sind oder in der Roten Armee gegen die Wehrmacht kämpften, 2020 auf dem Berliner Hermannplatz stehen. Sie wissen nicht, dass der Großteil der Jüd*innen, die heute in Deutschland leben, aus der ehemaligen Sowjetunion kommt und nun neben Stalingrad-Shirt-Almans dem Kriegsende gedenken soll. Und vor allem: Sie merken nicht, dass es an diesem Tag einfach nicht um sie gehen sollte.

Am 09. Mai ging das Spiel am sowjetischen Ehrenmahl weiter. Linke Almans lassen sich von den Russ*innen aus Marzahn auf einen Wodka einladen und bedanken sich für den „Sieg über den Faschismus“. Спасибо деду за Победу! Als Kind hatte ich das Gefühl, dass ein postsowjetischer Background genau einmal im Jahr als cool gilt. Heute merke ich, dass es sich dabei um die uns zugewiesene Rolle fürs Alman-Wellbeing handelt. Sobald der 09. Mai vorbei ist, kann man wie gehabt über die demokratieunfähigen Slaw*innen haten und Russland steht wieder allein für Putins monolithischen Unrechtsstaat. 2020 wurde dem Gedenken an die Kapitulation der Wehrmacht vor 75 Jahren auch von staatlicher Seite besonders große Bedeutung zugesprochen. Was bleibt davon außer dem Lippenbekenntnis des „Nie wieder“? Gründe, über NS-Kontinuitäten zu sprechen, gibt es täglich. Wer sieht in den postsowjetischen Migrant*innen, die im Alltag meist Jobs an der Supermarktkasse oder in der Altenpflege oder im Reinigungssektor verrichten, noch die „Sieger*innen über den Faschismus“? Wer fragt sie nach ihren Familiengeschichten? Wer nimmt ihre Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg, auf das Leben in der Sowjetunion und auf stalinistischen Terror als wertvollen Beitrag zu Erinnerungsdiskursen ernst? Wer will sich wirklich mit der Komplexität ihrer Migrationsgeschichten auseinandersetzen? Wer weiß, dass viele Russlanddeutsche aus Kasachstan (und nicht aus Russland) nach Deutschland migrierten oder dass gerade die Zahl Schutzsuchender aus Tschetschenien steigt – beides Gruppen, die Opfer stalinistischer Deportationen wurden. Niemand fragt danach, aber Hauptsache Stalin-Gifs.

In den letzten Monaten sind deutschlandweit vermehrt Gruppen migrantischer Selbstorganisation entstanden. Die rechten Anschläge diesen Jahres verdeutlichen einmal mehr, wie notwendig solidarische Allianzen zwischen Communitys mit unterschiedlichen Backgrounds, Zugängen und Privilegien sind und wie wichtig es ist, dass wir aus den uns zugewiesenen Rollen im „Gedächtnistheater“ ausbrechen. Beim Gedenken geht es nicht nur darum, was vor 75 Jahren war, sondern auch darum, wie wir aktiv gegen faschistische Kontinuitäten im Jetzt vorgehen können. Deutsche in Stalingrad-Shirts helfen dabei nicht. Sie verhindern Perspektiven und Diskurse der Vielfalt, indem sie immer wieder ihren Wehrmachtsopa in den Vordergrund rücken. Macht endlich Platz für andere Geschichten.

 


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