Weiße Tränen

Damit es weißen Menschen gut geht, soll Antirassismus möglichst bequem sein. Dabei soll er sie verunsichern.

07.07.20 > Arpana Berndt
Profilfoto Arpana Aischa Berndt

Arpana Aischa Berndt
ist Autorin und in der politischen Bildungsarbeit tätig. Sie studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus und beschäftigt sich in ihrer Abschlussarbeit mit Horror und Empowerment. In ihren Workshops behandelt sie Fragen zu Allyship, Allianzen und Rassismuskritik. Auf Instagram ist sie unter @a_aischa zu finden. Foto: cv studio berlin

„Ich sage jetzt nichts mehr zu Rassismus, denn egal, was ich mache, es scheint ja falsch zu sein“, postete vor Kurzem eine weiße Influencerin in ihrer Story. Es sind immer die gleichen Muster, wenn in den Sozialen Medien über Diskriminierungsformen gesprochen wird: Privilegierte fühlen sich verunsichert und machen das zum Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema. Jedes Mal, wenn Rassismus auf Instagram verhandelt wird, wird darüber diskutiert, wie Antirassismus und Allyship im Netz aussehen sollen. Es gibt To-do-Listen, Follow- und Leseempfehlungen und antirassistische Statements, hinterlegt mit schönen Illustrationen, die sich schnell in der eigenen Story reposten lassen.

© Tine Fetz

Dabei kommt auch immer wieder die Frage auf, was tatsächlich Antirassismus ist und was nur Performance. Was dient der Rassismuskritik, was ist nur Selbstinszenierung? Insbesondere weiße Influencer*innen mit großer Follower*innenzahl zeigen ihre Solidarität häufig in perfekter Instagram-Ästhetik – inklusive weißer Tränen und schwammiger Formulierungen wie „Wir sind alle gleich“, um ja nicht anzuecken und Follower*innen zu verschrecken. Mit der Aussage „Wir sind alle gleich“ passiert das nicht, doch diese verdeckt, dass nicht alle Menschen gleich behandelt werden. Die Angst, wegen einer problematischen Formulierung oder Wortwahl kritisiert zu werden, scheint größer zu sein als die Angst, selbst Menschen zu diskriminieren und an der Stabilisierung von Machtverhältnissen mitzuwirken. Liegt so der Fokus nicht auf den eigenen, weißen Gefühlen statt darauf, Rassismus zu dekonstruieren?

Das Bedürfnis nach Sicherheit in antirassistischen Praxen scheint für weiße Menschen zentral zu sein. Damit es weißen Menschen gut geht, soll Antirassismus bitte bequem sein und ja nicht verunsichern. Dabei übersehen sie, dass diese Sicherheit im Widerspruch zu Antirassismus steht. Denn Antirassismus soll weiße Positionen, weiße Strukturen und ein weißes System irritieren und verunsichern.  Doch für viele darf Antirassismus nur in einem Rahmen stattfinden, in dem niemand kritisiert oder hinterfragt wird, in dem die Intention vermeintlich antirassistischer Handlungen wichtiger ist als dessen Auswirkungen, in dem die Gefühle derjenigen, die rassistisch gehandelt haben, einen höheren Stellenwert haben als die derjenigen, die direkt von diesem Rassismus betroffen sind.

Verunsicherung ist oftmals ein Zeichen davon, sich noch nicht genug mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben. Verunsicherung heißt auch, dass etwas passiert, etwas in Bewegung gesetzt wird. Uns passieren Fehler in der Auseinandersetzung mit Privilegien und Diskriminierung, die sind weder vermeidbar noch wiedergutzumachen und das verunsichert. Doch dies gilt es auszuhalten, denn Betroffene sind schließlich auch ständig verunsichert.