„Gaffer!“

Lucrecia Martels Film „Zama“ entlarvt das kolonial-männliche Herrschaftssystem als kuriose Farce.

14.07.20 > Film & Serien

Von Dominique Haensell

Eine Gruppe nackter Frauen, weiße, Schwarze und indigene Guaraní, die sich an einem Flussufer eine Art Fangopackung gönnen. Dass die Gruppe gemischt ist, merkt man nicht auf den ersten Blick, alle sind von Schlamm bedeckt, aber die Frauen tauschen sich in mehreren Sprachen aus. Beobachtet wird dieses frühneuzeitliche Wellnessritual vom Protagonisten des Films, Don Diego de Zama, der sich hinter einer Sanddüne versteckt. Aber die Frauen bemerken ihn: „Gaffer!“ Die Kamera schwenkt auf Zamas unbeholfene Flucht über die Dünen. Ein starker Moment, denn auch wir sind Gaffende, die sich an Martels üppig inszeniertem Kostümfilm ergötzen. Schauplatz des Films ist eine abgelegene Ecke des spanischen Kolonialreichs im späten 18. Jahrhundert, die Provinz Asuncíon des heutigen Paraguay. Fernab der Metropole gibt es „kaum Gelegenheit für Eleganz“. Schon die Tonspur des Films untergräbt die herbeigesehnte „Zivilisation“ – es krabbelt, surrt und krächzt. Im Hintergrund des mühsam inszenierten Pomps der Herrschenden agieren vermeintlich stumme Gestalten: aus Afrika geraubte Menschen, versklavte Indigene, als Boten, Sänftenträger, Kammerzofen. Es sind jedoch die Weißen, die eigentümlich wirken, wenn ihnen ständig die Perücken verrutschen, ihre Rollen unklar bleiben.

Missy Magazine 04/20, Filmaufmacher,Gaffer
© Grandfilm

Aufrechterhalten wird die koloniale Ordnung von Männern wie Zama, einem desillusionierten Beamten der spanischen Krone, der in Asuncíon buchstäblich abgestellt wurde und seit Jahren auf Versetzung hofft. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des argentinischen Autors Antonio di Benedetto von 1956 arbeitet Lucrecia Martels kongeniale Verfilmung die Verschränkung von männlicher und kolonialer Macht heraus. Zama schwimmt nicht im Fahrwasser der kolonialen Macht, er kämpft sich darin ab und kommt nicht weiter. Ähnlich niedrig erscheint sein Rang im System der hegemonialen Männlichkeit, andere überholen ihn, lachen ihn aus. Doch der Film verharrt nicht darin, Zama als Witzfigur zu inszenieren. Gerade an Schreibtischtätern zeigt sich die Grausamkeit des kolonialen Systems, ebenso wie das Patriarchat von vermeintlich zahnlosen Mitläufern getragen wird. Sein vergebliches Abstrampeln wirkt nur komisch, bis man sieht, wer darunter leidet. So wird die versklavte Malemba von ihrer Herrin aus der Frauengruppe herausbeordert, um den Voyeur zu identifizieren. Nackt und exponiert wird sie zur Zielscheibe von Zamas gekränktem Stolz.

Zama AR/BR/ES/FR/NL/MX/PT/US 2017. Regie: Lucrecia Martel. Mit: Daniel Giménez Cacho, Lola Dueñas u. a., 115 Min., u. a. bei Grandfilm On Demand

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/20.

 

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