Sexarbeit mit Hindernissen

Über Diskriminierung während der Pandemie und einen Hoffnungsschimmer aus Rumänien.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

Corona brachte nicht nur einen widersprüchlichen Rückzug ins Private mit sich, sondern auch Diskursverschiebungen ins Konservative, immer noch Konservativere. Dürfen seit dieser Woche zwar einige Bordelle wieder unter strengen Auflagen öffnen, so mussten wir Sexworker doch jede Menge Hetze gegen uns und unsere Arbeit über uns ergehen lassen. Neben den Bordellschließungen litten Sexarbeiter*innen auch unter anderen diskriminierenden Praxen: Sexarbeiter*innen in Sachsen wurden von der Corona-Hilfe für Selbstständige explizit ausgeschlossen. Einer Sexarbeiterin in Frankfurt wurde gedroht, dass ihr Neugeborenes in eine Pflegefamilie übergeben wird, sofern sie sich nicht bereit erklärt, mit einem kostenlosen Ticket der Stadt nach Rumänien auszureisen. Hierbei spielten Jugendamt, Uniklinik, Sozialamt und Jobcenter offenbar zusammen, so berichtet der Verein Doña Carmen e.V. Erst das Frankfurter Familiengericht sprach der Sexarbeiterin, die außerdem Romnja ist, ihr Recht auf das Baby und den Aufenthalt in Deutschland sowie das ihr zustehende ALGII zu.

©Tine Fetz

Kund*innen sind frecher denn je und versuchen, Sexarbeiter*innen, die derzeit nicht arbeiten möchten, mit hohen Summen zu überreden. Zugleich lassen sie ihre aufgestauten Corona-Feelings an den Sexarbeiter*innen aus, die ihre Dienste anbieten, und schicken Drohnachrichten und Fake-Anfragen herum. 
Auch die Polizei macht, was sie will: Berichten zufolge hat sie auf dem Kurfürstenstraßenstrich in Berlin Sexarbeiter*innen damit gedroht, ihre Taschen nach Kondomen zu durchsuchen. Diese Praxis wenden Cops z. B. in den USA an, weil sie damit zu beweisen glauben, dass die Person, meist weiblich gelesen und migrantisiert und/oder Schwarz, der verbotenen Sexarbeit nachgeht. „Es wurde (…) angedroht mit der Begründung die Kondome wären dann ein Beweis dafür, dass sie Sexarbeiterinnen sind und den Kiez verlassen müssen“, schreibt @Caspar_Tate, Aktivist bei trans*sexworks, auf Twitter.

Sexarbeiter*innen erleben kleinere und größere Schikanen, unsere Arbeit wird als unnötig und insgeheim unerwünscht eingestuft und unser (Über-)Leben, das wir aus dieser Arbeit bestreiten, gegängelt. Zeitgleich werden Arbeiter*innen in Landwirtschafts- und Fleischereibetrieben aus dem Menschsein herausdefiniert, die Produkte ihrer Arbeit sind wichtiger für die deutschen Konsument*innen als ihr Leben. Ihre Arbeits- und Ausbeutungsbedingungen verschlechtern sich unter Corona und gibt es Ansteckungsfälle unter der Belegschaft, werden Unterkünfte oder gleich ganze Häuserblocks abgesperrt – um die sogenannte Bevölkerung zu schützen. In Bevölkerung steckt das Wort „Volk“ und im deutschen Sprachraum ist klar, das nur eine bestimmte Art von „Volk“ ein gutes Leben und den Schutz vor Krankheiten verdient hat.

Hoffnungsvollere News kommen aus Rumänien. Nachdem das rumänische Parlament einen Gesetzesentwurf vorgelegt hatte, der transgender-positive Inhalte an Schulen verbieten würde, hatte Antonella Lerca Duda die Schnauze voll. „Ich habe genug davon, dass reiche, weiße, privilegierte Männer die Entscheidungen für marginalisierte Communitys in Rumänien treffen, wie z. B. für die Communitys der Romni*ja, der transgender Leute und der Sexarbeiter*innen. Jene Communitys, denen ich angehöre“, sagte sie in einem Interview mit „Pink News“. Die Aktivistin Duda kündigte kürzlich ihre Kandidatur zur Stadtteilbürgermeisterin in Bukarest an. Mit ihrem Stadtteil, Sektor 2, hat sie Großes vor: Essensprogramme in Schulen, bezahlbarer Wohnraum, Strukturen gegen sexualisierte Gewalt und eine grünere Stadt sind einige ihrer Versprechen. Für die Wahl ist sie nach zehn Jahren, die sie in Italien verbracht hat, eigens nach Rumänien zurückgekehrt und ist aktuell, wenig überraschend, vielen Anfeindungen ausgesetzt. Sie ist die erste trans Person, die in Rumänien bei einer Wahl kandidiert. Die Angriffe gegen sie zielen meist auf ihre Identität ab, etwa wenn ihr jemand in transfeindlicher, rassistischer Sprache nahelegt, lieber wieder Schwänze lutschen zu gehen. Auf Instagram antwortet sie: „Always, I love it!“.

Wenn sie darüber spricht, warum sie sich zur Wahl aufstellt, betont sie immer die Intersektionen ihrer Erfahrungen: Aufgewachsen in einer traditionellen Romafamilie, machte sie sich mit 17 auf den Weg nach Italien, in der Hoffnung, als trans Frau glücklich leben zu können. Sie arbeitete illegalisiert in der Landwirtschaft und wurde später Sexarbeiterin. Jetzt, mit dreißig will sie „jungen transgender Arbeiterinnen zeigen, dass auch sie das Recht haben, in die Politik einzutreten“, erklärte sie in einem Interview mit der Bloggerin Lorena Lupu.

Für eine Frau, die auf Instagram postet, dass Cops Mörder sind, ist klar, dass der Weg durch die demokratischen Institutionen vor allem Sichtbarkeit bringen kann. Mit ihrer Kandidatur möchte Antonella Lerca Duda einen Präzedenzfall schaffen. Sie muss 2000 Unterschriften aus ihrem Sektor sammeln, damit sie auch wirklich zur Wahl antreten kann.


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