Zwischen den Stühlen

Mit der Dichotomie von „BIPoC“ und „weiß“ bleiben weiße Jüd*innen weiterhin raumlos, sagt unsere Kolumnistin.

18.08.20 > Debora Antmann
Profilfoto Debora Antmann

Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

„Liebe Debora, das ist eine Veranstaltung für Personen of Color. Es gibt auch noch eine Veranstaltung für weiße Menschen.“

Ich schlucke. Da ist sie, diese Dichotomie. Diese beiden Räume. Und zu keinem gehöre ich. Ich bezeichne mich als weiße Jüdin, aus Solidarität. Um meine jüdischen Geschwister of Color und meine Schwarzen jüdischen Geschwister nicht unsichtbar zu machen. Um mich gesellschaftlich zu verorten und sichtbar zu machen, welche Erfahrungen ich nicht mache. Aber mein „weiß“ kann niemals alleine stehen, es kann nur vor Jüdin stehen. Ich bin nicht weiß, wie wc-Deutsche, wie Klaus und Mareike. Erst recht nicht in Deutschland.

©Tine Fetz

Ich bin damit aufgewachsen unsichtbar zu sein. Meine Lehrerin in Karlsruhe will wissen, wer in den katholischen und wer in den evangelischen Religionsunterricht geht. Die Anzahl stimmt nicht mit der Klassenliste überein. Also sollen alle aufstehen. Erst sollen sich die katholischen Kinder hinsetzen, dann die evangelischen. Dann stehe ich da. Als Einzige. Mein Magen krampft. Von unsichtbar zu sichtbar. Die Lehrerin fragt: „Was ist mit dir?“ Ich sage: „Ich bin Jüdin.“ Meine Mitschüler:innen lachen und dann sagt jemand: „Du lügst, Juden sind tot.“ Die Lehrerin interveniert nicht. Sagt nur, sie müsse das mit meiner Mutter klären. Kein Raum für mich. Ich sitze, während die anderen Kinder Religionsunterricht haben, auf dem Flur oder im Glaskasten, da, wo die Kinder sitzen müssen, wenn sie aus dem Unterricht geschickt werden, weil sie Mist gebaut haben. Ich bin nicht vorgesehen.

„Es gibt eine Veranstaltung für weiße Menschen“ – kein Raum für mich. Es zeigt, dass wir reden müssen. In unseren Communitys. Dass wir aufhören müssen zu glauben, eine Dichotomie von BIPoC und weiß funktioniert. Vor allem in diesem Land. Wohin mit mir? Ich bin nicht of Color. Ich habe jüdische Freund:innen of Color und deren Lebensrealität sieht anders aus als meine. Aber ich bin auch nicht weiß; nicht immer, nicht wie Felix und Elias.

Stelle mich in einen Raum mit Johannes und Lisa und beobachte, was passiert, und dir wird klar: Ich bin nicht die weiße Person im Raum. Das weiß-Sein von Jüd:innen ist im Gegensatz zu dem von wc-Deutschen fragil und kontextabhängig. Für wc-Deutsche sind wir nicht deutsch, fremd, wir werden rassifiziert, unsere Körper, unsere Anwesenheit unsere Existenz wird als nicht von hier, nicht von uns, nicht wie wir, fremd, böse, gefährlich, bedrohlich, von woanders, nicht deutsch kategorisiert. Ein jüdischer Körper gehört für wc-Deutsche nicht zum deutschen Volkskörper.

Und ich verstehe, dass ein (Schutz-)Raum für BIPoCs nicht für mich ist. Ich fordere nicht, BIPoC-Räume generell für Jüd:innen zu öffnen. Aber ich erwarte, dass wir anfangen zu verstehen, dass wir für weiße Räume nicht weiß genug sind. Dass Helena und Darius uns nicht als weiße Körper anerkennen. Nicht immer bewusst. Aber mit den Mikroaggressionen immer schön in die Fresse. Ich fordere zu verstehen, dass eine Diskussion, die sich zwischen BIPoC und weiß bewegt, die Lebensrealität von Jüd:innen unsichtbar macht. Anzuerkennen, dass, solange wir in dieser Dichotomie bleiben, Jüd:innen raumlos bleiben. Konsequent hinten unter fallen. Zwischen den Stühlen hängen. Auf dem Flur unserer Communitys sitzen. Wir bleiben unsichtbar und sind gleichzeitig nicht so unsichtbar, wie gerne behauptet wird. Und wer sagt: „Macht euch die Räume doch selbst.“ Wir sind wenige. Das bedeutet, willst du eine Veranstaltung für queere Jüd:innen machen, ist das wahrscheinlich noch möglich. Soll die flint* sein, schon schwieriger. Soll es sich um einen Empowerment-Raum für dicke oder behinderte queere Jüd:innen handeln … Deswegen sind wir zumindest darauf angewiesen, dass ihr uns mitdenkt.

Der Mythos der Unsichtbarkeit

Und dabei ist das versehentliche Vergessenwerden, die Unsichtbarkeit, die ich selbst so oft betone, ein Märchen. Wir sind nicht unsichtbar. Wir werden ausgeblendet. Es wird aktiv so getan, als würden wir nicht existieren. Wenn goyim selbstverständlich über Jüd:innen sprechen, als seien keine im Raum. Wenn goyim sich nur für tote Jüd:innen interessieren. Wenn goyim glauben, es gäbe keine. Gleichzeitig sind wir NIE unsichtbar. Habitus, Sprache, Kleinigkeiten lassen bei wc-Deutschen sofort den „Mit-der*dem-stimmt-was-nicht-Radar“ anspringen.

Bist du blond oder hast blaue Augen, wird rumgeraten, aus welchem osteuropäischen Land du wohl kommst, bei dunklen Haaren, „irgendwas südliches“ oder „Orient“ (sic!). Hauptsache irgendwo, wo man als wc-Deutscher seinen Rassismus bzw. seinen Antislawismus auspacken kann. Wc-Deutsche sind gut darin, in Millisekunden die Differenz, das Anderssein, den Unterschied zu wittern. Oft gar nicht bewusst, aber sie lassen es dich spüren. Wc-Deutsche sind bis heute perfekt darauf trainiert, „das Fremde“ zu entlarven. Ich muss als Jüdin nicht sichtbar sein und trotzdem reichen die Unterschiede in der Sozialisation, dass wc-Deutsche darauf anspringen wie Bluthunde. Wir sind nicht unsichtbar. Wc-Deutsche wissen nur oft nicht, was sie da tun und warum.

Aber dann gibt es auch jene von uns, die WIRKLICH niemals unsichtbar sind. Weil das Problem mit antisemitischen Stereotypen ist, dass sie manchmal leider zufällig tatsächlich bei den falschen zutreffen. Nicht weil antisemitische Stereotype wahr sind, sondern weil es leider auch Jüd:innen gibt, die ZUFÄLLIG mit einem, mehreren, vielen oder sogar allen antisemitisch zugeschriebenen Körpermerkmalen versehen sind. Nicht, weil sie jüdisch sind, sondern einfach, weil es nun mal zufällig so ist. Diese Person ist niemals unsichtbar. Ich habe mein Leben lang erlebt, wie Lehrer:innen, Mütter von Mitschüler:innen, Fremde auf der Straße mich oder andere angesprochen und gefragt haben, ob ich Jude sei. Weil ich so aussehe, wie ich aussehe. Und natürlich fühlen sich diese Menschen bestätigt, weil ihnen nicht im Traum einfällt, dass das ein ZUFALL ist. Dass ich nicht so aussehe, weil ich Jüdin bin, sondern dass ich so aussehe UND Jüdin bin.

Für Menschen wie mich ist Unsichtbarkeit ein Mythos, solange wc-Deutsche glauben, man erkennt Jüd:innen an Nase, Haaren, Haut, Ohren oder Schuhgröße.
Dass bei manchen Menschen zufällig beides zusammenkommt, dass wc-Deutsche jede Differenz zur eigenen Norm zehn Meter gegen den Wind riechen, dass spätestens im Kontakt durch Habitus, Sozialisation, Gewohnheiten … die Differenz zur Dominanzkultur deutlich und mit Mikroaggressionen begegnet wird, macht das Narrativ von der Unsichtbarkeit hinfällig. Wir werden nicht übersehen. Es ist eine Tradition des aktiven Vergessens. Kein Raum für Jüd:innen!

Jüdisch ist kein Widerstandsbegriff

Ich habe zu Beginn geschrieben, dass ich mich als weiße Jüdin bezeichne, aus Solidarität. Aber auch aus Ermangelung anderer Begrifflichkeiten. Wir kennen nichts, was strukturell tendenziell weiß, aber institutionell und im Alltag nicht unbedingt/oft nicht/fragil weiß bedeutet. Uns fehlt nicht nur das Konzept, sondern auch die Sprache. Schwarz, of Color, weiß, sind alles Begriffe, die aus einem politischen/feministischen Widerstand oder einer gesellschaftlichen Position heraus entstanden sind. Jüdin, Jude, jüdisch, Jüd:innen, sind keine Begriffe, die aus einem aktuellen politischen/feministischen Widerstand heraus entstanden sind. Wir haben sie nicht entwickelt, um uns politisch und gesellschaftlich in der Gegenwart zu verorten, um Herrschafts- und Ungleichheitsstrukturen sichtbar zu machen. Würden wir Jüdin, Jude, jüdisch dazu zu machen, würde das bedeuten, unsere eigene und sehr lange Tradition und Beziehung zu den Begriffen aufgeben zu müssen, um überhaupt in einem Wort versprachlichen zu können, dass wir und wie wir marginalisiert werden. Uns widerständig verorten können. Das würde bedeuten, wc-Deutsche Logik zu wiederholen: Unsere lange traditionsreiche Geschichte ignorieren zu lassen und ausschließlich über die Vernichtung und den Tod der eigenen jüngeren Historie definiert zu werden. Das Dazwischen bleibt also wortlos. Ersetzt durch ein Oxymoron: „weiße Jüdin“. Ein Oxymoron, das niemand erkennt. Und ich bleibe geduldig zwischen den Stühlen sitzen, weil unsere Debatten noch nicht so weit sind. Raumlos. Weil wir Jüd:innen nicht für Dichotomien gemacht sind … Und weil wir in Deutschland sind. Hier gibt es keine Juden.


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