Das Gegenteil eines Bunkers

Wir haben mehr verdient als Binarität und RZBs. Ein Plädoyer für solidarische Beziehungen.

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Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

Viel Feminismus in letzter Zeit, aber froh macht es mich nicht. In der „analyse & kritik“ eine Reihe über linke Männer aus feministischer Perspektive. Die Texte sind größtenteils binär und unkreativ und was mich am meisten an ihnen fertigmacht, ist, dass es irgendwie nie weiterzugehen scheint. Die Thesen sind die gleichen wie eh und je: Linke Männer (gemeint sind cis Männer, denen konträr gegenüber die homogene Masse FLINT* gestellt werden) haben keinen Bock, sich mit dem Patriarchat auseinanderzusetzen. Manche Texte sind ehrlicher und sagen gleich, dass es um Männer und Frauen geht und niemand sonst. Die Heteronormativität der Analyse, in der nur Männer und Frauen vorkommen, und vor allem nur Beziehungen zwischen Männern und Frauen, ist der Schlüssel zu ihrer Handlungsunfähigkeit. Binarität ist nämlich eine Sackgasse. Lass mal die Verletzung darüber, dass wir nicht mitgedacht und mitgemeint werden, links liegen. Es ist nicht nur respektlos, trans, inter, queere, nicht binäre, marginalisierte Geschlechter zu ignorieren, es bringt auch niemand weiter. Auch die Heten nicht. Wenn ich von Heten spreche, meine ich übrigens viel mehr die Ideologie als die Identität. Heteronormativität lebt und gedeiht auch in Menschen, welche weder cis noch hetero noch dya (1) noch allo (2) sind. 

©Tine Fetz

Auch im aktuellen Buch meiner früheren Heldin Silvia Federici, das schon 2018 rausgekommen ist, das ich aber jetzt erst geschafft habe, zu lesen, haut sie binär so richtig auf die Kacke. Äußerte sie sich früher noch vorsichtig über das Konstrukt Frau und wer damit gemeint ist, so setzt sie in „Witches, Witchhunting and Women“ die soziale Kategorie Frau mit der menschlichen Gebärfähigkeit gleich. Ein Satz über die misogyne Gewalt gegen trans Frauen reicht nicht aus, um das aufzubrechen. Wie in ihren anderen Arbeiten vollzieht sie die historische Zurichtung des Frauseins, wie wir es heute kennen, einleuchtend nach und lässt doch eine klaffende Lücke stehen: die Binarität.
Zum Konstrukt Frau gehört das Konstrukt Mann. Zum Konstrukt Mann-und-Frau gehört unausweichlich die Zweigeschlechtlichkeit. Es soll keine Geschlechter neben euch geben.
In einem Vortrag über Frauen (Sternchen!) und Militanz, der in den letzten zwei Monaten gleich dreimal in Leipzig aufgeführt wurde, gelang es ebenfalls nicht, aus dem binären Kochtopf zu klettern und die Suppe mal ordentlich umzurühren.

Ich bin ein offener Mensch und versuche, auch bei cis zentrierten Inputs etwas für mich mitzunehmen. Doch in letzter Zeit frage ich mich: Wo ist der Aufstand der cis Feministinnen gegen dieses Blabla? Habt ihr nicht das Gefühl, dass ihr mehr verdient habt?  Seid ihr es nicht leid, immer über eure Boyfriends zu reden und jedes Mal aufs Neue zu staunen, dass in heterosexuellen Beziehungen ein patriarchales Machtgefälle herrscht, das nicht durch linke Performance aufgehoben wird?

Beim Thema Frauen (Sternchen …) und Militanz wurde als historisches Beispiel militanter Frauen in Antifakreisen genannt, dass sich manche dieser Frauen in den Beziehungsstreik begaben, wenn ihre männlichen Partner das Politische eben nicht im Privaten leben wollten. Eine befreundete Person schüttelte darüber nur den Kopf und meinte: „Die Armen. Anstatt dass sie Schluss machen, waschen sie sich dann ein paar Wochen die Haare nicht.“ Für mich bringt das auf den Punkt, worüber wir nicht hinauszukommen scheinen: über ein Leben und Kämpfen jenseits der Paarbeziehung. 

Ich bin jetzt so alt, dass ich von früher erzählen kann, und auf keinen Fall war es früher besser, wir waren nicht besser, doch es war anders und manchmal lohnt es sich, darüber zu reden. Früher haben wir mit dem Begriff RZB die heteronormativen Muster auch in linken und queeren Kreisen geschmäht. RZB steht für romantische Zweierbeziehung. Die Kritik daran war u. a., dass diese Daseinsform radikale Freund*innenschaften und subversive, solidarische Beziehungen verhindert. Die Menschen sind mit sich und ihrer RZB-Person beschäftigt und alles andere ist ihnen egal. Ich weiß, dass viele Menschen sich bemühen, sich des gesellschaftlichen Strukturelements Pärchen (und das bedeutet in der Konsequenz immer auch Kleinfamilie) zu entziehen, doch wie viele dieser Versuche werden zugunsten der RZB aufgegeben, wenn mensch über dreißig ist? Oder über vierzig? 

Analysen von Desirability, in denen kritisch beleuchtet wird, wer überhaupt begehrt und gedatet wird, gehen selten über die Frage des Datings an sich hinaus. Dabei fallen dieselben Menschen, die erleben, dass sie auf dem Tinder-, Grindr- und Okcupidmarkt weniger wertvoll sind als andere, auch bei der Lebensplanung hinten runter. Denn zu jeder RZB, die ein paar Jahre oder Jahrzehnte miteinander verbringt, gehören die einsamen Übriggebliebenen, die sich nicht für diese Form der Beziehung entscheiden wollten oder konnten. Sagte mensch sich noch mit Mitte, Ende zwanzig, wir werden für immer Freund*innen bleiben, kristallisiert sich mit Mitte, Ende dreißig heraus, dass die Pärchen doch lieber unter sich sind. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keins mehr. 

Die Texte aus dem feministischen Schwerpunkt in der „a&k“ handeln vor allem von patriarchaler Gewalt, die linke oder feministische (cis?) Männer ihren Genoss*innen gegenüber ausüben. Ich musste den Bogen über die Beziehungsformen spannen, weil sie meiner Meinung nach ein Schlüssel zu dem Problem darstellen. Verzweifelte Versuche, nach dem (wie vielten) Outing eines*einer (wie vielten) Täters*Täterin, einen radikalen Umgang mit der Gewalt zu finden, scheitern oft: Das Umfeld ist überfordert und unwillig, sich mit der Gewalt, die sie mitgedeckt oder mitgetragen haben, auseinanderzusetzen. Die Betroffenen bleiben allein, ziehen sich zurück oder brennen gemeinsam mit ihren Unterstützer*innen aus. Die Täter*innen machen weiter ihr Ding. Schon viel zu oft miterlebt, manchmal überlebt. Das liegt daran, dass die Beziehungen, die wir vor der Gewalt oder vor dem Bekanntwerden der Gewalt geführt haben, bereits mangelhaft gewesen sind. Wir können nicht erwarten, dass unpersönliche, konkurrenzbelastete, von Pärchenkonstellationen durchzogene Politgruppen, Freund*innenkreise und Communitys im Ernstfall plötzlich zu aufrichtigen, solidarischen, liebevollen, schlagkäftigen Strukturen werden, die uns auffangen. 

Ich denke oft darüber nach, dass jene Freund*innen, die in Kleinfamilien und RZBs organisiert sind, eine weitaus höhere Wahrscheinlichkeit haben, Gewalt innerhalb dieser Beziehungen zu erleben als ich. Oft verstehe ich nicht, wie sie sich so unbedarft in diese riskante Lage manövrieren können, ohne Vorkehrungen zu treffen.
Ich werde als Sexarbeiter ständig gefragt, ob meine Arbeit sicher ist oder ob ich mich dabei in Gefahr begebe. Dabei haben wir Sexworker mehr Tools und helfende Netzwerke, als sich die Couples next door, die sich yolo in Beziehungen stürzen, überhaupt vorstellen können.

Jede*r rechte Prepper*in baut den Bunker lange vor dem erwarteten Tag X. Ich glaube zwar nicht an den sozialdarwinistischen Survivalmodus. Und ich glaube, ich oder wir brauchen eher das Gegenteil eines Bunkers. Doch ich weiß, dass der Tag X, also der Tag, an dem ich oder meine Freund*innen Gewalt erleben, immer wieder kommt. Und ich will nie wieder erleben müssen, dass hinter dem Gerede von der queeren Community oder den schlauen Analysen von abusive Beziehungen keine Praxis steht. Deshalb gibt es für mich keine politische Arbeit ohne bewusste, radikale Beziehungsarbeit mehr. Beziehungen, die nicht kommodifizierbar sind, die nicht dazu dienen, uns besser arbeiten und funktionieren zu lassen. Sondern in denen wir von Zurichtung und Trauma heilen, unser Gespür für Kollektivität stärken und Vertrauen ineinander und in uns selbst aufbauen. Beziehungen, in denen wir fähig werden, aggressiv und genüsslich gegen die Gewalt, die uns dieses Leben zumutet, einzustehen.

(1) dyageschlechtlich: nicht intergeschlechtlich
(2) allosexuell: Gegenteil von aromantisch/asexuell/ace

 

 

 


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