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Give me that walk!

Ein Tanz, entstanden in der queeren afro- und lateinamerikanischen Szene in Harlem, feiert Revival in Europa.

17.09.20 >

Von Katrin Gottschalk und Dominique Haensell

Es ist erdrückend heiß. Glücklich ist, wer einen Fächer hat. Alle anderen wedeln sich behelfsmäßig mit Papierflyern Luft zu. Aus den Boxen pumpt Classic House. In der Mitte des Raumes: ein langer, schmaler Laufsteg mit neongelben Streifen. Drumherum schwitzende Menschen wie bei einer hochsommerlichen Fashion Show. Dann ertönt die Stimme der Moderatorin Zoe Melody mit dem Kommando: „Do the Runway!“ Solange Adjakoh betritt den Catwalk. Als sie den leicht durchsichtigen, weißen Morgenmantel über ihrem Badeanzug im Laufen öffnet und fallen lässt: Jubel und Klatschen aus dem Publikum. Höchste innere Anspannung, akrobatische Körperspannung und eine betont selbstbewusste Mimik – Voguing bedeutet absolute Selbstbeherrschung. „Fierce“, kämpferisch, muss die Tänzerin sich präsentieren. Es gelingt: Solange bekommt drei Schatztruhen von der Jury – Bestnote. Sie hat sich soeben für die nächste Runde des Wettbewerbs in der Kategorie „Runway“ qualifiziert. Es ist Samstag und Tit Bit Ball im Berliner Südblock, zentraler Ort der alternativ-queeren Szene Berlins. Und heute ist nicht irgendein Ball. Es geht um die richtige Pose, um Realness – ums Voguing eben.

Einen Tag nach dem großen Abend sitzt die 21-jährige Solange im Berliner Tanzstudio motion*s. Lässig breitbeinig, weil’s bequemer ist, klitschnass von dem Workout-Kurs, den sie gerade gegeben hat. Ganz anders als auf dem Catwalk. „Es gibt beim Voguing oft Leute, die wirken im Alltag ganz unauffällig und rasten dann bei der Performance total aus“, erzählt Solange. Unscheinbar ist die in Berlin Geborene abseits des Runways nicht, aber ihre Verwandlung ist trotzdem erstaunlich. „Ich bin eigentlich eher burschikos, ein Tomboy.“

© Verena Brüning

Das Voguing hat Solange vor vier Jahren bei den Berliner Streetdance-Meisterschaften kennengelernt. „Da kamen zehn Beauties in den Raum, die dich mit ihrem Set weggebasht haben!“ Eine von diesen Frauen war Georgina Philp. Oder auch: Leo Melody, Mutter der Tanzcrew House of Melody und Ausgangspunkt einer ganzen Voguing-Spirale, die sich beständig weiterdreht und öffnet. Die Voguing-Szene in Deutschland wächst seit den letzten fünf Jahren kontinuierlich – im August wird es zum dritten Mal einen großen Voguing Ball in Berlin geben, der erste Ball in Hamburg folgt ebenfalls. Spricht man allerdings Leute außerhalb gewisser Szeneblasen aufs Voguing an, klingelt bei den meisten – gar nichts. „Man muss dann erst mal Madonna droppen, damit die Leute sich etwas darunter vorstellen können“, meint auch Solange.

„Come on – vogue!“ Als Madonna sich im Video zu ihrem 90er- Hit in dramatische Posen warf, wirkte das wahnsinnig fresh und zeit- geistig. Voguing, das kunstvolle Verdrehen und tänzerische Umsetzen von Modelposen, war allerdings keine neue Erfindung und erst recht nicht auf Madonnas Mist gewachsen, sondern Ausdruck einer ganz speziellen New Yorker Subkultur, deren Wurzeln sich bis in die 1920er-Jahre verfolgen lassen.

Etwa ab den 1960ern traf sich die afro- und latein- amerikanische, queere Szene Harlems immer regelmäßiger zu aufwendigen Bällen in alten Theatersälen. In verschiedenen Kategorien – ähnlich einem Schönheitswettbewerb – wurde getanzt, gepost und gegeneinander angetreten. Die Sehnsucht nach der High-Fashion-Welt und die Lust auf das Nachahmen dieser brachte immer mehr vorrangig Schwule zusammen. Später traten die TeilnehmerInnen meist im Namen sogenannter Houses  auf. Diese Cliquen, häufig nach der „Gründungsmutter“ oder berühmten Fashionhäusern benannt, zeichneten sich durch ihren Tanzstil und einen geradezu familiären Zusammenhalt aus. Für die mehrfach marginalisierten TänzerInnen bedeutete Voguing also kreativen Ausdruck und Netzwerk zugleich.

Seit der Veröffentlichung von Jenny Livingstones grandiosem Dokumentarfilm „Paris is Burning“ von 1990 ist das öffentliche Interesse an Voguing und der Ballroom-Szene im Allgemeinen stetig gewachsen. Immer wieder tauchen Voguing-Moves in Musikvideos und Performances auf, es erscheinen kritische Abhandlungen und glänzende Bildbände.

Voguing war nie wirklich weg und hatte Harlem auch bald verlassen. Ein Grund dafür war sicherlich Madonna. Ein anderer: Leute wie Georgina Philp. Sie organisiert und moderiert Bälle, promotet, tanzt und gibt Workshops in ganz Deutschland. Auch sie unterrichtet im motion*s Tanzstudio. Ihr Kurs heute: „Vogue New Way Beginners“. Hier geht es mindestens so sehr um die richtige Einstellung, die Attitüde, wie um Technik und Choreografie. Zusammen ergibt das für die 28-Jährige den Reiz am Voguing. „Es ist für mich der kreativste Tanz von allen“, erzählt Philp und listet nur einige wenige Charaktere auf, die sie in den letzten Monaten verkörpert hat: Quentin Tarantinos Foxy Brown oder Storm von den X-Men. Die Bewegungen selbst können aber auch schon verschiedene Attitüden und Rollen darstellen. „Beim ‚Runway‘ kann man mal das Ego raushängen lassen.“

In diesem AnfängerInnen-Workshop geht es allerdings erst einmal ganz simpel darum, eine Art Box aus Armen zu falten und im Takt um den Körper zu schieben. Im „New Way“-Stil liegt der Fokus auf präzisen Linien und schnellen Abläufen. Wie auch beim „Old Way“ werden hier die Einflüsse der Martial Arts im Voguing deutlich. Beim Stabbing Move etwa schieben sich die Arme wie Klingen aus dem Körper. Das fühlt sich ziemlich kraftvoll an und markiert auch ungemein Raum. Damit es aber tatsächlich beeindruckt und nicht zum ziellosen Rumfuchteln mutiert, müssen die Arme kerzengerade sein und jeder Beat sitzen. Jede einzelne Bewegung des Voguings erzählt eine Geschichte: So lassen sich beispielsweise viele Old Way Moves auf westafrikanische Kunst oder ägyptische Hieroglyphen zurückführen.

Die eigentliche Faszination entfaltet der Tanz allerdings erst, wenn man auch den inhaltlichen Background kennt. Denn beim Voguing handelt es sich eben nicht einfach um einen coolen neuen Tanzstil, sondern um ein sensibles Stück queerer Geschichte. Und die ist vor allem eine vom Wunsch nach Anerkennung. Der enge Zusammenhalt der Tanzenden und der spielerische Wettbewerb eines Balls schaffen dabei eine Art Parallelwelt für soziale Bestätigung. Anerkennung innerhalb der Szene bekommt jedoch nur, wer dabei leidenschaftlich ist und überzeugen kann – wer eben „fierce“ ist. Laut Philp kann das jede lernen: „Wenn man selbst daran glaubt, ist der Rest egal.“ Beim Battle gewinnt, wer das dickste Selbstbewusstsein hat oder überzeugend vorspielt und die Widersacherin in den buchstäblichen Schatten stellt.

Eine andere Form der Behauptung bieten die „Categories“: Beim Ball im Südblock treten die TänzerInnen in der Kategorie „Sex Siren“ an. Die Jury ist streng: Schöne Akrobatik ist hier nicht gefragt – nur wer die Jury vom eigenen unwiderstehlichen Sexappeal überzeugen kann, wer also „real“ ist, kommt eine Runde weiter.
„Real“ sein heißt, in der Rolle überzeugen, die man in dem Moment spielt. In den Anfängen des Voguings waren das Rollen, die den TänzerInnen aufgrund ihrer Herkunft und ihrer sexuellen Orientierung weitestgehend verwehrt waren. Kategorien waren etwa der erfolgreiche Businessmann oder das weiße Vorstadtschulmädchen. Was es heißt, in diesen Rollen „real“ zu sein – darüber gab es mitunter heftigste Diskussionen zwischen Jury und TeilnehmerInnen, wie Szenen aus „Paris Is Burning“ zeigen. Würde eine alte weiße Lady auf der 5th Avenue wirklich diese Tasche tragen?
Für die Theoretikerin Judith Butler drücken diese Performances den widersprüchlichen Effekt des Voguings aus. Wenn sich ein Schwarzer Homosexueller aus Harlem in einer Performance als weißer Manager ausgibt, dann ist das nicht nur bloße Nachahmung oder Wunschszenario, sondern offenbart auch die Beziehung zwischen den vermeintlich „nor- malen“ Identitäten des Mainstreams und den queeren Positionen, von denen sich jener geradezu krampfhaft abzugrenzen versucht. Voguing entlarvt das Verkleidungsspiel des Mainstreams und betont diesen in seiner grausamen, hegemonialen Unerreichbarkeit. Auch wenn Georgina Philp in ihren Workshops immer wieder Wert auf ebendiesen Hintergrund legt, gibt es doch einige, für die Voguing einfach nur ein interessanter Tanz ist, dessen ideelle Dringlichkeit über die Jahre wohl Stück für Stück verloren geht.

Georgina Philp (aka Leo Melody) – die Mutter der Tanzcrew House of Melody und des Voguings in Deutschland.© Verena Brüning

Manche VoguerInnen aus der alten New Yorker Szene, die immer noch überwiegend Schwarz, Latino und schwul ist, sind den oft weißen, heterosexuellen Nicht-AmerikanerInnen gegenüber aufgeschlossen – andere sehen eher den kommerziellen Ausverkauf einer oppositionellen Tanzform. „Dieses ‚Ihr nehmt unsere Kultur und ihr macht’s nicht richtig‘. Das ist einerseits total verständlich, aber wenn man andererseits will, dass es sich weiterentwickelt, muss man auch Neues zulassen“, meint Philp. Auch sie wurde als junge, weibliche Europäerin nicht überall mit offenen Armen empfangen. Selbst in Deutschland waren manche befremdet von der Frau, die ihnen etwas über schwule Subkultur erzählen wollte. Als Philp 2012 das erste Berlin Voguing Out Festival organisiert, zieht sie durch die Stadt, um Leute einzuladen. Am Nollendorfplatz, dem alten schwulen Zentrum Berlins, quatscht sie ein paar Typen an, die sie schräg anschauen: „Klar weiß ICH, was Voguing ist. Was willst DU denn?“ Doch langsam werde es immer besser. „Die Leute merken, dass ich es ernst meine.“

Was treibt gerade jetzt immer mehr Leute zu den Bällen – als ZuschauerInnen und vor allem auch TeilnehmerInnen? Pure Retromanie? „Das liegt sicher an der Energie und dem Selbstbewusstsein, das man dadurch bekommt“, meint Philp. „Ich glaube, das ist ein weltweites Phänomen und auch der Grund, warum HipHop so bekannt ist: Jeder kann sich irgendwie mit dem Gefühl identifizieren, nicht verstanden zu werden.“

Manchmal helfen die Selbstbehauptungsstrategien des Voguing auch im Alltag: „Auf einer
Party, wenn lauter schnieke Leute da sind, kann ich mit meinen Blicken und meinem Körper so tun, als gehöre ich dazu“, meint Philp. Nicht nur im Voguing bedeutet Realness die souveräne Täuschung der anderen.

Dort liegt die Faszination des Voguing: Was auf den ersten Blick vielleicht wie die verschärfte Version einer Castingshow wirkt, ist vor allem eins: kreatives Rollenspiel. Indem die Attitüden der Glitzer- und Glamourwelt überspitzt und spielerisch dargestellt werden, entpuppt die sich als das, was sie wirklich ist: eine Scheinwelt, in der Rollen nur gemimt, aber nie wirklich eingenommen werden. Genau das verspricht eine große Freiheit, denn wenn es die eine, in Stein gemeißelte Indentität nicht gibt, stehen der eigenen Persönlichkeit alle Türen offen. Dementsprechend gemischt ist auch die kleine Voguing- Gemeinde im Berliner Südblock – sowohl was Körperform als auch Hautfarbe angeht. Es ist egal, wie jemand aussieht – solange die Pose sitzt.

Die Szene in Deutschland steckt noch in den Kinderschuhen. Einerseits sei die technische, tänzerische Komponente noch nicht so ausgereift, meint Philp. „Ich höre auch oft: Die Männer fehlen, die Schwulen fehlen!“ Wer weiß, dass Frauen beim Voguing früher nur eine marginale Rolle spielten, heute in Berlin allerdings die Mehrheit der TänzerInnen ausmachen, kann diese Forderung verstehen. Beim großen Ball im August wird es eine „Nur für Männer“-Kategorie geben.

Zurück im Südblock. Zoe Melody gibt dem Publikum eine neue Aufgabe: Mach die Sex-Sirene! „Jetzt kichert einmal kurz und dann geht’s los. Work it!“ Etwa 20 Leute laufen los. Vielleicht ist das hier ein großer Spielplatz – nur dass hier nicht Kinder „Eltern“ mimen, sondern eine Kreuzberger Mischung für einen Moment so tut, als seien sie die heißesten Wesen auf Erden. Zwar ist der Ball ein Wettbewerb – aber einer, in dem die Karten neu gemischt werden. Wer den Ball betritt, kann für einen Abend die engen Rollen des Alltags an der Garderobe abgeben.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/14.