Body Horror

Sich im eigenen Körper nicht zu Hause zu fühlen, ist eine Urangst – und somit perfekt für ein Horror-Subgenre.

21.09.20 > Film & Serien,

Von Armeghan Taheri

Mein Deutschlehrer war erzkatholisch. Seine Haut blass, sein Gang schlurfend, der Kopf zu groß für seinen Körper, die Augen blutunterlaufen und weit aus den Höhlen herausragend. Er schmiss Stühle gegen die Wand und schrie, bis ihm die Spucke aus dem Mund sprang. Ich hätte eigentlich einen Regenschirm gebraucht, denn ich saß vorne mit meinen langen schwarzen Haaren, langen Nägeln und dick aufgetragenem Eyeliner, den ich mir nach der Schule schnell aus dem Gesicht wischte, bevor mein Vater ihn sah. Die Pubertät wirbelte mich durch einen Sturm von Horror und Emanzipation. So existierte ich im Klassenzimmer des Mannes mit den Monsteraugen in einem Spannungsfeld zwischen Sexualisierung und verachtungsvoller Ablehnung.

Ablehnung für meine Weiblichkeit war nichts Neues, aber die strafenden Reaktionen des Lehrers galten nicht nur dem Körper, in dem ich steckte, sondern allen, deren Körper meinem ähnlich waren. Er schrie: „IHR denkt, ihr müsst euch nicht anpassen“, um kurz darauf einen lüsternen Kommentar auf uns loszulassen. In seinem Klassenzimmer

verflochten sich meine Muskeln den Rücken hinauf zu tausend Knoten, einer Straße zwischen Stadt und Land in Afghanistan, durch die mein Atem nicht hindurchpasste. Krieg und Herrschaft äußern sich desorientierend im Körper. Geistesabwesend stellte ich mir vor, wie meine Wut mich entstellte, verformte, entsexualisierte. Eine Entmenschlichung durch Transformation, ein Selbstschutz.

Heute denke ich über meine eigene Heimatlosigkeit nach und darüber, wie eine Einladung, nach Hause zu kommen, aussehen könnte. Füße auf dem Boden, Geist im Körper, Körper auf der Welt, ein Zuhause. Damals zog es mich zum Body Horror, einem Subgenre des Horrors, in dem der Körper zum Schauplatz von Schmerz, Verletzlichkeit und Macht wird. Die Zuschauenden erfahren einen biologischen Horror durch unfreiwillige radikale Veränderungen des Körpers, durch Mutationen, Metamorphosen, Verstümmelungen oder andere Formen der Entstellung. Für mich war es zum einem eine subversive Konfrontation mit tabuisierten Seiten unseres Alltags, zum andere…

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