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L.V. Queerhoven

In „The World To Come“ interpretieren queere Künstler*innen Beethovens „Missa solemnis“ neu.

21.09.20 > , Musik

Interview: Nadine Schildhauer

Mit Masken, Musikvideos und Stimmexperimenten erkundet Jam Rostron alias Planningtorock die Facetten von Genderidentität. Songs wie „Patriarchy Over & Out“ oder „Misogyny Drop Dead“ sind tanzbare Ansagen und erzählen eine Lebensgeschichte, in der Rostron ohne klassische Schulausbildung und entgegen institutioneller Widerstände lernte, elektronische Musik zu komponieren, und ein beachtliches Werk von vier Studioalben und einer Oper veröffentlichte. Seit März arbeitet Rostron im Auftrag des Rundfunkchors Berlin an der Konzertinstallation „The World To Come“. Unter Regie von Tilman Hecker interpretieren Künstler*innen wie Moor Mother, Colin Self, Mohammad Reza Mortazavi und Planningtorock das opulente Chorwerk „Missa solemnis“ von Ludwig van Beethoven, das übersetzt „feierliche Messe“ bedeutet, neu. Im 19. Jahrhundert sprengte Beethoven, der dieses Jahr seinen 250. Geburtstag feiert, damit den traditionellen Rahmen eines Gottesdiensts und galt als Kritiker der Kirche.

Missy Magazine 05/20, Rolle vorwärts, Moormother, FB
© Plasmarella/ Flickr

Wie hast du auf die Einladung, „Missa solemnis“ zu interpretieren, reagiert?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich ein Problem mit der wiederholten Aufführung von Musikstücken toter weißer Männer. Allerdings wird heute angenommen, dass Beethoven bi-racial war. Ich habe mich gefragt, wie es für ihn als Komponist gewesen ist, in einem mehrheitlich weißen Umfeld zu arbeiten. Ich begann zu fragen: Wer ist Beethoven? Die

Einladung spornte mich an, mehr über ihn zu erfahren. Aber mein anfängliches Interesse an dem Projekt galt den anderen eingeladenen Künstler*innen, von denen einige queer sind.

Wie hast du dich„Missasolemnis“angenähert?
Fürmichwareszunächstschwer, einen Weg hinein zu finden. Mir halfen die Worte von Tilman Hecker sehr: „Man kann mit dem Stück arbeiten, gegen das Stück arbeiten, es auseinanderziehen, auf den Kopf stellen und von innen nach außen drehen.“ Das Stück ist sehr laut geschrieben – eine Folge von Beethovens Taubheit. Seine Schwerhörigkeit ist in der Musik präsent, was ich interessant finde.

Ist Be_hinderung ein Thema, mit dem du dich bereits auseinandergesetzt hast?
Meine Schwester ist autistisch. Für sie sind Musik und Tanz wichtige Sprachen, was sich auch in meinem Song „Beulah Loves Dancing“ widerspiegelt. Musik gibt ihr den notwendigen Raum, der auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist. Eine kontrollierende Gesellschaft wie unsere schafft es nicht, solche Orte bereitzustellen. Beethovens Stück wird immer lauter, er stößt sein Inneres in die Welt. Ihr Hören hat mich gelehrt, wie wichtig und hilfreich Musik sein kann.

Wie bist du für eure Interpretation an dieses umfangreiche Werk herangegangen?
Da ich ein großer Fan von Musicals bin, habe ich angefangen, Beethoven als Musical zu verstehen. An seinem Arbeitsplatz befand sich das Zitat Friedrich Schillers „Ich bin, was da ist“. Am Eingang des Veranstaltungsorts Schwuz steht ein Zitat aus dem Gloria Gaynor-Song „I Am What I Am“, geschrieben von Jerry Herman. Ich sehe eine Verbindung zwischen den beiden Zitaten. Für Beethoven war dieses Stück sehr persönlich, weil er darin seinen Glauben aufgearbeitet hat. Als queere Person erzähle ich persönliche Geschichten. Für mich wurde die Arbeit an „Missa solemnis“ zur Untersuchung, die zusammenführt, wie ich Musik nutze, um über mein Leben zu sprechen und darüber, wo ich bin.

Wie kann man den Sound eines Chors queer machen?
Beim Chor und einigen Mitgliedern des Teams sind Sätze wie „Das ist eine Männerstimme“ oder „Das ist eine Frauenstimme“ aufgetaucht: Ich möchte dazu ermutigen, nicht in diesen Begriffen zu denken. Wir alle wissen, dass es Stimmen gibt, die sich als weiblich identifizieren, die sehr tief sind, und es gibt Stimmen, die sich als männlich identifizieren, die sehr hoch sind. Die Arbeit mit Chor und Orchester ist sehr traditionell und strukturiert. Ich versuche, für die Stimmen Parts zu schreiben, die sie gewissermaßen öffnen.

Untergräbt euer kooperatives Vorgehen die Vorstellung vom genialen männlichen Komponisten?
Für mich ist es wichtig, dass ich als Kreative*r in meiner Musik von mir spreche. Wenn Geschichten erzählt werden, ist es sehr wichtig zu fragen: Wer erzählt diese? Aus diesem Grund ist Planningtorock ein Soloprojekt. Wenn ich an Projekten arbeite, bei denen die Musik anderer Künstler*innen vermittelt wird, gestaltet sich der Prozess für mich anders. Dann geht es um viele unterschiedliche Geschichten und das ist großartig. Die Ursprungsidee des genialen Komponisten basiert auf einer patriarchalen Struktur. Diese Vorstellung, dass weiße Männer Genies sind, ist zwar altmodisch, wird aber weitestgehend von Institutionen unterstützt. Das ist das Schöne an dem Projekt, dass man versucht, das zu ändern oder etwas anderes damit zu machen

Gemeinsam mit Künstler*innen wie Moor Mother, Colin Selfund Mohammad Reza Mortazavi interpretiert Planningtorock Beethovens „Missa solemnis“ neu. „The World To Come“, eine Auftragsarbeit des Berliner Rundfunkchors, kommt am 08. und 09.10. im Berliner Club SchwuZ zur Aufführung.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/20.

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