Дружба heißt Freundschaft

Ein Dorf in Kasachstan fühlt sich für unsere Kolumnistin wie zu Hause an – auch wenn sie noch nie dort war.

Profilfoto Julia Wasenmüller

Julia Wasenmüller
Julia Wasenmüller ist Social-Media-Redakteurin in der taz und freie Autorin. Sie schreibt über Queerfeminismus, Klassismus und postsowjetische Migration. Während ihres Politikstudiums lebte sie mehrmals in Lateinamerika, zuletzt in Buenos Aires. Sie ist Mitgründerin des Kollektivs PostOstMigrantifa und will 1. dass russischsprachige Migrant*innen (und sowieso alle Menschen) aufhören, die AfD zu wählen und 2. Almans (und sowieso alle reichen Menschen) endlich ihr Geld teilen. Auf twitter schreibt sie unter @ju_wasenmueller.

Von Julia Wasenmüller
Illustration Tine Fetz

Ende August schickten mir meine Eltern per WhatsApp das Foto eines Flugtickets: Moskau – Frankfurt am Main. Im Logo der sowjetischen Airline Aeroflot wachsen zwei gespreizte Flügel in der Mitte als Hammer und Sichel zusammen. Auf der abgebildeten Weltkugel auf der Rückseite des Tickets prangt an der Stelle Moskaus ein roter Stern. Der Flug ist auf den 26. August 1990 datiert, der Tag, an dem meine Familie aus der Sowjetunion ausreiste.
Vor dreißig Jahren kamen sie in Deutschland an, vor 26 Jahren wurde ich geboren. Im Sommer 2020 wollte ich zum ersten Mal den Ort besuchen, den meine Eltern immer noch „zu Hause“ nennen. Aber dann kam Corona.

©Tine Fetz

Anstatt in Kasachstan zu sein, sitze ich ein weiteres Mal in ihrer Küche in der westdeutschen Provinz und blättere durch alte Fotoalben. Ich kenne die Bilder seit meiner Kindheit. Manchmal habe ich sie mit meiner Mutter zusammen betrachtet, oft aber auch alleine.
Ich weiß, wo in Дружба (Druschba) die Wassermelonenfelder lagen, auf denen mein Opa als Traktorist arbeitete, und wo die Rübenfelder waren, auf denen meine Eltern als Jugendliche in den Sommerferien ihren Arbeitsbeitrag für die Kolchose leisteten. Ich weiß, wie das Bewässerungssystem funktionierte, wo die Schafe weideten, welche Arbeiten wann anstanden.
Ich kenne die Fotos der Hochzeitsgesellschaften, die die Hauptstraße entlang zum Haus des Bräutigams ziehen, im Sommer über staubigen Boden, im Winter durch tiefen Schnee. Ich weiß, wer wo gewohnt hat, wer im Dorf zuerst ein Auto besaß, wann die ersten Telefone kamen und in welcher Reihenfolge meine Verwandten dann die Ausreiseanträge stellten. Die Fotos und Geschichten geben mir das Gefühl, dass das Abgebildete irgendwie auch „mein Zuhause“ sei, dabei war ich noch nie dort.

In meiner Jugend existierte Дружба für mich nur als Referenzpunkt, mit dem die meisten Tischgespräche der Erwachsenen begannen, der mit den Jahren immer weiter glorifiziert wurde und von dem ich irgendwann nichts mehr hören wollte. Der Ort blieb eingefangen in der Vergangenheit. Wenn Verwandte oder Bekannte nach Jahren zum ersten Mal wieder hinflogen, brachten sie Stunden von Videomaterial mit, das meine Eltern sich immer und immer wieder ansahen. Die Videos dokumentierten den Verfall der einzelnen Häuser und des Friedhofs mit den Gräbern von Menschen, die den gleichen Nachnamen trugen wie wir. Meine Eltern stoppten die Aufnahmen jedes Mal, um mir zu zeigen, wo sie gewohnt hatten. Dabei wusste ich es längst, denn ein vergrößertes Foto des Bauernhauses mit dem grünen Tor hing im Wohnzimmer meiner Großeltern in Deutschland.

Mit Anfang zwanzig gab ich „Дружба“ zum ersten Mal bei Google ein und stellte fest, dass dieser Ortsname im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion 69-mal vergeben wurde. Дружба heißt Freundschaft. Ich musste suchen, bis ich unser Дружба in Kasachstan fand. Ich zoomte näher ran und sah, dass das Dorf in der Nähe der Grenze zu Kirgistan liegt. Heute heißt es wieder wie vor Sowjetzeiten „Moyynkum“, was auf Kasachisch „auf dem Rücken der Steppe“ bedeutet. Meine  Mutter hat mir oft von den Fahrten zum großen Markt in Frunse erzählt, im Spätsommer, bevor das neue Schuljahr begann. Frunse heißt heute wieder Bischkek. Astana heißt seit 2019 Nur-Sultan, nach dem Präsidenten Nursultan Nasarbajew.

Anfang diesen Jahres hatte ich mir vorgestellt, wie es wohl sein würde, in Almaty, Kasachstans größter Metropole, zu landen. Eine Zeit lang überlegten meine Eltern, mit mir zu kommen. Ein alter Bekannter von ihnen hätte uns dann am Flughafen abgeholt. Sie waren selbst nur einmal wieder dort, im Sommer 2018, nach 28 Jahren. Warum sind wir nicht viel früher zusammen nach Kasachstan geflogen? Vielleicht lag es an den fehlenden Urlaubstagen und dem fehlenden Geld, vielleicht aber auch daran, dass sie das Dorf so in Erinnerung behalten wollten, wie sie es verlassen hatten. Дружба ist heute viel kleiner als zu Sowjetzeiten. Der Großteil der Menschen aus den unterschiedlichen Minderheiten, die unter Stalin in die kasachische Steppe deportiert wurden, verließ das Dorf in den Neunzigern. Meine gesamte Großfamilie reiste nach Deutschland aus.
Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, dass unsere erste gemeinsame Reise viele „Und wann heiratest du?“-Gespräche bedeutet hätte, dass wir bei alten Schulfreund*innen und Arbeitskolleg*innen meiner Eltern von einem gedeckten Tisch zum nächsten gezogen wären. Dass ich wahrscheinlich eher wenig gesagt hätte, weil ich kein Kasachisch spreche und auch Russisch nur schlecht. Ich habe mich gefragt, wie wir auf die Menschen zugehen würden, die jetzt in dem Haus leben, das meine Eltern und Großeltern vor dreißig Jahren verließen. Ob wir mit ihnen ins Gespräch kommen könnten, ohne wie die zurückgekehrten Landlords aus dem Westen zu wirken?

Wer weiß, wann Fernreisen wieder möglich sind und wie viele Sommer und Winter ich noch Zeit habe, mir über die Familienalben gebeugt all diese Fragen zu stellen.