Brennt, brennt immer weiter

Cemile Sahins neuer Roman „Alle Hunde sterben“ handelt von brutalen Machtausübungen staatlicher Systeme.

26.10.20 > , Literatur & Comics

Von Nelli Tügel

Lässt sich Gewalt erzählen? Diese Frage treibt die Protagonist*innen in „Alle Hunde sterben“ um, dem zweiten Roman der Künstlerin Cemile Sahin. Die Erzählperspektive in den neun Episoden des Buchs wechselt, der Ort des Geschehens bleibt: ein 17-stöckiges Hochhaus, irgendwo in der Westtürkei. Die Bewohner*innen sind dort nicht zu Hause, sie wollen dort nicht bleiben, sie haben staatlichen Terror erlebt, sie berichten davon, sie sind entkommen, doch findet der Terror sie wieder. Die Bewohner*innen des Hauses warten: auf einen geliebten Menschen, auf die Möglichkeit zur Rache, auf die Polizei, die Soldaten – oder so etwas wie Frieden. Das Haus ist vielleicht eine Metapher für das Land.

Cemile Sahin hat diesen Ort erschaffen, in ihrem Kreuzberger Studio, wo sie täglich arbeitet – Schriftstellerin ist sie indes nicht und möchte es auch nicht sein. „Ich bin Künstlerin und trenne die Bücher nicht von der bildenden Kunst, ich mache Installationen, die aus Video, Text und Skulptur bestehen, das Schreiben ist für mich nur ein Medium innerhalb dessen“, erklärt sie im Gespräch. Ihre Geschichten beginnen mit Bildern: „Ich sammle Bilder und entwickle über sie meine Arbeiten.“ Die Bücher sind Vorarbeiten für Filme – ein Zwischenschritt kurz vor dem Drehbuch. Deswegen heißen die Kapitel auch Episoden. Man muss nichts über diese Arbeitsweise wissen, um die klare, direkte Sprache der Texte und in ihrem neuen Roman das Zusammenspiel von Bild und Text zu bemerken: Ein Foto ist jeder Episode vorangestellt. Es zeigt die immer gleiche Ebene, vermutlich eines Parkhauses, von oben. Zu sehen sind auf dem Asphalt dieses Platzes drei Pfeile, auf denen „one way“ steht, es geht in die eine Richtung, dann um die Ecke, dann in die entgegengesetzte Richtung. Der dritte Pfeil führt in ein Unterdeck und man stellt sich beim Betrachten des Bilds vor, wie es dort weitergeht: im Kreis und dabei hinunter auf die nächstniedrigere Ebene.

Die Begründungen für diese derart bebilderte Abwärtsspirale staatlich produzierter Gewalt lauten immer gleich: Kampf gegen Terrorismus. „Aber in den Augen der Armee zählt die Hälfte des Landes zu den Terroristen“, sagt Murat im Buch. Dabei sind es jene, die mit diesem Vorwurf Minderheiten und Oppositionelle denunzieren und verfolgen, die terrorisieren: Armee, Polizei, Paramilitärs, Spitzel, Geheimdienste. Sie produzieren auch die als „Gegengewalt“ oft ungenügend bezeichnete Notwehr, in der die türkische Regierung dann wiederum „Terrorismus“ erkennen will. „Die Gewalt hält auch das Vaterland zusammen“, sagt Murat: „Ihre Realität besteht aus: Angriffen. Terroristen. Vaterlandsverrätern. Unsere Realität besteht aus denselben Dingen. Wir leben ja alle in diesem Land.“

Missy Magazine 05/20 - Kultur 3
© Paul Niedermayer

Schilderungen der von den Protagonist*innen in „Alle Hunde sterben“ erlebten Gewalt lassen unwillkürlich an das Vorgehen gegen kurdische Dörfer und Städte im Südosten des Landes 2015 und 2016 denken, als Cizre, Nusaybin und andere Orte wochenlang abgeriegelt waren, das Militär dort, ohne von der internationalen Öffentlichkeit behelligt zu werden, Kriegsverbrechen verübte. Allerdings: Neu ist das nicht – es passiert immer wieder seit der Gründung der Türkischen Republik, egal, ob die Staatspartei AKP oder CHP heißt – oder das Militär regiert. Vielleicht auch deshalb nennt Cemile Sahin – wie schon in ihrem Debüt „Taxi“ – nie Ortsnamen, keine Parteinamen, keine Politiker*innennamen, auch ein expliziter Verweis auf die kurdische Minderheit findet sich in den Texten nicht. Warum? „Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, die Perspektive, aus der ich schreibe, ist zwar die einer Kurdin, aber dennoch fände ich es komisch, ausschließlich über Kurd*innen zu schreiben.“ Es gehe ihr zudem nicht darum, Konflikte literarisch nachzuerzählen, sondern um die Frage, ob es gelingen kann, durch eine neue Form von Fiktion und Erzählung passierte Gewalt darzustellen. „Die Türkei ist nur ein Beispiel für etwas, das es auch anderswo gibt.“ Diese Ungebundenheit an konkrete Ereignisse und Orte ermöglicht einen präzisen Fokus auf die Analyse des Systems staatlicher Gewalt: Vertreibung, Besatzung, Justiz, Gefängnis, Folter, Verrat.

Viele Verlage jedoch, denen sie ihr Debüt „Taxi“ angeboten hatte, bei dem man – anders als im Fall des neuen Romans – nicht wusste, in welchem Land es spielt, wollten, dass Sahin die Geschichte klar in der Türkei verorte – was sie ablehnte. „Die wollten eine nicht-muslimische Kurdin, die ein Buch gegen die Türkei schreibt, aber darum ging es mir gar nicht“, sagt sie. Schließlich veröffentlichte der kleine Korbinian Verlag das Buch. Dass sie in „Alle Hunde sterben“, erschienen bei Aufbau, nun zwar immer noch äußerst sparsam mit konkretisierenden Daten umgeht, wir aber von Beginn an dennoch wissen, dass die Türkei der Schauplatz ist, soll indes kein Zugeständnis an eine deutsche Buchbranche sein, die offenbar Schablonengeschichten sucht, sondern hat einen anderen Grund: „‚Taxi‘ war ein bestimmter Stil, mit staatlicher Gewalt umzugehen. Für das neue Buch habe ich zwar dasselbe Thema gewählt, es aber anders ausgearbeitet. Diesmal schreibe ich konkreter darüber.“

Das Ergebnis ist beeindruckend und verstörend, man findet keinen Frieden in dem Text, so wenig wie die Figuren im Buch es tun. Wie könnte es auch anders sein, wo doch die Herrscher des Landes, in dem diese Figuren leben und leiden, beständig Feuer legen, damit alles brennt und immer weiter brennt – eine schier unendliche Geschichte. Die Hoffnung auf zumindest so etwas wie Gegenwehr tritt schließlich in der finalen Episode in die Geschichte ein, von außen und in Gestalt eines der Kinder von Necla. Mit Neclas Geschichte, die vor elf Jahren ihre Kinder zu deren Schutz wegschickte und seither auf sie wartet, beginnt das Buch. Jenes Kind, das schließlich das Hochhaus erreicht, ist inzwischen erwachsen und trägt den Namen Devrim. Das ist im Übrigen das türkische Wort für Revolution.

Cemile Sahin „Alle Hunde sterben“ Aufbau Verlag, 239 S., 20 Euro
Ausstellung: STUDIO BERLIN, Berghain
in Kooperation mit der Boros Foundation

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/20.

 

 

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