Zu Hause rumhocken können ist ein Privileg

Unsere Kolumnistin über das Leben im Lockdown mit energetischem Kind, Lohnarbeit und Solidarität.

02.11.20 > Josephine Apraku
Profilfoto Josephine Apraku

Josephine Apraku
ist neues Elternteil. Zusammen mit Jule Bönkost leitet sie das Institut für diskriminierungsfreie Bildung.

Text: Josephine Apraku
Illustration: Tine Fetz

Einem Freund beschreibe ich die aktuelle Situation, die, da bin ich mir sicher, nicht nur uns trifft, so: Es ist wie ein sehr einsames Feuerballspiel aus der Hölle, wir sind gefühlt ständig auf dem Sprung, um den Fängen des Virus zu entkommen. Einsam deshalb, weil als Elternteil eines Kleinkinds, das mit Energie für zehn gesegnet ist, schon eine einfache Erkältung megaätzend ist: Social-Distancing it is. Längere Zeit in Quarantäne zu müssen ist eine echte Horrorvorstellung, die ich bestmöglich versuche zu vermeiden.

Konkret habe ich inzwischen ein mehrstufiges Worst-Case-Szenario, von dem ich nicht möchte, dass irgendwas davon eintritt.

  1. Die Kita schließt, weil es zu viele Covid-19-Fälle gibt. In diesem Fall sind wir gesund und müssen nicht in Quarantäne, müssen allerdings Lohnarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt unter einen Hut bringen.
  2. Wir sind Kontaktpersonen ersten Grades und müssen ein paar Tage in Quarantäne, bis unser Testergebnis negativ ausfällt. In diesem Fall hocken wir mit der Kleinkindversion vom unglaublichen Hulk zu Hause, müssen arbeiten und irgendwie durch den Tag kommen.
  3. Wir werden positiv auf Corona getestet und sitzen mindestens zwei Wochen zu Hause fest, inklusive Sorge-, Lohnarbeit und Kinderbetreuung. In diesem Szenario haben wir nur leichte Symptome und es geht uns gut.
  4. Wir werden positiv getestet, allerdings stecken wir uns versetzt beieinander an und sind so mindestens drei Wochen zu Hause.

Es gibt noch ein paar weitere Stufen, die alle umfassen, dass es uns ziemlich schlecht geht und wir gegebenenfalls ins Krankenhaus müssen. Ich zähle sie nicht auf, weil ich glaube, dass klar wird, dass ich mir über das Was-wäre-wenn eingehende Gedanken gemacht habe. Die Vorstellung, wieder komplett auf den Kindergarten verzichten zu müssen, bereitet mir Stress. Denn Sorgearbeit und Lohnarbeit ohne Pause leisten zu können ist eine große Herausforderung.

Deshalb ist mir aktuell, mehr als sonst, gewahr, wie abhängig ich als Mama von anderen Eltern im Kindergarten bin. Konkret davon, wie sehr sie sich an die aktuellen Hygienemaßnahmen halten. Denn tatsächlich birgt die Kita, auf die ich angewiesen bin, gegenwärtig gleichzeitig das größte Risiko in meinem Leben. Nämlich, dass eines der unterschiedlichen Worst-Case-Szenarien eintritt und zwar nicht nur für mich, sondern auch für Menschen in meinem Umfeld.

Mein Alltag bewegt sich deshalb, eben weil ich kein Risiko für andere Eltern in der Kita darstellen möchte, zwischen meinem Schreibtisch, der Kita, dem Supermarkt und irgendwo draußen mit meinem Partner und dem Kind. Spannend ist anders, aber ich kann mich gut mit der Situation abfinden. Auch deshalb, weil das der solidarische Beitrag ist, den ich leisten kann: andere, deren Situation prekärer ist als meine, weil sie vielleicht selbst ein erhöhtes Risiko im Hinblick auf Covid-19 haben oder eine Person pflegen, die ein solches Risiko trägt, nicht unnötig zu gefährden. Gleichzeitig ist die Tatsache, dass ich das so machen kann, ein Privileg, mit dem ich verantwortlich umgehen möchte.