Borat is back. Was darf Satire?

Trump ist fired. Borat hoffentlich bald auch, meint unsere Kolumnistin.

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Julia Wasenmüller
Julia Wasenmüller ist freie Autorin. Sie schreibt über Queerfeminismus, Klassismus und postsowjetische Migration. Während ihres Politikstudiums lebte sie mehrmals in Lateinamerika, zuletzt in Buenos Aires. Sie ist Mitgründerin des Kollektivs PostOstMigrantifa und will 1. dass russischsprachige Migrant*innen (und sowieso alle Menschen) aufhören, die AfD zu wählen und 2. Almans (und sowieso alle reichen Menschen) endlich ihr Geld teilen. Auf twitter schreibt sie unter @ju_wasenmueller.

Text: Julia Wasenmüller
Illustration: Tine Fetz

Am 23. Oktober ging „Borat 2“ (mit vollem Titel „Anschluss Moviefilm – Lieferung von großer Bestechung an amerikanisches Regime um Benefiz für früher glorreiche Nation von Kasachstan zu machen“) beim Streamingdienst Amazon Prime Video online. Die Plakate zum Film hängen seit Wochen überall in Berlin. Der britische Komiker und Schauspieler Sacha Baron Cohen räkelt sich wieder im „Mankini“, diesmal allerdings im Mund-Nasen-Bedeckungslook. Für alle, die kyrillisch lesen können, steht da „Wo?dt“. „Borat“ lesen diejenigen, für die Cohens Filme gemacht sind. Menschen „im Westen“, vor allem in den USA, sollen durch die überspitzten Darstellungen ihren eigenen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus checken, betont Cohen in einem Interview mit der „New York Times“. Nicht umsonst habe er sich für eine Filmpremiere kurz vor den US-Wahlen entschieden.

Was das mit Kasachstan zu tun hat? – Nichts.

Als Borat 2006 in „Borat – Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen“ zum Kino-Kassenschlager wurde, war ich zwölf Jahre alt. Der Film beginnt mit Bildern, die vermutlich „Armut“ darstellen sollen. Bereits in den ersten Minuten wird mit einem Repertoire an sexistischen, rassistischen, antisemitischen und antiziganistischen Bildern aufgefahren. „Borat“ war meine erste Begegnung mit „Kasachstan“ im deutschen Fernsehen. Meine Eltern regten sich auf und ich dachte, „Fuck, da kommen wir her?“ Allerdings kannte ich auch noch die Videoaufnahmen von Verwandten, die alle paar Jahre zurück in das Dorf in Südkasachstan flogen, aus dem sie in den Neunzigern nach Deutschland migriert waren. Viele „Borat“-Zuschauer*innen wissen erst durch den Film, dass es das Land Kasachstan überhaupt gibt.

Illustration: Tine Fetz

Wie immer beim Thema „Was darf Satire?“ geht es auch bei „Borat“ um die Frage, wer auf wessen Kosten Witze macht, wer wen als Tool für die eigene Punchline benutzt und ab wann der humoristische Versuch, Rassismus aufzuzeigen, einfach nur rassistisch ist. Diskriminierende Sprache wird enttabuisiert, menschenverachtende Witze werden sagbar gemacht. Überzogene Klischees und Stereotype sind Cohens Style. Vor Borat entwickelte er die Figur des türkischen Gangsta-Rappers Ali G, nach Borat den schwulen Österreicher Brüno. Cohen sagt öffentlich, dass er Kasachstan gewählt habe, weil es ein Land ist, über das man in den USA so gut wie nichts weiß. Das habe ihm erlaubt, „eine wild, comedic, fake world“ zu erschaffen. Die Figur Borat war nicht neu. Sie tauchte bereits in früheren Arbeiten Cohens auf, damals aber als Fernsehreporter aus Albanien namens Kristo. Der pseudokasachische Journalist Borat könnte quasi aus jedem Land östlich von Frankfurt Oder kommen. Denn worauf Cohen seine Jokes baut, sind Unwissen und Klischees über den „weiten Osten“: über die Rückständigkeit der Menschen, die über so viele Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang lebten, über ein für immer anhaltendes Abgehängtsein vom Weltgeschehen und die aus all dem resultierende Demokratieunfähigkeit.

Indem es Cohen gar nicht um Kasachstan geht, sondern Land und Menschen nur ein Tool bleiben, reproduziert er die vorherrschende Ignoranz gegenüber Zentralasien und „dem Osten“ im Allgemeinen. Gedreht wurde dann in Glod, einem Dorf in Rumänien. Die Protagonist*innen im Film sprechen Armenisch und Hebräisch, was beim Großteil des Kinopublikums vermutlich als Russisch oder Kasachisch durchgeht. Borats Ausruf „Dschenkuje“ ist eine Anlehnung ans Polnische „dziękuję“, was Danke bedeutet. Slawische Sprachen, same same.

Nach „Borat 1“ hagelte es Klagen: Dorfbewohner*innen von Glod klagten, nicht gewusst zu haben, dass sie für ein Komödienset herhalten. Die Klage blieb ohne Erfolg. Zum deutschsprachigen Filmstart von „Borat“ wurde vom Europäischen Zentrum für Antiziganismusforschung Strafanzeige wegen Volksverhetzung eingereicht. Die Romnja-Sängerin Esma Redžepova forderte Schadenersatz, da ihr Song „Čaje šukarije“ ohne ihr Wissen verwendet wurde. Sasha Baron Cohen sammelte dagegen Preise ein. Er gewann den Golden Globe Award als „Bester Hauptdarsteller − Komödie oder Musical“ und in Deutschland den Comedypreis 2006 als bester internationaler Comedian. Die Feuilletons lobten sein geschicktes Spiegelvorhalten und wiederholten in der Rezeption einmal mehr Borats diskriminierende Sprache. Und dann verdiente Cohen natürlich auch noch einen Haufen Kohle mit dem Film. Nachdem „Borat“ in Kasachstan zunächst zensiert wurde, ließ sich das kasachische Komitee für Tourismus irgendwann auf den „Borat“-Joke ein und machte den Kultsatz „Kazakhstan very nice“ zum offiziellen Reiseslogan. Der kasachische Außenminister bedankte sich offiziell bei Cohen für die verzehnfachte Anfrage von Tourivisa. Win-win?

Nein, schreibt die Aktivistin und Geschlechterforscherin  Aizada Arystanbek in einem Text Ende Oktober zur Wiederauflage des Films. In beiden „Borat“-Episoden zeige sich, wie leicht es Menschen im Globalen Norden falle, Menschen aus dem Globalen Süden zu entmenschlichen. BIPoC-Communitys mussten schon immer für respektvolle Repräsentation im westlichen Film kämpfen und sich ihren eigenen Platz im Filmbusiness schaffen. Für Arystanbek schlägt Cohen mit Borat gleich mehrfach in historische Kerben von Diskriminierung: Die Bösewichte im westlichen Film sind immer Russ*innen. Dabei wird der gesamte postsowjetische Raum Russland zugerechnet und Zentralasien unsichtbar gemacht. Bei dieser Homogenisierung gehen Russ*innen als weiß durch, BIPoCs werden geothert. Lokale Machtverhältnisse werden befeuert: In Russland sei es mittlerweile gängig, Kasach*innen damit aufzuziehen, dass sie keinen Humor hätten, wenn sie bei „Borat“ nicht lachen. Die „Zivilisierung“ des „rückständigen Zentralasiens“ nutzten schon die russischen Zaren als Legitimationsgrundlage zur Kolonisation.

Anders als vor 14 Jahren bei „Borat 1“ regt sich der Protest gegen den neuen Film vermehrt im Internet: Unter den Hashtags #CancelBorat oder #WeAreNotYourJoke fordern Kasach*innen das Ausstrahlungsverbot von „Borat 2“ und das Recht, für sich selbst zu sprechen. Bei einer Onlinepetition gegen den Film unterschrieben mehr als 100.000 Menschen. Auch offline versammelten sich Demonstrierende Ende Oktober vor dem Konsulat der USA in Almaty – teilweise mit ihrerseits antiamerikanischen Slogans und dem Mankini-tragenden Sacha Baron Cohen in einem Sarg. Gleichzeitig bekam Australiens berühmtester Beach in Sydney eine riesige Borat-Statue, Cohen schaltete sich per Videocall zu, als vierzig Männer in Mankinis dazu posten und einen Yoga-Flashmob veranstalteten. Fun von und für Männer im Globalen Norden.

Ich selbst habe „Borat 2“ nicht ganz gesehen, sondern mich in groben Sprüngen durchgezappt. Am Konzept hat sich nichts verändert, die Punchlines sind stumpf wie im ersten Teil. Trump ist fired, Borat hoffentlich bald auch.

Wer einen realistischen Einblick in die Lebenswelten Kasachstans bekommen möchte, kann sich durch das Archiv vom Clickfest-Filmfestival klicken, das 2014 bis 2018 in Almaty stattfand. Julia Boxxler dokumentiert in ihrem Film „Bye Bye Baby“ ihre erste Reise zurück an die Orte ihrer Kindheit in Kasachstan. Im Podcast „x3“ berichtet sie von ihrer Migration nach Deutschland, aber auch über die Jahre, die sie als Erwachsene in Almaty verbrachte. Beim jährlichen FemAgora-Festival treffen sich Künstler*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen aus Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan. Außerdem zu empfehlen ist der Film „Welcome To The USA“ (2019), in dem die kasachische Filmemacherin Assel Aushakimova die Geschichte der 36-jährigen Lesbe Aliya nachzeichnet, die eine Green Card für die USA gewinnt und Kasachstan verlassen will.