Gemeinsam gegen Corona?

Ein Pandemie-Märchen von unserem Kolumnisten Christian Schmacht, das zeigt, wie es sein könnte.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Text: Christian Schmacht
Illustration: Tine Fetz

Ab dieser Woche ist wieder Lockdown. Ich glaube aber nicht, dass das die beste Lösung ist. Ich schreibe doch nicht jahrelang gegen die Kriminalisierung von Sexarbeit, um dann im Corona-Kontext autoritäre Maßnahmen abzufeiern. Keine Sorge – ich bin kein Corona-Leugner! Ich finde aber, dass Lockdown und Co. kein guter Umgang mit der Pandemie sind. Und das sage ich nicht als Virologe, sondern als Sexarbeiter.

Was hat die Entkriminalisierung der Sexarbeit mit Corona zu tun?
„Entkriminalisierung“ heißt im Sexwork-Kontext nicht nur die Abschaffung aller Gesetze gegen Sexarbeit, sondern auch, dass alle die Möglichkeit bekommen, sich in der für sie besten Weise zu verhalten. Genug Geld erhalten, um auszusteigen. Genug Unterstützung bekommen, um gewaltvolle Situationen hinter sich zu lassen. Verhandlungsmacht, um gute Arbeitsbedingungen zu erstreiten. Sicherheit nicht durch Repression, sondern durch Ressourcen. Kein Stigma, keine Illegalität. Anonyme, kostenlose Walk-in-Kliniken. Zugang zu guten Wohnmöglichkeiten. Kein Zwang, zur Arbeit zu kommen, wenn mensch aus irgendwelchen Gründen nicht kann oder möchte. 

Aus den Strategien für Entkriminalisierung der Sexarbeit könnte mensch Strategien abschauen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Der Lockdown ermöglicht den Betroffenen eben nicht, sich in der für sie besten Weise zu verhalten. Hier stehen keine Möglichkeiten im Mittelpunkt, die Menschen haben müssten, um ihr Leben Corona-angemessen zu führen. Statt der Überlegung „Was brauchen wir?“ geht es mehr denn je um „Was muss verboten werden?“. 

Aber was brauchen wir denn? Um welches „wir“ geht es überhaupt? Wie soll mensch sich darüber austauschen? Als Inspiration habe ich mir eine kleine Geschichte ausgedacht. Keine Utopie, denn eine Utopie ist ein Zustand, der niemals erreicht werden kann. In meiner Utopie käme ehrlich gesagt auch kein Staat vor und auch kein Geld.
Aber die Geschichte ist realistisch: so realistisch wie die Lufthansa-Millionen und so realistisch wie die Lufthansa-Entlassungen.

„Es war einmal Dezember 2020. Corona ist wie zu erwarten im Winter schlimmer geworden. Aber so schlimm auch wieder nicht. Du bekommst ja Corona-Geld, das ist eine Art Grundeinkommen und alle deine Friends bekommen das auch. Sogar die, die gar keine Meldeadresse haben oder sich nicht legal in Deutschland aufhalten. Ihr relaxed also erst mal und guckt, dass ihr so wenig wie möglich rausgeht. Die Clubs, Restaurants und das Fitti haben zu, aber du hast keine Angst zu vereinsamen. Mit fünf oder zehn Friends, die du gerne magst, hast du dich zu einem Carepod zusammengeschlossen. Das ist eine Gruppe von Leuten, die ihre Bedürfnisse, Möglichkeiten und Boundaries miteinander abgestimmt hat und möglichst nur noch einander trifft. So könnt ihr Social Distancing betreiben, ohne auf Nähe und Wärme verzichten zu müssen. Bei deinem Pod geht immer nur eine Person für alle einkaufen. Auf die drei Kids im Pod passt ihr abwechselnd auf. Eine Person aus eurem Pod arbeitet im Krankenhaus, deshalb ist es umso wichtiger, dass ihr untereinander bleibt. Du gehst nicht mehr zum Training im Verein, aber dein Pod trainiert zusammen zu festgelegten Zeiten in den Vereinsräumen. Ihr desinfiziert nachher alles und lüftet gut durch, damit der nächste Pod safe und entspannt Sport oder einfach Quatsch machen kann. So ähnlich machen es alle Vereine und Community Spaces. Wäre ja auch schade, wenn die leer stehen, während ihr euch coronamäßig zu Hause schrecklich langweilt. 

In deinem Pod sind auch Lina und Samira. Es war schon vor Corona nicht so einfach, mit den beiden Nähe und Wärme zu teilen. Lina saß im Knast und Samira durfte das Lager für Geflüchtete nicht verlassen. Knäste und Lager sind längst evakuiert und die Insass:innen durften sich aussuchen, wo sie wohnen möchten. Ferienwohnungen und Airbnbs wurden für die Bedürfnisse aller zur Verfügung gestellt. Klar, dass Lina und Samira gleich in deine Stadt gezogen sind, ihr wolltet ja sowieso zusammen einen Carepod machen!
Die Idee mit den Pods kam übrigens schon im Sommer auf. Da gab es überall Werbung für das Konzept, in den Öffentlich-Rechtlichen redeten erfahrene Poddies in Talkshows. Im Stadtteilladen bei dir um die Ecke gab es einen Gratis-Workshop, der jede Woche und zu verschiedenen Uhrzeiten stattfand, damit viele die Möglichkeit hatten teilzunehmen. Es war ja Sommer und die Workshops konnten easy draußen abgehalten werden. Echt viele Leute haben sich vernetzt und in Pods zusammengeschlossen. 

Kay aus deinem Pod liebt es, wilden, anonymen Sex zu haben und geht richtig ein bei der Vorstellung, auf Tinder immer nur swipen, aber nie die Menschen auch treffen zu können. Ihr besprecht, dass they sich mit einer Person aus dem Internet verabreden kann. Das Sexdate soll in einem Hotel stattfinden. Danach kann Kay noch eine Weile im Hotel bleiben und sich isolieren, bis klar ist, ob they sich mit Covid angesteckt hat oder nicht. So ähnlich will es auch das anonyme Tinder-Date machen. Kein Problem, die Sache mit dem Hotel. Ihr könnte euch mit dem Corona-Geld locker das Hotelzimmer leisten. 

Ein paar Leute arbeiten jetzt im sogenannten Homeoffice. Den Internetzugang kriegen sie bezahlt und die Computer natürlich auch. Das wurde so ähnlich organisiert wie mit den Schüler:innen. Neue Geräte wurden an die verteilt, die sie dringend brauchten, ansonsten kannst du gerade nur gebrauchte Elektronikware kaufen. Die Erze und so kommen schließlich aus Minen, die unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und schrecklicher Umweltzerstörung operieren. Das wollt ihr, als Gesellschaft, einfach nicht mehr unterstützen. Abgesehen davon, dass die Menschen, die in den Minen arbeiten, sich kollektiviert haben und sich die Herstellung von Wegwerfprodukten gar nicht lohnt. Na ja, zurück zu dir und deinem Pod. Es nervt, dass du am Küchentisch deine Büromaloche erledigst, und die beiden Jugendlichen, die E-Learning machen sollen, finden das auch nicht so entspannt. Ist aber kein Problem. Erinnerst du dich noch an diesen nervigen, teuren Coworking-Space, der in deiner Straße eröffnet hat? Tja, der ist jetzt gratis und ihr könnt ihn, wie im Fitti, mit einem Schichtplan coronagerecht nutzen. 

Die Bahnen und Busse sind fast leer. Ticketkontrollen, die das Corona-Risiko erhöhen, gibt es nicht. Generell wird nichts kontrolliert. Die Polizei und das Ordnungsamt halten sich schließlich auch an die Social-Distancing-Gebote und bleiben zu Hause. Einfach schön. 

Obwohl Dezember ist, geht dein Pod total gerne raus. Ihr macht dann Picknick zusammen und genießt die frische Luft. Irgendwie ist die Luft total clean geworden, wieso nur? Liegt vielleicht an den wenigen Flugreisen! Es fliegen eigentlich nur noch Menschen aus superwichtigen Gründen: z. B., um ihre Familien zu besuchen oder um von einem Land in ein anderes zu fliehen oder migrieren. Es gibt zwar keine Flugbegleiter:innen, die Snacks und Ohrstöpsel austeilen, aber dafür gibt es auch keine Grenzbeamt:innen. Niemand braucht mehr in ein Schlauchboot zu steigen. Sicher ist sicher! Die Devise lautet schließlich: Gemeinsam gegen Corona …“