Weihnachten feiern?

Wie umgehen mit dem Konsum, dem Religiösen, der Care-Arbeit und dem Fest, fragt sich unsere Kolumnist*in.

22.12.20 > Josephine Apraku
Profilfoto Josephine Apraku

Josephine Apraku
ist neues Elternteil. Zusammen mit Jule Bönkost leitet sie das Institut für diskriminierungsfreie Bildung.

Text: Josephine Apraku
Illustration: Tine Fetz

Als Kind fand ich Weihnachten toll: Süßigkeiten als gäbe es kein Morgen, die neuen Disney-Videos in Dauerschleife gucken, mit neuen Spielsachen spielen, rumhängen. Im Grunde hat sich meine Vorstellung davon, was es heißt eine gute Zeit zu haben wenig verändert. Inzwischen finde ich Weihnachten aber ätzend: Krampfhaft Zeug für Leute besorgen die eigentlich schon alles haben, ein christliches Fest feiern, dessen aktueller Rahmen – so vermute ich als bekennende*r Heid*in – allem entgegensteht wofür Jesus’ Geburt steht und Essen, viel zu viel Essen. Mir ist klar, dass es am Ende des Tages davon abhängt, was ich daraus mache.
Mit Kind bekommt das nochmal ’ne neue Dimension. Ohne Kind ist es vergleichsweise easy für sich selbst zu sagen “ja, da mach ich halt nich mit – ich chill’ allein zu Hause”. Mit Kind muss ich plötzlich neu navigieren: Überhaupt feiern? Wenn ja, wie feiern? Mit wem? Mit der freiwilligen Familie oder der biologischen Familie? Mit beiden? Was feiern wir eigentlich? Feiern wir ein religiöses Fest? Feiern wir ein kapitalistisches Fest an dem sich die Jeff Bezos’ der Welt wahrscheinlich am meisten erfreuen? Feiern wir die Jahreszeit? Feiern wir andere Jahreszeiten? Feiern wir überhaupt religiöse Feste, also von irgendeiner Religion? Wird Ostern bei uns automatisch zum Frühlingsfest? Feiern wir gar nix außer Geburtstag?

Dieses Jahr bin ich noch fein raus. Obwohl das Kind – wahrscheinlich unwissentlich – schon einiges an Weihnachtsbastelei aus der Kita mitgebracht hat, ist der Wortschatz von meinem Kind genauso groß, dass es Wesentliches kommunizieren kann, ich allerdings noch keine elaborierte Argumentation meiner Position darlegen muss. Trotzdem muss ich mich natürlich fragen worum es mir eigentlich geht. Um das hier also kurz transparent zu machen, mir geht es letztlich darum dem Kleinkind Werte vorzuleben, die ich wichtig finde. Solidarität und Selbstreflexion gehören für mich dazu, genauso wie Grenzen setzen und Selbstbestimmung.

Mental Load? Shit is real! Zu den Weihnachtsfeiertagen ist der Mental Load quasi auf Steroiden. Deshalb ist ein weiterer Punkt der zu den Feiertagen mitgedacht werden muss für mich als Feminist*in der Aspekt der Care-Arbeit, der sich im Zusammenhang mit den verschiedenen Festen, die sich auf das Jahr verteilen, nochmal verstärkt. Mareice Kaiser hat dazu nen treffenden Kommentar geschrieben.
Weihnachtskalender: kaufen oder selber basteln und befüllen. Zum Nikolaus heißt es dann Schuhe putzen und noch mehr Zeug zum Befüllen anschaffen. Geschenke käuflich erstehen oder basteln oder vorbereiten. Dann alles hübsch einpacken, Wintergrün besorgen und in der Wohnung verteilen, außerdem Wohnung schmücken – insbesondere zu den Adventssonntagen –, Essen für die Feiertage planen und einkaufen und zubereiten. Entspannte Mama sein geht so nicht.

Wir feiern jetzt jedenfalls erstmal ein Winterfest und dass dieses ätzende Jahr endlich vorbei ist. Und wenn alles gut läuft verbringen wir die nächsten Jahre mit vielen unterschiedlichen Menschen, die unterschiedliche Feste auf verschiedene Art zelebrieren – einige religiös, andere einfach nur so und ohne Grund. Am wichtigsten: Wir bleiben offen für all die Aushandlungsprozesse, die da noch kommen werden. Es bleibt ein Prozess, wie alles im Leben.