Ciao 2020

Unsere Kolumnistin reflektiert das vergangene Jahr: politisch, persönlich und mit Postost-Brille

Profilfoto Julia Wasenmüller

Julia Wasenmüller
Julia Wasenmüller ist freie Autorin. Sie schreibt über Queerfeminismus, Klassismus und postsowjetische Migration. Während ihres Politikstudiums lebte sie mehrmals in Lateinamerika, zuletzt in Buenos Aires. Sie ist Mitgründerin des Kollektivs PostOstMigrantifa und will 1. dass russischsprachige Migrant*innen (und sowieso alle Menschen) aufhören, die AfD zu wählen und 2. Almans (und sowieso alle reichen Menschen) endlich ihr Geld teilen. Auf twitter schreibt sie unter @ju_wasenmueller.

Text: Julia Wasenmüller
Illustration: EL BOUM

Eine Kolumne kurz nach 2020 zu schreiben ist ein Brett. Ich schwanke zwischen banal-lustigem wie: „Hey, ich geb` euch eine Tour durch die Albumcover meiner 90er-2000er russischen Pop-Playlist“ zu tiefsinnigen Rück- und Ausblicksszenarien, wie sie im ZDF gezeigt werden. Weil ich mich seit Tagen nicht entscheiden kann, mache ich jetzt ein bisschen von allem: bisschen Rückblick, bisschen Ausblick, bisschen Politik, bisschen mein Life 2020. Alles mit Postost-Brille, denn darum geht es in dieser Kolumne – bislang zumindest. Und dafür haben mir Menschen im Laufe des Jahres Leser*innenbriefe – also Mails – oder auch Sprachnachrichten auf Instagram geschickt.

Ich habe kürzlich ein kleines Büchlein angelegt, um diese Nachrichten festzuhalten für Momente, in denen mal wieder (m)eine Journalismuskrise kickt. In einer dieser Nachrichten sagte eine Person, dass wir dieses Jahr viel geleistet und erreicht hätten und dass gerade etwas passiere. Mit „wir“ meint er die Bubble postsowjetischer Migras in Deutschland und genauer diejenigen, die links der Mitte stehen. Mit „es passiert etwas“, meint er, dass wir in den letzten Monaten unsere Geschichten erzählt haben und uns endlich sichtbar machen.

Am 14. Januar 2020 ging die erste Folge des Podcasts x3 von Julia Boxler, Helena Melikov und Ani Menua online. Seitdem gibt es alle zwei Wochen eine Sendung zu Themen und Lebenswelten der  postsowjetischen Community in Deutschland. Als ich im August bei x3 zu Gast war, unterhielten wir uns über Klassismus, soziale Herkunft und die Arbeitsmoral von Migrant*innen und insbesondere die unserer Eltern. Irgendwann ging es um eine notwendige Erbschaftssteuer und ich ließ mich zu einem Plädoyer für die Enteignung von Deutsche Wohnen & Co. hinreißen. Die Diskussion über „Enteignung or not“ und was dieses Wort bei Menschen mit Bezug zur Sowjetunion auslöst, haben wir erstmal rausgeschnitten. Ich fände es spannend die Debatte an anderer Stelle wieder aufzugreifen. 2021 Umverteilung reloaded. Unter anderem angestoßen durch x3 habe ich mich nach Jahren des Nichtsdavonwissen-Wollens wieder mehr mit russischer Politik beschäftigt. Damit, dass Antifa-Assoziierte im sogenannten Netzwerkfall eingeknastet werden, wo offensichtlich ist, dass der Fall vom russischen Geheimdienst FSB konstruiert ist. Oder damit, dass im Juli in Russland eine Verfassungsreform durchgedrückt wurde, die ermöglicht, dass Putin noch bis 2036 regieren könnte. Oder dass die Künstlerin und LGBTQ-Aktivistin Julia Zwetkowa festgenommen wurde, weil sie Vulven zeichnet und in den Sozialen Medien veröffentlicht.

Zurück nach Deutschland: Im Juni habe ich eine Kolumne zu Sowjetfetisch und fehlgeleiteter Alman-Erinnerungskultur geschrieben, vielleicht erinnert ihr euch. Dafür wurde ich erstmal ein paar Tage auf Twitter mit Stalin-Gifs zugeknallt.

Im Oktober 2020 lief dann der Kurzfilm Masel Tov Cocktail im Ersten. Der 16-jährige Dima führt durch sein Zuhause, eine Hochhaussiedlung im Ruhrgebiet. Dima ist Sohn russischer Einwander*innen, Gymnasiast und Jude. Über 90% der Juden und Jüd*innen in Deutschland kommen wie Dimas Familie aus der ehemaligen Sowjetunion. Masel Tov Cocktail gehört ins Pflichtprogramm jeder deutschen Schule. Der Film liefert Bilder über die Lebensrealität von jüdischen Menschen in Deutschland und Zahlen über das falsche Selbstbild vieler Almans: Zum Beispiel, dass 29 Prozent der Deutschen denken, ihre Vorfahren hätten NS-Opfern geholfen. Dabei waren es weniger als 0.1 Prozent. Noch eine Zahl: 69 Prozent aller Deutschen glauben, dass ihre Vorfahren nicht unter den Täter*innen im NS gewesen seien. Einzeltäter-These schon lange beliebt in diesem Land.

Hanau,  Migrantifa, der Mord an George Floyd und BLM: Ich habe 2020 viel über breite Antira-Bündnisse und Solidarität unter Migrant*innen nachgedacht und geschrieben.
Was die spezifische Geschichte russlanddeutscher Spätaussiedler*innen betrifft fehlt es an Wissen, selbst in politisch sonst ziemlich woken Kreisen. Im November, in den letzten Tagen des US-Wahlkampfes, twitterte der Journalist und Autor Hasnain Kazim, die Auswahl der deutschen US-Experten im Fernsehen sei so willkürlich wie die Einwanderung der Russlanddeutschen in den 90ern. Allein der Besitz eines deutschen Schäferhundes habe damals gereicht, um die deutsche Staatsbürger*innenschaft zu bekommen. Hasnain hat den Tweet mittlerweile gelöscht, nachdem er über mehrere Tage nicht auf Kritik reagierte. Eine Debatte darüber, dass es unsolidarisch und unnötig ist, eine migrantische Gruppe für ihre im Vergleich privilegierten Aufnahmebedingungen zu bashen, anstatt darin Deutschlands rassistische Migrationspolitik zu erkennen, blieb bislang aus.

Dann, Ende November, erschien Erica Zinghers Text „Was wächst auf Beton?“ in der taz. Sie erzählt die Geschichte der Einwanderung von jüdischen Kontingentflüchtlingen anhand ihrer eigenen Familiengeschichte und ich hatte bereits beim ersten Lesen das Gefühl, dass dieser Text ein Meilenstein ist. Etwas, worauf sich ab jetzt alle beziehen können, die in den vielen Kleinmoskaus der Bundesrepublik aufgewachsen sind. Teilweise löst er schmerzhafte Erinnerungen in mir aus: die erfundenen Geschichten am Montagmorgen im Erzählkreis in der Grundschule, die Suche nach einem ungestörten Ort, an dem mich niemand hört, wenn ich mit meinen Eltern oder Großeltern telefoniere, der Automatismus, die Autofenster zuzumachen, sobald meine Mutter eine russische CD einlegt, die zwei Optionen, die Erica Zingher für Migrant*innen in Deutschland ausmacht: Pass dich an oder verkriech dich unter deinesgleichen.

Dann, im zweiten Lockdown, gab es einen Abend, an dem ich verstanden habe, warum sto gramm und saure Gurken geil sind und gerade in der Kombi unschlagbar. An diesem Abend wurden mit jedem Schluck aus dem handlichen Edelstahlbecher mindestens 15 Jahre antrainierte Anpassung runtergespült. Russische Popmusik ist voll peinlich? Ciao, saure Gurke hinterher. Mit dieser Adidasjacke sehe ich aus wie einer von den Ostboys? I own it, irgendwann wird es Postost-Youtube-Formate in cool und queer und liebenswert geben. Zack, eine eingelegte Tomate darauf. Die Tracks an diesem Abend: von Белые розы* zu Чёрный бумер**. Beides wünsche ich mir für die Zukunft, gern kollektiviert und der бумер reicht auch erstmal als Leihwagen für eine Fahrt. Und damit: с новым годом!

*Белые розы heißt «Weiße Rosen» und ist ein Song von Yuri Shatunov (1989)
** Чёрный бумер heißt «Schwarzer BMW» und ist ein Song von Seryoga (2005)