Tränen und Händchenhalten

JJ Bolas „Sei kein Mann“ über toxische Männlichkeit ist auch für fortgeschrittene Feministen ein Gewinn.

11.01.21 > , Literatur & Comics

Von Rayén Garance Feil

Die Maske, die Männer seit Jahrhunderten tragen, muss komplett abgenommen werden, damit wir die wahren Gesichter dahinter erkennen können“, schreibt JJ Bola. Auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für einen Freund erregte Bolas Buch mit dem plakativen Titel „Sei kein Mann“ meine Aufmerksamkeit. Nach kurzer Sorge darüber, dass

die Botschaft bei meinem Judith Butler lesenden, Samt-Scrunchie tragenden cis hetero Freund, für den kritische Männlichkeit kein Fremdwort ist, falsch ankommen könnte (also als persönlicher Vorwurf toxischer Männlichkeit), entschied ich mich dann trotzdem dafür.

Wenig später las ich das Buch selbst. Der britisch-kongolesische Autor und Aktivist, der als Teenager „mit seinen eigenen Männlichkeiten zu kämpfen hatte“, klärt darin über die zerstörerischen Auswirkungen vorherrschender Männlichkeitsideale und -mythen in patriarchalen Gesellschaften auf. Entlang der Themen Gewalt, psychische Gesundheit, sexuelle Beziehungen, Politik, Feminismus, Social Media und Sport zeigt Bola, warum toxische Männlichkeit nicht nur für Frauen und queere Personen schädlich ist, sondern auch für Männer selbst. Natürlich geht es nicht darum, dass Mannsein per se schlecht ist, sondern darum, dass es für Männer besser wäre, nicht die Art von Mann sein zu müssen, die das Patriarchat vorgibt: „Erst wenn wir keine stereotypen Männer mehr sein müssen, können wir sein, wer wir sein möchten“, bringt es Bola auf den Punkt. Dann wären Männertränen auch außerhalb des Sports akzeptiert, wäre Händchenhalten auch unter heterosexuellen Männern normal und Suizidraten würden sinken. Darum sei es wichtig, dass Jungs Bücher von Frauen und Feminist*innen lesen oder über die Normalität von Geschlechterfluidität in z. B. indigenen Gesellschaften lernen.

Missy Magazine 01/21, Typenparade, Beitrag und Text
© Tunde Somoye

„Sei kein Mann“ ist eine Einführung in die Diskurse kritischer Männlichkeit aus intersektionaler Perspektive, gespickt mit persönlichen Erfahrungen, popkulturellen Referenzen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ermutigt Jungs und Männer, neue Männlichkeiten abseits starrer und binärer Geschlechterkonzepte zu leben – zu ihrem eigenen Vorteil und zu dem aller Gender. Für JJ Bola ist Männlichkeit nämlich nur im Singular ein Albtraum für Jungs, Männlichkeiten im Plural dagegen sind ein erfüllbarer Traum.

JJ Bola „Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraumfür Jungs ist“ Aus dem Englischen von Malcolm Ohanwe. hanserblau, 160 S., 16 Euro

Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/21.

 

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