Von Macht und Männlichkeit

Erst okay, dann beschämt: Wie sich die Perspektiven auf Übergriffe verschieben können.

Profilfoto Sascha Rijkeboer

Sascha Rijkeboer
Sascha hieß nicht immer Sascha. Aber jetzt heißt Sascha so. Sascha kam 1992 in den Niederlanden als Kind eines holländisch/tschechischen Paares zur Welt. Zur Zeit arbeitet Sascha in einer Bar in Basel, setzt sich für queerfeministische Anliegen ein und leistet als non-binäre trans Person Öffentlichkeitsarbeit in unterschiedlichen Kontexten, z. B. schreibt Sascha aktuell Kolumnen für Bajour und das Missy Magazine. Sascha tourt mit einem queer Spoken-Word-Programm in der Deutschschweiz. Foto: Anne Gabriel-Jürgens

Es war einer dieser Abende, auf die man stolz ist in der Jugend und für die man sich schämt im Erwachsenenalter, weil man die Ungleichheiten deutlich vor sich sieht: Wir drei Freund*innen – damals dachten wir, wir alle drei wären cis und hetero – besuchten ein Konzert eines berühmten Musikers und seiner berühmten Begleitung in einem kleinen Konzertlokal einer Kleinstadt in der Schweiz. Die eine Freundin stürmte gegen Ende auf die Bühne und begann, mit dem Sänger zu tanzen, Securitys wollten sie davon abhalten, aber sie war schön und der berühmte Musiker fand sie auch schön und so hielt er sie an der Hüfte und auf der Bühne. Und nahm sie mit in den Backstage-Bereich.

Die andere Freundin und ich wussten nicht, wohin mit uns, die schöne Freundin hatte unsere Zettel für die Garderobe, also stürmten wir den Backstage-Bereich und gerade als wir in den Aufenthaltsraum der Band platzten, hielten uns die Securitys zurück. Der berühmte Musiker freute sich aber über noch mehr junge Frauen und ihre Freundinnen und wir durften bleiben. Interessant finde ich die symbolische An- und Abwesenheit der Securitys: Sie waren stets da, um die Musiker zu schützen, doch nur bis an die Grenze der Bühne oder des Backstages. Sie waren nicht da, um uns zu schützen.

 

Denn während sich zwei der berühmten Musiker an jungen weiblichen Körpern vergnügten, wurde gekokst, getrunken, geraucht, gegrapscht, gelacht und gekifft. Ein Musiker war einigermaßen „respektvoll“, wie ich damals fand, er griff mir „nur“ zwischen die Beine, aber nicht an meine Vulva. Aber irgendwie mochte ich es auch, diese Aufmerksamkeit von Männern zu kriegen, die selbst so viel Aufmerksamkeit kriegen – jetzt galt sie ganz uns. Das ist auch, wofür ich mich heute am meisten schäme: dass ich einen Übergriff auf meinen Körper zuließ, weil ich dachte, dass ich nur auf diesem Weg eine Aufmerksamkeit – oder die meiste Aufmerksamkeit – kriege. Dass ich als Mensch mit meinen Gedanken und Fähigkeiten weniger interessant bin als als junger, weiblicher, sexueller Körper.

Aber im Nachhinein ist man immer schlauer – insbesondere was die Zeit der Adoleszenz betrifft. Ich find’s interessant zu betrachten, wie sich mein Verhältnis zu diesem Abend über die Jahre verschoben hat: von anfänglichem Stolz, dass wir einen solchen Wahnsinn (mit SO berühmten Menschen) erlebten, über eine Scham, den eigenen Körper so ausbeuten zu lassen, hin zur Empörung, dass und wie sich Machtverhältnisse in unsere Körper einschreiben.

Ich wollte erst feststellen: Es ist ein männliches Problem, es ist ein männlicher Habitus, dazu erzogen worden zu sein zu denken, man könne sich alles aneignen, weil es einem per Geburtsrecht als Mann in dieser Gesellschaft zusteht. Denn diese Musiker verhielten sich ganz klar nach diesem Schema: Ich nehme mir mal und würde erst damit aufhören, wenn mir jemand „Stopp“ sagen würde (vielleicht aber nicht einmal dann). Ich merke trotzdem: Es ist ein ganz grundsätzliches Machtproblem, auch Frauen oder intergeschlechtliche oder non-binäre Menschen können Macht missbrauchen – es gehen schließlich nicht nur Übergriffe von Männern aus, sondern immer von Menschen mit Macht. Aber dann fiel mir ein, dass Macht in unserer Gesellschaft größtenteils auf Männer verteilt ist. Und so stelle ich fest: Es ist ein universelles Machtproblem, aber halt immer noch ein sehr männliches.

Heute bin ich sofort auf der Hut, wenn mir Menschen begegnen, die mehr Macht haben als ich – und ärgere mich jedesmal, wenn ich die Person dann doch länger sprechen lasse als mich selber, ohne dass der Inhalt besonders schlau oder spannend wäre. Einfach nur, weil die Person es schafft, mir zu signalisieren: Wir interessieren uns jetzt für mich.